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Draußen vor der Stadt sitzt auch heute ein blinder Bettler. Er wird uns sogar namentlich vorgestellt: es ist Bartimäus, also der Sohn des Timäus. Offenbar ist er stadtbekannt, denn sonst macht die Namensnennung in der Bibel wenig Sinn. Bartimäus hat einen guten Platz zum Betteln er-
gattert. Hier, an der Straße nach Jerusalem, müssen nämlich alle irgendwann an ihm vorbei.
Zum Jubel über gute Geschäfte besteht bei ihm aber dennoch kein Anlass. Blind ist er, und Blindheit gilt wie andere Behinderungen als Strafe Gottes für begangene Sünden. Er sitzt hier nicht nur draußen vor der Stadt, sondern sitzt auch draußen vor der ganzen Gemein-
schaft der gläubigen Juden. Er ist gewissermaßen exkommuniziert; man meidet den Kontakt mit ihm.
Wie ein Häufchen Elend sitzt er da, seinen Mantel vor sich ausgebreitet. Bartimäus ist immer, Tag für Tag, Jahr für Jahr, auf die Gnade und Barmherzigkeit anderer angewiesen. Diese Barmherzigkeit wirft man ihm in kleiner Münze vor die Füße, in seinen Mantel, damit das Kleingeld nicht wegrollt. Eine deutliche Verachtung erkennt man in den Gesichtern so mancher Wallfahrer, denn so einer hat es schließlich nicht besser verdient. Wer weiß, warum er mit Blindheit geschlagen ist. Wer weiß, für welche Untaten er hier zu Recht büßt….
Aber man will ja nicht so sein. Schließlich ist man als Pilger verpflichtet, Werke der Barmherzigkeit zu tun. Und fromm, wie man ist, gibt man diesem armen Würstchen halt sein Scherflein. Oder aber man schaut beim Vorübergehen einfach nicht hin – das ist eindeutig die preiswertere Lösung.
Bartimäus ist im wahrsten Sinne des Wortes am Boden. Er war aber nicht immer blind. Voller Ver-
zweiflung denkt er an die Zeit zurück, als er sehen konnte, als er noch kein Ausgestoßener war.
Mit der Erblindung hat er nicht nur sein Augenlicht verloren, sondern auch seine Freunde, seine Familie, seine Arbeit und vor allem seine Menschenwürde.
Die Rollen sind somit klar verteilt. Er muss hier den Verachteten spielen, sein Leben lang. Andere be-
stimmen einfach so im Vorübergehen, was ihm ihrer Meinung nach zusteht oder nicht. So manches Mal wird er schon vor sich hin geseufzt haben: Ach, könnte ich doch bloß wieder sehen!
Auch heute hat er wieder solche Gedanken. Wieder einmal wälzt sich eine große Menschenmenge aus der Stadt heraus. Wieder einmal wird sich innerhalb einer einzigen Stunde entscheiden, ob er heute Abend genug zu Essen bekommt oder nicht. Bartimäus ist seit seiner Erblindung viel hellhöriger geworden. Er spürt deshalb, dass heute doch irgend etwas anders ist. Es sind noch mehr Menschen da als gewöhnlich. Er hört, wie aufge-
regt die Menschenmenge heute ist. Da liegt etwas in der Luft, da ist etwas im Gange!
Bartimäus spitzt die Ohren. Aus dem Stimmengewirr hört er heraus, dass dieser Rabbi Jesus in der Stadt war und jeden Moment mit seinen Jüngern hier vorbei-
kommen muss. Bartimäus ist blind, aber nicht blöd. Natürlich interessiert er sich für alles, und natürlich hat er schon viel von diesem Rabbi gehört. Viele Juden haben schon von seinen Wundertaten erzählt. Viele hoffen inständig, dass er in Jerusalem einmarschieren und König der Juden werden wird.
Bartimäus erkennt blitzschnell: Das ist für mich wie ein Sechser im Lotto! Solch eine Riesen-Chance bekomme ich nie wieder! Das darf ich jetzt auf keinen Fall ver-
masseln!
Nur noch wenige Meter ist dieser Jesus von ihm ent-
fernt, und um ihn herum eine große Menschentraube. Viele sind es, viel zu viele, die da mit ihm ziehen, vielleicht in der Hoffnung auf etwas Spektakuläres.
Jesus ist regelrecht eingekesselt von der Menge. Nur langsam kommt er vorwärts. Nur noch wenige Meter, nur noch Sekunden! Bartimäus stockt fast der Atem. Niemand ist da, der sich für ihn interessiert. Niemand wird ihm helfen, zu Jesus zu kommen.
In Sekunden-
bruchteilen hat er es begriffen. -- Jetzt! Jetzt!
Bartimäus ruft. Er schreit es hinaus, alle seine Not und Hilflosigkeit: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ - Er schreit sich die Seele aus dem Leib. Es ist ein Schrei der Verzweiflung. Es schreit einfach aus ihm heraus - ja, der ganze Mann ist jetzt ein einziger Schrei. Fast schon ein Fall für den Lärmschutz!
Das ärgert die frommen Pilger natürlich ganz gewaltig. Das Subjekt da stört sie. Die Ohren tun ihnen weh. - Ein besonders heftiger Störfall ist das! Womöglich wird die-
ser Rabbi Jesus ihn noch hören und mit ihm sprechen. Das fehlte gerade noch, denn das würde ihren Marsch nur verzögern, das würde sie aus dem Tritt bringen.
So geht man nicht gerade zimperlich mit dem Schreihals um. Im Bibeltext heißt es: „Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen.“ Wir können da heraus-
hören, wie barsch man mit ihm umgesprungen ist.
„Halt die Klappe, du störst!“ - So oder so ähnlich wird es geklungen haben. Von so einem lässt man sich doch nichts kaputtmachen! Bartimäus ist geschockt. Aber er lässt sich jetzt den Mund nicht verbieten. Jetzt nicht, egal, was sie nachher mit ihm machen! Für Gefühle wie Scham, Angst oder Stolz ist bei ihm jetzt kein Platz. Bartimäus brüllt es aus sich heraus: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
Es ist, als würde die Welt um ihn herum plötzlich den Atem anhalten. Die ganze Kara-
wane bleibt tatsächlich stehen. Und tatsächlich hat dieser Jesus ihn gehört. Bartimäus ist jetzt fast schon erschreckt über seinen Mut. In seiner Magengegend rumort es, als hätte er im Zug unberechtigt die Not-
bremse gezogen. Was wird jetzt wohl geschehen?
Wird Jesus zu ihm kommen?
Doch da hört Bartimäus schon, wie Jesus die um-
stehenden Pilger anweist: „Ruft ihn her!“
Das ist kurz und präzise. „Ruft ihn her!“ - Jesus hat sofort die Mitmenschen des Blinden geschickt mit einbezogen in das Geschehen. Sie sollen ihren Teil beitragen. - Was für eine Überraschung: die Leute sind wie ausgewechselt! Es ist, als wären sie von Jesus aus dem Schlaf wachgerüttelt: Schaut mal, da ist einer, der um alles in der Welt zu Jesus will! Schaut mal, da ist einer, der riskiert aber was!
Tatsächlich: Jetzt erst nehmen einige den Blinden so richtig wahr. Einige gehen sofort auf Bartimäus zu und ermuntern ihn jetzt sogar ausdrücklich: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“
Das sind wirklich ganz neue Töne! Bartimäus ist wie elektrisiert. Jetzt geschieht es: Er wirft seinen Mantel weg, springt auf und rennt blind auf Jesus zu! Was für ein Wagnis!
Bartimäus lässt seinen Mantel ein-
fach liegen. Der ist
jetzt nur unnützer Ballast, nur hinderlich! Dabei ist der Mantel für ihn doch vermutlich der einzige Besitz und seine Lebensversicherung: tagsüber braucht er ihn zum Betteln, und nachts braucht er ihn gegen die Kälte. Ein solcher Mantel ist das absolute Existenzminimum. Er durfte deshalb damals auch keinem Armen wegge-
pfändet werden.
Bartimäus ist das jetzt egal. Schnell weg damit! Ohne Rückversicherung, ohne Wenn und Aber rennt er auf Jesus zu. -- Rennen? Ein Blinder? Auch dies zeigt: Bartimäus ist voller Vertrauen und ist sich seiner Sache ganz sicher. Er verlässt sich wirklich blindlings auf diesen Mann. Dieser Jesus wird mir helfen! Hätte er mich sonst gerufen? – Alle Hindernisse seiner Be-
hinderung sind plötzlich keine wirklichen Hindernisse mehr für ihn. Es gibt nur eins: So schnell wie möglich zu diesem Jesus! - Und tatsächlich: er kommt unbeschadet bei Jesus an.
Doch dann folgt die nächste Überraschung. Dieser Jesus fragt ihn doch tatsächlich: „Was soll ich dir tun?“ – Was für eine Frage, das sieht man doch wirklich!
Es muss also einen tieferen Grund haben, dass Jesus den Blinden mit einer Frage zu einer Aussage bewegen will. Heutige Psychologen sagen das auch: Friss deinen Kummer nicht in dich hinein – du musst endlich aus-
sprechen, was dich bedrückt. Und du musst aus-
sprechen, was du wirklich willst!
Bartimäus weiß, was er wirklich will. Jesus will, dass er diese Sehnsucht auch ausspricht. Jesus will, dass man zu ihm kommt und ihm sein Herz ausschüttet.
Bartimäus hat eine Sehn-
sucht. Eine große Sehnsucht. Er will es nicht eine Nummer kleiner. Es geht um’s Ganze, und das spricht er auch aus: "Rabbuni,
ich möchte wieder sehen können.“
Wir können uns gut vorstellen, wie ihm jetzt zumute ist. Mit all seinem Elend ist er zu Jesus geeilt. Nun wartet er ganz angespannt auf dessen Reaktion. Was wird nun wohl mit ihm geschehen?
Vielleicht sind wir ebenso verblüfft wie Bartimäus. Nichts Spektakuläres passiert. Keine Lehmpaste auf die Au-
gen, noch nicht einmal eine Berührung. Jesus spricht einfach nur einen Satz, einen kurzen Satz, der es in sich hat: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ – Das Evan-
gelium fügt nur kurz hinzu: „Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.“
Dein Glaube hat dir geholfen! – Diese Aussage ist bemerkenswert: Das Evangelium zeigt, dass dieser Blinde genau genommen vielleicht gar nicht so blind war, wie wir denken. Klar, er war äußerlich blind, seine Augen konnten das Licht nicht sehen. Aber innerlich,
da war er alles andere als blind. Er hat mehr Durchblick als so mancher, der meint, ein Sehender zu sein. Dem Bartimäus sind die Augen schon aufgegangen, als er aus Leibeskräften nach Jesus rief. Ihm ist es da wie Schuppen von den Augen gefallen: Der ist es, das ist Jesus, der Sohn Davids, der angekündigte Messias!
Mit allen meinen Schwächen will ich mich aufmachen zu ihm und will ihm meine Not bekennen. Er wird mich aufrichten, er wird mir ein neues Leben schenken, ein Leben ohne Bettlermantel.
Bartimäus glaubt. Bartimäus vertraut Jesus voll und ganz. Für ihn würde er seine Hand ins Feuer legen. Interessant ist, dass er eigentlich nicht nur sagt, er wolle wieder sehen können. Im Orginaltext steht da noch eine Vorsilbe. Sie bedeutet so viel wie: hinauf, empor, hindurch. Bartimäus will nicht nur wieder sehen können. Er will wieder aufblicken können, er will nach oben sehen können. Es geht ihm um mehr als das Erkennen können von Menschen, Tieren, Pflanzen usw. - Bartimäus will tiefer sehen können, will erkennen können, will nicht nur oberflächlich mal gucken.
Jesus ist vom Glauben und Vertrauen dieses Mannes tief beein-
druckt. Der hat sich wirklich kein Hinter-
türchen offen ge-
lassen. Mit diesem geradezu kindlichen Glauben hat sich Bartimäus selbst dafür bereit gemacht, mit Jesu Hilfe wirklich sehen zu können. Da können sich auch die Jünger Jesu eine Scheibe von abschneiden, die sich beispielsweise so gerne Gedanken darüber machen, wer im Himmel neben Jesus sitzen darf.
Der Schluss macht es ganz deutlich: Bartimäus sieht jetzt wirklich. Er sieht, wer Jesus ist. Und er folgt ihm nach. Genauer heißt es: „…und er folgte Jesus auf seinem Weg.“
Das steht da natürlich nicht grundlos. Wenn er Jesus auf dessen Weg folgte, dann heißt das, dass er tat-
sächlich mitging bis nach Jerusalem. Es heißt, dass
er mitging bis zu den bittersten Stunden Jesu. - Ja, Bartimäus konnte wirklich sehen. Man möchte fast hinzufügen: …und wie!
Bartimäus wird uns heute im Evangelium als Vorbild im Glauben vorgestellt. Er hat seine alten Sicherheiten verlassen und hat sich ohne Zögern auf den Weg gemacht, hin zu Jesus. Dabei hatte er es so eilig, dass er etwas für damalige Männer Entwürdigendes und für Blinde ganz Gefährliches machte: er lief, er rannte!
Das Evangelium hält uns allen hier einen Spiegel vor: Schau du dich jetzt mal selbst an – wie ist es denn mit dir? Vertraust du Jesus auch so?
Was antwortest du, wenn Jesus dich fragt: „Was soll ich dir tun?“
Wirst du dann eher antworten: „Ach nee, lass mal gut sein. Ich weiß ja, wieviel du zu tun hast. Ich finde mich damit ab, dass du dich da nicht auch noch um mich kümmern kannst…“ – Sowas ist keine Höflichkeit, sagt das Evangelium. Nein, das ist eigentlich Unglaube. Wer nicht zu Jesus kommt, wer ihm sein Herz nicht aus-
schütten will, der glaubt insgeheim gar nicht, dass Jesus ihm helfen kann und helfen wird.
Solche Leute sind wirklich blind, sagt das Evangelium. Solche Leute sind so schrecklich blind, dass man das kaum beschreiben kann. Sie gehen blind durch’s Leben, sie sind wirkliche Blindgänger.
Lassen wir uns also wachrütteln, lassen wir uns vom Evangelium die Augen öffnen: Klammere dich nicht an deine gewohnte Ordnung und vermeintliche Sicherheit! Hülle dich nicht in deinen dicken Blinden-Mantel!
Der Pfarrer von Ars formulierte es einmal so: „Gott liebt es, belästigt zu werden!“ – Das heutige Evangelium bestätigt dies. Belästigen wir also Gott, wenden wir uns voll Vertrauen an ihn. Dazu müssen wir freilich wie Bartimäus sein: nämlich genau hinhören! Dann werden auch wir mitkriegen, dass Jesus jetzt ganz in unserer Nähe ist. Werden wir ihn rufen, werden wir aufstehen? Oder riskieren wir, blind oder ganz kurzsichtig zu bleiben?

Predigt Dr. Thomas Philipp (pdf)
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Predigten u. Fürbitten Karl-Leisner-Jugend
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Predigt Pfr. Dr. Jörg Sieger
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Predigt Bischof Dr. Stephan Ackermann
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VIRC Wien: Lesungstexte und Kurzkommentar (pdf)
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Kath. Bibelwerk: Lektorenhilfe (pdf)
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Meditativer Text von Hermann Josef Coenen: „Ich bin nicht blind, aber kurzsichtig bin ich! Ich sehe nur, was direkt vor mir liegt…“ (auf der angeklickten Seite nach unten scrollen!) >> BITTE KLICKEN !
Predigt Pfr. Fritz Kabbe (pdf)
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Sonntag der Weltmission – Liturgievorschläge
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Kinder-Bibelnachmittag „Bartimäus“ (pdf)
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Predigt über den Einsturz der berühmten Mauern von Jericho >> BITTE KLICKEN !
Bibelwissenschaftliches über Jericho
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Nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Das Ehe-
paar aus Sachsen steht vor der Kasse bei ALDI in einer langen Schlange. Er sagt darauf zu ihr: „Vierzch Johre hobn mer inne Schlonge gestonden; un nu gehöre mer zum guldnen Westen un müssen wiedr inne Schlange stehn."
Da dreht sich der Türke weiter vorne in der Schlange um und sagt ganz empört: „Wir Euch nix haben gerufen!"
Ärger im Paradies: Adam kommt wieder einmal ver-
spätet nach Hause. Eva ist schon seit einiger Zeit misstrauisch geworden und wirft ihm vor: „ Du hast noch eine andere!" - Darauf verteidigt sich Adam: „Aber liebe Eva, du weißt doch ganz genau, dass du für mich die einzige Frau auf Erden bist."
Nachts im Schlaf spürt Adam auf einmal, dass Eva‘s Hand über seine Brust wandert. „Eva, Schatz, was machst du denn da?" - Darauf Eva, immer noch sauer: „Na, was wohl? Ich zähle deine Rippen nach…"
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(Fortsetzung)
„Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links von dir sitzen.“ - Im griechischen Original klingt es sogar noch etwas forscher: „Gib uns..!“
Also eines muss man den beiden lassen: Die trauen sich was! - Vor den Augen der anderen, und kurz nach den mehrfachen Leidensankündi-gungen ihres Herrn und schon auf dem Wege nach Jerusalem, ziehen sie Jesus offenbar zur Seite und äußern solch eine unerhört große Bitte!
Es ist ja nicht so, als wenn es im Himmel Platzmangel gäbe und man deshalb vor allen anderen reservieren sollte. Den beiden geht es nicht um den Himmel als solchen, sondern um die ersten und besten Plätze. - Natürlich sind die ersten Plätze immer direkt beim Chef. Die wichtigsten Minister sitzen in den Regierungen unserer Welt immer in der Nähe des Regierungschefs. Solche Sitzordnungen werden zuweilen sogar für private Feste geplant, und in der Firma und auch in kirchlichen Versammlungen ist es eine Ehre, wenn man am Vorstandstisch sitzen darf.
Jakobus und Johannes wollen sich also die besten Posten im zukünftigen Hofstaat Jesu schon mal exklusiv sichern. Sie haben ja schließlich persönlich auch aller-
hand investiert; ihre frühere sichere Existenz haben sie für ihn aufgegeben und sind ihm gefolgt, wo auch immer er hin ging. Da die beiden davon ausgehen, dass es für den Himmel keine Selbstbedienung gibt, wenden sie sich schon mal vorsorglich an ihren Chef, frei nach der Devise: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
Bevor wir die Antwort Jesu betrachten, sollten wir einmal einen näheren Blick auf diese beiden Apostel werfen. Jakobus und Johannes werden im heutigen Evangelium und an anderen Bibelstellen ausdrücklich immer wieder als „die Söhne des Zebedäus“ vorgestellt.
Das ist sicher kein Zufall: Zebedäus war ein ange-
sehener, wohl-
habender Mann mit einem größe-
ren Fischerei-Betrieb. Er hatte einige gute Be-
ziehungen, sogar zur Familie des Hohenpriesters, also zu Leuten, die sich ihren Platz an der Sonne der Macht längst gesichert hatten.
Man kann also sagen, dass die beiden Brüder aus einer recht erfolgreichen Familie kommen. Sie sind kein un-
beschriebenes Blatt und besitzen auch im Kreise der Apostel wegen ihres besonders energischen Auftretens großen Respekt. Bei der Verklärung Christi und beim Beten Jesu in seiner Todesangst im Garten Gethsema-
ne sind sie neben Petrus übrigens die einzigen, die Jesus begleiten dürfen.
Dies zeigt schon, dass auch Jesus ihre besondere Bedeutung sieht. Sie gehören gewissermaßen zum innersten Kern um Jesus. Johannes ist übrigens mit Petrus auch dabei, als Jesus nach seiner Verhaftung dem Hohenpriester vorgeführt wird; es heißt da aus-
drücklich, dass dieser den Johannes kennt. Erst mit Johannes’ Beziehungen gelangt Petrus in den Hof des Hohenpriesters, wo er Jesus dreimal verleugnet.
Dass Jakobus und Johannes dabei immer mal wieder in ihrem Eifer über das Ziel hinausschießen, ist aber auch bekannt. Nicht ohne Grund hat Jesus den beiden ihren Spitznamen verpasst: er nennt Jakobus und Johannes die beiden „Donnersöhne“ (Mk 3,17). Man könnte sie als Hitzköpfe bezeichnen, als Eiferer, bei denen das Tempe-
rament auch schon mal mit ihnen durchgeht. Vor kur-
zem erst haben wir am 26. Sonntag im Jahreskreis B miterlebt, wie Johannes sich Jesus gegenüber lautstark wegens eines Mannes ereifert, der in Jesu Namen Dämonen austreibt, obwohl er nicht als dessen Jünger bekannt ist.
Und als man Jesus und den Jüngern in Samaria die Unterkunft verwehrt, wollen Jakobus und Johannes am liebsten dafür Rache nehmen und gleich Feuer vom Himmel regnen lassen…

Dennoch: Im Kreis der Apostel sind die beiden energischen Brüder offenbar sehr geschätzt und in führender Position. Unmittelbar unter dem Kreuz Jesu finden wir von den Aposteln nur Johannes, den Lieblingsjünger Jesu, dem er dort sogar ausdrücklich die Sorge für seine Mutter anvertraut. Die beiden, Jakobus und Johannes, sind also nicht einfach nur typisch egoistische Vordrängler, als sie sich bei Jesus um die besten Sitzplätze bewerben. Sie sind auf ihre Art auch Vordrängler im Glauben, also Menschen, die - sicher auch dank ihres Temperamentes - nicht zögerlich sind, sondern wie Petrus sehr schnell alles auf eine Karte setzen.
Beide müssen unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse mit Jesus erst mühsam lernen, ihren Elan auch schon mal etwas zu zügeln. Dass dies dem Johannes besser gelingt als seinem älteren Bruder, beweist er nicht zuletzt im Johannes-Evangelium, in dem seine absolute, vertrauensvolle und liebende Hingabe an Gott überall spürbar ist. So wird er auch wegen der häufigen Erwähnung der Liebe als „Apostel der Liebe“ bezeichnet.
Jakobus erleidet sogar als erster aus den Reihen der Apostel das Schicksal eines Märtyrers; durch seinen Glaubenseifer hat er den Zorn des Herodes erregt und wird enthauptet. Sein Bruder Johannes dagegen stirbt in hohem Alter in der Verbannung auf der Insel Patmos.
Nun können wir die Situation und die Antwort Jesu etwas besser einordnen. Als sie ihren Wunsch aus-
gesprochen haben, erklärt Jesus den beiden prompt: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“
Jesus wird nämlich bald schon den bitteren Weg des Leides gehen, doch die beiden Bittsteller sind der Meinung, dass sie dies in der Nachfolge Jesu auch auf sich nehmen können. Wie wir aus der Bibel wissen, werden sie tatsächlich Gelegenheit bekommen, für ihren Glauben zu leiden, durch den Märtyrertod bzw. durch die Verbannung.
Im heutigen Evangelium folgt nun so etwas wie der zweite Akt.
Jetzt werden die übrigen zehn Apostel doch so langsam sauer. Sicher haben sie erst einmal die Reaktion Jesu auf das Vorpreschen der beiden Brüder abgewartet und wohl eher eine heftige Abfuhr für die beiden erwartet. Jesus, der unsere Herzen nur zu gut kennt, verurteilt die beiden jedoch nicht lauthals. Wir Menschen denken eben allzu oft in diesen Kategorien der Macht, in den Kategorien von oben und unten, von erstklassig und zweitklassig. Wir heute kennen das z.B. auch von Eisenbahn, Flugzeug und Schiff, wo es ganz selbstverständlich die 1. und die 2. Klasse gibt, die sich im Komfort, aber auch im Preis ganz deutlich unterscheiden.
Aus den heftigen Reaktionen der anderen Jünger klingen Eifersucht und Enttäuschung, vielleicht nicht nur über die Unverfrorenheit der Bittsteller, sondern auch über sich selbst. Diese beiden waren so clever und haben frühzeitig reagiert, warum dann nicht auch wir?
Diese beiden haben aber auch absolutes Vertrauen in die kommende Herrschaft Jesu, denn sonst macht ihre Bitte um die Platzreservierung ja keinen Sinn. Haben wir dieses Vertrauen auch?
Jesus erklärt sich für diesen Buchungswunsch zwar für nicht zuständig, aber er lässt die anderen Jünger auch nicht mit ihrem Ärger allein. Jesus nutzt die so entstan-
dene Gelegenheit, um wieder einmal ganz grundsätzlich zu werden. Als Überschrift über seine Jüngerbelehrung könnte sein Hinweis stehen: „Bei euch aber soll es nicht so sein…“ – Bei denen, die Christus nachfolgen, soll es eben nicht so sein, dass geherrscht wird, indem die eigene Macht missbraucht wird.
Jesus vertieft das so: „…sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ Jesus hat das selbst auch immer wieder ganz praktisch demonstriert; denken wir etwa nur an die Fußwaschung, die er persönlich und tief gebeugt wie ein Diener an seinen Jüngern vornimmt.
Jesus fügt für seine Jünger heute auch gleich eine Begründung an, wenn er darauf hinweist, dass auch er selbst nicht gekommen ist, „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“
Jesus hat es uns vorgemacht. In seinem Reich gibt es absolut kein Konkurrenzdenken, keinen Beziehungs-Klüngel und kein Gemauschel hinter dem Rücken der anderen. Das ist einfach absurd, denn im Himmel ist es eben einfach himmlisch, da ist nur Liebe und Glück und der millionenstimmige Chor, der Gott aus vollem Herzen und mit aller Liebe lobpreist.
Seiner Kirche hat Jesus jedenfalls am heutigen Sonntag auch etwas mit ganz großen Buchstaben ins Stamm-
buch geschrieben: „Bei euch aber soll es nicht so sein…!“ - Die Kirche darf eben nicht so sein und nicht so handeln wie die Welt drumherum, in der die Ellenbogen offenbar der wichtigste Teil des ganzen Körpers sind. Eine Kirche, die Christus wirklich nachfolgen will, die hat sich ganz klar und unübersehbar abzuheben von allem Klüngel, von Vetternwirtschaft und von protzigem Machtgetue.
Wie wir nicht nur aus der Kirchengeschichte wissen, ist die Kirche hier leider immer wieder schuldig geworden. Statt eine Kontrastgesellschaft zu sein, wurde häufig, viel zu häufig, das Statusdenken und Machtgeplänkel der Welt sogar in die Kirche hineingetragen.
„Bei euch aber soll es nicht so sein…“ - Diese Aufforderung Jesu darf auch die heutige Kirche nie vergessen! Bischof Jaques Gaillot hat das einmal so auf den Punkt gebracht: „Eine Kirche, die nicht dient, die dient zu nichts!“
Doch Vorsicht! Kirche – das sind eben nicht nur die in Rom und die an der Spitze des Bistums, die so schön weit weg sind. Kirche, das sind auch wir hier an diesem Ort und überall. Es geht nicht nur um ein mehr oder weniger zartes Frage-
zeichen hinter die Titel und schöne Kleidung der Eminenzen, Exzellenzen, Prälaten und Monsignori. Es geht ganz grundsätzlich darum, wie man in der Kirche miteinander umgeht und wie man mit denen umgeht, die in ihrem Leben immer noch auf der Suche sind.
Ist die Kirche, und sind wir in unserer Gemeinde, eher so etwas wie ein Straßenbauer, der sich mächtig ins Zeug legt, um anderen zu dienen und den Weg zu ebnen, oder doch eher ein Club derer, die wie der Rest der Welt in den Kategorien der Macht, der Selbst-darstellung und der Hackordnung denken?
Der Appell Jesu war damals unangenehm, und er ist es auch heute. So manchem sogenannten Würdenträger dürfte es da gelegentlich in einer stillen Minute schon eine gute Portion Schweiß auf die Stirn treiben. Manche Mitchristen mögen jetzt insgeheim denken: Na, das wollen wir aber auch stark hoffen!
In Ordnung, aber was ist mit uns selbst, mit dir und mit mir?

Predigt Pastor Jens Motschmann
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Predigt Pfarrer Helmut Liebs (pdf)
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Predigt Pfr. Dr. Friedrich Schwinn
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Kurzpredigt Pfr. Dr. Jörg Sieger
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Kindergottesdienstvorschlag (pdf)
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Predigten u. Fürbitten der Karl-Leisner-Jugend
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Gottesdienstvorschlag Pfr. Bruno Layr
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Predigt Pfr. Stefan Osberger
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Lesehilfe des Kath. Bibelwerkes (pdf)
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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VIRC Wien: Lesungstexte u. kurze Einführung (pdf)
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Auch Atheisten müssen irgendwann mal dran glauben.
Der Bischof meint zur Sekretärin: „Schreiben Sie bitte STRENG VERTRAULICH über den neuen Aushang. Ich möchte sicher sein, dass es wirklich jeder im Ordinariat liest."
Der Personalchef interessiert sich besonders für den Familienstand der Bewerber. „Ich bin Junggeselle," antwortet der erste, der hereinkommt. „Dann ist leider nichts zu machen," meint der Personalchef, „denn wir stellen nur Leute ein, die es gewohnt sind, sich unterzuordnen!"
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Das Geschwätz der Leute im Dorf ist ihm egal – er macht sich ganz klein und demütig vor Jesus, dem berühmten Wanderprediger. Er will es wissen. Jetzt will er es wissen, was ihn die ganze Zeit im Herzen bewegt: „Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ - Es ist wirklich beeindruckend, wie ernst es diesem reichen Mann offensichtlich ist mit einem Leben nach Gottes Geboten. Kaum hat ihn Jesus auf diese Frage hin an die Zehn Gebote erinnert, betont der offenbar fromme Mann, dass er sämtliche Gebote von Jugend an befolgt habe. Er ist also ein Mann, den tief in seinem Herzen die Frage aller Fragen nicht zur Ruhe kommen lässt, nämlich die nach dem Himmel, nach dem ewigen Leben. Da ist in ihm eine große Sehnsucht, die auch wir alle nur zu gut verstehen. Wer von uns wollte das nicht, in den Himmel kommen?
Alle Vorschriften hat dieser Mann geflissentlich be-
achtet, damit er nur ja gut dasteht, wenn beim Tod seine erreichte Punktzahl bekannt wird: Kommt er in den Himmel oder nicht? Reicht es oder reicht es nicht? - Stets hat er sich so seinen Vorrat für den Himmel immer weiter aufgestockt, um wirklich sicher gehen zu können.
Die Älteren von uns kennen noch die „Aktion Eichhörnchen“, die 1961 in der Zeit des „Kalten Krieges“ von
der deutschen Regierung ge-
startet wurde: Die Bürger sollten sich alle einen Vorrat für Not- und Krisenzeiten anschaffen, wie das heute noch z.B. in der Schweiz empfohlen wird. Solch eine „Aktion Eichhörnchen“ ist ja nicht falsch. Durch die Befolgung der Gebote hat dieser Mann ganz sicher viel Gutes getan, auch durch Opfergaben, auch durch Gaben der Nächstenliebe. So hat er wie ein Eich-
hörnchen auch Vorräte für sich selbst gesammelt.
Jesus ist von dem Bemühen des jungen Mannes so angetan, dass das Evangelium anschließend an dessen Aussage vermerkt: „Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“
Diese wichtige Botschaft dürfen wir nicht überhören: Jesus liebt diesen Menschen, der sich zeitlebens so krampfhaft bemüht, alle Gebote zu erfüllen. Jesus freut sich also zuerst einmal über diesen frommen Mann. Aber gerade weil er ihn liebt, gerade weil er nur das Beste für ihn will, gibt er ihm diese entscheidende Empfehlung: Geh hin und verkaufe, was du besitzt. Verteile dein Geld unter den Armen, von denen es so viele gibt. Geh in deinem Leben wirklich auf’s Ganze, und nicht nur dem ersten Eindruck nach! 
Haben Sie es auch bemerkt, liebe Mitchristen? - Der Mann selbst hatte Jesus im Evangelium gar nichts davon verraten, dass er so reich ist. Mit keinem Wort hat er sein großes Vermögen erwähnt. Jesus aber hat sofort einen Blick in die Seele dieses Mannes getan. Der wird sich ganz schön erschreckt haben, als Jesus so plötzlich diese absichtlich ver-
schwiegene Information selbst liefert, dass der Mann
so stinkreich ist, wie man im Volksmund so sagt.
Ehe der Mann, dessen Name uns nicht verraten wird, weil er nichts zur Sache tut, es selbst so richtig mitge-
kriegt hat, wird Jesus zum besonderen Vermögens-
berater für ihn: Gib doch deine irdischen Schätze auf! Durch das großzügige Verteilen wirst du zu einem bleibenden Schatz im Himmel kommen.
Für den frommen reichen Mann ist das ein richtiger Schock. Er verstand bisher seinen Reichtum wie viele andere Juden auch als so etwas wie ein Anerkennungs-Geschenk Gottes, als Zeichen des göttlichen Wohl-
wollens für seine Lebensführung nach den Geboten Gottes.
Der Mann ist jetzt wirklich ratlos und sprachlos. Kein Wort sagt er mehr. Jesus rät ihm da allen Ernstes, das alles aufzugeben, woran er doch so sehr hängt, worauf er doch so stolz ist, sein vieles Geld, das er sich so redlich und fleißig in langen Jahren mühsam erworben hat.
Im Evangelium heißt es weiter: „Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ Der Mann war betrübt, heißt es. Wenn wir genauer hinschauen, wenn wir den griechischen Urtext hinzuziehen, dann heißt es eigent-
lich noch dramatischer: „Er erschauderte wie beim Anblick des Styx.“ – Der Styx war in der Vorstellungs-
welt der Griechen der Fluss, der ins Reich der Unterwelt führt. Der Mann ist also nicht nur betrübt, sondern er ist zutiefst erschüttert, er ist zu Tode erschreckt wie je-
mand, der etwas so Grauenhaftes zu Gesicht bekommt, dass er noch nicht einmal schreien kann, dem im Schockzustand die Stimme versagt.
Das hat er nicht erwartet: Jesus empfiehlt ihm, das Liebste aufzugeben, was er hat, und das ist sein Geld. Sein Herz hängt daran und auch sein ganzer Stolz. Schreien könnte er vor Schmerz und Enttäuschung, wenn er nur könnte!
Man kann also zu Recht sagen, dass Jesus da in ein Wespen-
nest gestochen hat. Er hat den wunden Punkt des Mannes erwischt. Der verschwiegene Reichtum ist für den Mann zu einem Nebengott geworden, ohne dass
er sich das selbst eingestehen kann. Das Geld ist die Falle, in der er sitzt und aus der er nicht mehr heraus-
kommt. Natürlich ist er fromm, natürlich hat er in Religion die Note „sehr gut“ im Urteil der Mitmenschen, aber im tiefsten Herzen ist er trotzdem ein Heide, näm-
lich einer, der den wahren Gott nicht an die nur ihm zustehende erste Stelle im eigenen Leben setzt.
Jesus sagt auch nicht, dass er so und so viel abgeben soll. Darum geht es gar nicht. Bei Gott gibt es dafür wohl kaum spezielle Tabellen, etwa ab welcher Summe von Ersparnissen wir im Himmel als von Geldgier gefährdet eingestuft werden.
Diese Gefährdung kann doch sehr verschieden sein. Die Hindernisse, die uns den Weg zu Gott erschweren, sind nicht nur finanzieller Natur. Das Wesentliche ist, dass Gott dabei ganz unauffällig mindestens an die zweite Stelle im eigenen Leben verschoben wird.
Es kann also sein, dass Ihnen selbst da etwas ganz anderes einfällt, wenn Sie Ihre eigene Prioritäten-Lage etwas analysieren wollen. Das Geld, der schnöde Mammon, ist jedenfalls so ein Götze, der in den meisten Fällen die volle Aufmerksamkeit des Menschen verlangt.
Jesus hat das immer wieder erfahren, und darum erklärt er das auch so deutlich seinen Jüngern: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ 
Von den Jüngern heißt es, dass sie über seine Worte bestürzt waren. Sicher waren sie noch tief beein-
druckt von der Szene, die sie gerade miterlebt hatten: Da war
ein Mensch, der sich wirklich für seinen Glauben abmühte, aber den letzten, den entscheidenden Schritt, den wagte er nicht. Und traurig war dieser Mann nicht über Jesus, sondern über sich selbst. Jesus hat ihm nur den Spiegel vorgehalten, und was der Mann da sah, das hat ihm nicht gefallen. Ihm ging es plötzlich wie jemandem, der am nebligen Meeresufer steht und nichts sieht als Wasser und Nebel. Im Moment hat der Mann im Evangelium den Halt verloren, die Orientierung seines Lebens. Er muss das erst einmal in Ruhe ver-
dauen, denn das, was Jesus ihm da auf den Kopf zu gesagt hat, das war wirklich schwere Kost.
Jesus wendet sich noch einmal an die Jünger, weil er natürlich bemerkt, wie aufgewühlt sie innerlich sind.
Es heißt im Evangelium: „Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“
Dieses Bild ist so einprägsam, so anschaulich, dass diese Bibelstelle zu den bekanntesten überhaupt gehört. Ein Kamel passt nicht durch ein Nadelöhr – das ist jedem klar, selbst dann, wenn man keine Nähnadel vor sich sieht, sondern stattdessen ein ganz niedriges, schmales Tor. Selbst heute verwenden wir z.B. bei den Verkehrsnachrichten den Begriff „Nadelöhr“ für einen Engpass, durch den sich alle Autofahrer nur mit Ver-
zögerung und großer Geduld hindurchmanövrieren können.
Einen bewusst geschaffenen Engpass, ein Nadelöhr, gab es früher in vielen Stadtmauern, auch in Jerusalem. Da Überfälle im Schutze der Dunkelheit wegen des Überraschungs-Effektes die größten Chancen hatten, versuchten Räuberbanden nachts gerne mal einen Angriff auf eine befestigte Stadt.
Doch das hatte sich natürlich herumgesprochen, und so wurden die schweren Stadttore abends fest verriegelt und verrammelt. Da kam niemand mehr herein. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. 
Wenn nun ein reisender Händler mit seinen Kamelen und mit viel Gepäck, also mit vielen Waren, dummerweise erst nach Tores-Schluss vor der Stadt eintraf, dann bekam er vielleicht Torschluss-Panik: Er musste sich nun ent-
scheiden zwischen der Sicherheit für sein eigenes Leben oder dem Reichtum da draußen vor dem Tore. Auch mit Be-
stechungsversuchen war da nichts drin: die großen Tore blieben geschlossen, weil den Wächtern ihr eigenes Leben auch lieb war.
Aber da gab es ein ganz schmales, niedriges Tor, das natürlich sehr gut bewacht war. Wenn man keine Rüstung trug und kein Gepäck auf dem Buckel, dann konnte man sich bücken, sich ganz klein machen und
so doch noch ins rettende Innere der Stadt gelangen. Heute kann man so etwas übrigens auch noch bei der Geburtskirche Jesu in Bethlehem bestaunen. Dort gibt es als Eingang die sogenannte „Tür der Demut“, die gerade mal 1,20 m hoch ist. Nur wer sich wirklich und tatsächlich ganz klein macht, nur der kommt da hinein!
Die Aussage Jesu ist also ganz klar: Durch solch ein enges Tor passt nie und nimmer ein bepacktes Kamel. So unmöglich wie das ist, so unmöglich ist es, mit schwerem Gepäck in den Himmel einzureisen. Da ist ganz offensichtlich nur leichtes Handgepäck erlaubt!
Jesus will den reichen Mann im Evangelium also wachrütteln: Mit deinen Millionen wirst du dir im Himmel gar nichts kaufen können. Der Himmel gehört nicht zur irdischen Währungsunion. Da gelten ganz andere Zahlungsmittel, falls dieser Vergleich ausnahmsweise erlaubt ist. Nimm den ganzen Kram also nicht so wichtig! Wenn du dein Geld schon arbeiten lassen willst, dann lass es für die Armen arbeiten. Du wirst staunen, was das für eine sensationelle Rendite abwirft!
Der reiche Mann bringt es jedoch nicht über’s Herz, sich von seinen Millionen zu verabschieden. Jesus liebt ihn trotzdem. Er macht ihm auch keinerlei Vorwürfe. Die macht sich der arme Reiche schon selbst!
Die Empfehlung Jesu gilt auch uns: Wirf doch auch du deinen Ballast ab, so wie bei einem Heißluftballon, der an Höhe gewinnen will, der weiter aufsteigen soll! -
Dein falscher Gott ist ein Hochstapler, ein Schwindler! Lass ihn los!
Jesus sagt gar nicht: Du musst! Aber er sagt: Schau dich doch selber mal an, wie schwer du es dir machst! Du kannst dir den Himmel sowieso nicht erkaufen – niemand kann das! Der Himmel ist uner-
käuflich. Und da kann man eigentlich nur hinzufügen: Gott sei Dank!
Das Bezahlen ist auch gar nicht erforderlich. Der Eintritt ist längst bezahlt, durch Gott selbst.
Zum Schluss hören wir, dass die Jünger Jesu sich nun keineswegs beruhigten, sondern noch mehr erschraken. Ihre Frage ist oft genug auch unsere Frage: Wenn eher ein Kamel durch solch ein Nadelöhr passt, als dass ein Reicher ins Himmelreich gelangt, welche Chance haben wir selbst dann überhaupt? Im Originalton des Evange-
liums heißt es: „Wer kann dann noch gerettet werden?“
Die Antwort Jesu sollten sich die Jünger und wir selbst uns hinter die Ohren schreiben, damit wir sie nie ver-
gessen: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“
Wie gut, wie beruhigend ist das doch! Aus eigener Kraft können wir uns gar nicht tief genug bücken, um in den Himmel zu kommen. Wir haben uns immer noch genug auf den Rücken gepackt, das es uns so verflixt schwer macht. Wie gut, wie beruhigend, dass die Torwächter des Himmels Anweisung haben, uns nicht nach unse-
rem Berechtigungs-Ausweis zu fragen. Wir selbst könnten ihn nie und nimmer erwerben. Wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Solche Münchhausen-Geschichten brauchen wir dafür auch nicht. Die Botschaft Jesu ist: Da ist einer, der auf uns wartet, und der uns zieht, da ist einer, der uns die rettende Hand entgegenhält.
Sind wir also noch zu retten? Ja sicher, wir sind sogar schon gerettet! Das ist noch sicherer als das Amen in der Kirche. Amen.

Das Glas ist voll !
Ein Philosophie-Professor stellte in der Vorlesung ein großes Gurken-
glas auf das Pult. Die Studenten staunten nicht schlecht, als er wortlos einige große Steine randvoll hineinlegte. Dann fragte er seine Zuhörer: „Was meinen Sie? Ist das Glas nun voll?“
Als die Studenten dies bejahten, nahm er wiederum wortlos eine ganze Anzahl kleiner Kieselsteine und schüttete sie in das Glas. Nachdem er es geschüttelt hatte, waren die kleinen Steine in den Zwischenräumen der großen Steine verschwunden. „Ist das Glas nun voll?“ – Wieder stimmten seine Studenten zu.
Nun nahm er jedoch trockenen, feinen Sand und schüttete ihn oben drauf. Nach vorsichtigem Schütteln war auch noch der Sand im Glas untergebracht.
„Was zeigt uns das?“, fragte der Professor und gab selbst die Antwort: „Wenn Sie in Ihrem Leben mit den großen, wichtigen Dingen beginnen, werden Sie für die kleinen und noch kleineren, unwichtigeren Dinge immer noch Platz finden. Sie können das Gurkenglas-Experiment mal umgekehrt machen: zuerst den Sand, dann die kleinen Steine, dann die großen. Was wird wohl passieren?“ Die Studenten hatten es verstanden: „Sand und Kieselsteine verhindern in diesem Falle, dass die großen, wichtigen Steine noch hineinpassen!“
„Beachten Sie das in Ihrem Leben!“, rief der Professor unter dem Beifall seiner Zuhörer.

Predigt von P.Heribert Graab S.J.
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Gottesbeweis
Appell auf dem Kasernenhof. Offizier zum katholischen Rekruten, den er auf dem Kieker hat: „Schlapp was? Wohl wieder in der Kirche gewesen?“ -- „Jawoll“, sagt der Soldat. Darauf der Offizier zur Truppe: „Sehen Sie die Kaserne?“ -- Rekruten: „Jawoll, Herr Hauptmann!“ -- „Sehen Sie mich?“ – „Jawoll, Herr Hauptmann!“ – „Sehen Sie Gott?“ – „Nein!“ - Der Offizier: „Dann gibt's auch keinen!“
Da tritt der katholische Rekrut vor und fragt die Kameraden: „Seht ihr unseren Chef?“ –- „Ja!“, brüllt die Truppe. – „Seht ihr seine Hände?“ – „Ja!“ – „Seht ihr sein Gehirn?“ - - „Nein!“ Der Rekrut: „Was folgern wir also daraus…?“
Unbedingt einleuchtend:
Ein Chirurg, ein Architekt und ein Computerfachmann diskutieren, wessen Beruf der älteste sei. Der Chirurg verweist auf den Schöpfungsbericht: „Gott hat Adam eine Rippe entnommen und daraus Eva geschaffen. Also schon im Paradies eine Operation! Damit ist meiner wohl der älteste Beruf!"
Der Architekt trumpft auf: „Von wegen! Vor dem Paradies herrschte das Chaos; und daraus baute Gott die Welt. Die erste Tat ist demnach eine architekto-
nische Leistung, damit ist mein Beruf noch älter."
Darauf der Computerspezialist: „Moment mal: Und von wem stammt das Chaos? Na - von wem wohl…?"
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(Fortsetzung)
Würde Jesus nämlich mit „JA“ antworten, bestätigte er damit die damals gängige Praxis, wonach die Frau nach einer Regelung des Mose vom Mann aus der Ehe ent-
lassen werden konnte, indem er ihr einen Scheidungs-
brief ausstellte. Streit gab es in den verschiedenen theologischen Schulen der Pharisäer allerdings darüber, wie groß das Fehlverhalten der Frau denn sein müsse, damit eine Trennung möglich ist. Der bekannte Rabbi Hillel sah das zum Vorteil der Männer recht locker,
wenn er erklärte, dazu genüge schon ein angebrann-
tes Essen.
Dass es damals inzwischen insbesondere im griechi-
schen Raum allmählich eine Regelung mit mehr Rech-
ten für die Frau gab, erkennen wir indirekt im Evan-
gelium etwas später, wenn Jesus erklärt: „Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet.“ – Also war es in einigen Gegenden damals schon möglich, dass die Frau den Mann verstoßen konnte.
Das Ausstellen der Scheidungsurkunde war aber in der patriarchalischen Gesellschaft der strengen Juden aus-
schließlich dem Mann vorbehalten. Wie bei der bekann-
ten Szene mit Jesus und der Ehebrecherin, die gestei-
nigt werden sollte, waren Frauen in der Praxis leider oft immer noch Menschen zweiter Klasse, obwohl die Bibel (siehe Schöpfungsgeschichte) dies eindeutig anders sieht!
Wenn es uns befremdlich erscheint, dass der Mann einfach so eine Schei-
dungsurkunde ausstellen konnte, dann sollten wir auch bedenken, dass diese Schriftform mit vorgeschriebenem Wortlaut verhindern sollte, dass ein Mann aus einer Verärgerung oder Laune heraus seine Frau von einem Moment zum anderen schutz- und mittellos vor die Tür setzte.
Den Scheidungsbrief brauchte die ausgestoßene Frau auch dringend, denn er stellte für alle eindeutig klar, dass sie nun nicht mehr verheiratet ist und somit wieder heiraten kann, was damals eine Frage des wirtschaft-
lichen Überlebens der Frau sein konnte.
Verständlich, dass die Pharisäer gespannt auf die Reaktion von Jesus warteten. Würde er wirklich zustimmen, dass ein Mann seine Frau so aus der Ehe entlassen darf? Immerhin stammte diese Regelung von keinem Geringeren als von Mose!
Würde Jesus da zustimmen, dann wäre sein Ruf als barmherziger Prediger und Seelsorger restlos ruiniert!
Andererseits, wenn Jesus sich gegen diese Art von Ehescheidung aussprechen würde, würde er damit gegen geltende Vorschriften im Judentum verstoßen und damit erst recht als gefährlicher Lehrer und Rabbi dastehen, der es mit der religiösen Tradition nicht so genau nimmt. Er saß also in der Falle. So dachten zumindest die Fragesteller.
Jesus jedoch lässt sich nicht auf solche Spielchen ein.
Von ihm gibt es dazu kein „JA“ oder „NEIN“. Bei solchen Paragraphen-Reitereien macht Jesus nicht mit. Vielmehr nutzt Jesus wieder einmal einen Angriff seiner Gegner, um einen theologischen Streitpunkt aus dem Schubladen-Denken herauszuholen und um gleichzeitig ins Grundsätzliche zu gehen. Er erinnert sie nämlich an die Schöpfungsgeschichte: „Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er (Mose) euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ 
Das Theologen-
gezänk interessiert Jesus nicht. Er will seinen Zuhörern vielmehr klar-
machen, wie Gott selbst Mann und Frau und die Ehe sieht. Schön ist dabei das Bild der Schöpfungsgeschichte: Mann und Frau lassen alles hinter sich, sie verlassen Vater und Mutter, und damit ihre gewohnte Umgebung, ihre eingefahrenen Muster.
Sie sind eigentlich wie Auswanderer: Mit ihrer Ehe machen Mann und Frau einen völlig neuen Anfang.
Mit ihrer Ehe beginnt wirklich etwas völlig Neues:
„und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.“
Der Begriff „ein Fleisch sein“ spielt dabei nicht nur auf die geschlechtliche Vereinigung der Ehepartner an. Es geht darum, dass nun aus zwei Leben ein Leben wird, ein gemeinsames Leben. „Fleisch“ steht für Leben, wie es auch am Anfang des Johannes-Evangeliums über Jesus heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Wunderschön for-
muliert Jesus: „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.“ - So also sieht Gott die Ehe...
Da sind nicht mehr zwei, die sich nun zu einer Firma zusammengetan haben, um jeder für sich dadurch möglichst viel Nutzen und Steuer-Erstattung heraus-
holen zu können. Nein, mit der Eheschließung ist etwas ganz Neues geschaffen wurden.
Es ist etwas Einzigartiges, dieser Ehebund. Der erinnert sogar an den Bund, den Gott mit seinem Volk Israel schloss. Ewige Treue hat er seinem Volk versprochen, doch das Volk brach immer wieder den Bund, so wie eine Ehe gebrochen wird, wenn man sich vom Partner abwendet und sich stattdessen für andere Beziehungen interessiert.
Die beiden Ehepartner sind nach Gottes Willen also eins. Sie haben sich die Treue „in guten und in bösen Tagen“ versprochen und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Das ist ganz gewiss nicht immer einfach.
Da gibt es nicht nur Höhen, sondern eben auch viele Tiefen. Da gibt es Tränen, und da gibt es bei den meisten auch lange Durststrecken.
Mit diesen Durststrecken ist es wie beim Marsch durch Wüste: wer da aufgibt, der hat gleich verloren. Wer aber kämpft wie ein Marathonläufer und bei den kritischen Kilometern den inneren Schweinehund überwindet, der erreicht das Ziel.
Nett gesagt, mögen jetzt einige denken, aber manche Wüste im Leben ist leider länger und lebensfeindlicher als ein eheloser Priester und Prediger auch nur ahnt. Dies läuft auf den Spruch hinaus, dass die Priester ja sowieso keine Ahnung haben und sich deshalb in Sachen Eheberatung lieber ganz zurückhalten sollten. Hier mische sich die Kirche sowieso in Dinge ein, die sie nichts angingen, argumentiert man gerne.
Das ist natürlich ein weites Feld, aber so viel kann man hier in der gebotenen Kürze doch klarstellen: Jede Krise, auch die Ehe in der Krise,
kann Helfer in der Not gut gebrauchen. Diese sind wie Blutspender, die einen Organismus mit ihrer Spende am Leben halten und neu anregen. Wenn das Argument wirklich stichhaltig sein soll, dass lebenserfahrene Priester da nichts mitzureden haben, dann dürfte es konsequenterweise z.B. auch keine männlichen Frauenärzte geben, denn wer von denen hat schon mal selbst ein Kind geboren?
Die Kirche verkündet ohnehin nicht die private Meinung des jeweiligen Seelsorgers, sondern die Worte Jesu. Wenn man aber diese Worte Jesu als Einmischung in sein Leben betrachtet statt als liebende Hilfestellung Gottes, dann ist man ohnehin auf dem falschen Dampfer.
Jesus sagt klipp und klar: „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“
Hier also nähern wir uns dem Kernpunkt im katholischen Eheverständnis. Die beiden Ehepartner sind eben nicht einfach so zufällig durch Unachtsamkeit zusammen-
gestoßen wie bei einem ärgerlichen Autounfall. Wir Katholiken verstehen durch die klaren Aussagen Jesu, dass Gott selbst es ist, der diese beiden Menschen als wirkliche Partner miteinander verbunden hat. Sie versprechen sich die Ehe im Angesicht Gottes, weil Gott diese Verbindung so will.
Daran sollte man erst recht denken, wenn es mal wieder etwas kriselt. Wie wäre es dann mit einem lieben Blick auf den Partner und mit einem Zeigefinger nach oben: „Schatz, denk daran, wir sind doch zu dritt…!“
Die Ehe ist eben nicht „ein weltlich Ding“, wie Martin Luther meinte. Wenn wir kirchlich heiraten, dann tun wir das ja gerade, um diese Beziehung ausdrücklich vor Gott einzugehen, und das ohne Kassenbon mit Umtauschgarantie.
Wissenschaftliche Arbeiten in Amerika haben sich auch mit der Wahrscheinlichkeit von Scheidungen beschäf-
tigt. Während das Risiko, geschieden zu werden, beim Durchschnitts-Amerikaner bei fast 50 % liegt, sind es bei regelmäßigen Besuchern der Heiligen Messe nur noch 10 % und bei Ehepaaren, die miteinander beten, nur noch 0,2 Prozent Scheidungs-Risiko.
Das bestätigt uns, was längst vermutet wurde: Paare,
die ihren Glauben wirklich gemeinsam leben, die gewissermaßen Gott mit in ihr Boot holen und ihm die Führung anvertrauen, die haben bei einem Seesturm die besten Chancen, eben nicht zu kentern.
Die Ehe zweier liebender Partner ist für Gott der Normalfall, denn der Mensch ist als Mann oder Frau geschaffen, und die gegenseitige Ergänzung und Unterstützung in der Ehe ist im Schöpfungsplan so vorgesehen. Doch wir sind schwache und sündige Menschen. Die Ehe, die eigentlich ein Hafen des Vertrauens und des Glücks sein sollte, kann auch zum heftigen Sturmtief werden und Unglück und Zerstörung bringen. Da denken die Menschen natürlich schnell, man könne doch Unglück und Qual vermeiden, indem man eine Beziehung scheidet, der man im Alltag nun wirklich nicht mehr anmerkt, dass dieser Bund Gottes Wille ist.
Sicher gibt es sie, diese tragischen Beziehungen, bei denen alle Wiederbelebungsversuche vergeblich sind – das Herz dieser Ehe hat einfach aufgehört zu schlagen. Die seelsorgerliche und menschliche Erfahrung zeigt jedoch, dass der Notausgang für angeschlagene Ehen eher benutzt wird, wenn er einladend offensteht. Während man früher viel mehr aufeinander angewiesen war und daher die Scheidungsrate sehr gering war, ist das wirtschaftliche Risiko für die Partner heute deutlich geringer.
Scheiden tut zwar immer weh, aber heute ist in der Regel kein finanzielles Fiasko zu befürchten. So fällt es naturgemäß leichter, die Anstrengungen zum Gespräch, zur Versöhnung, zur Reparatur der Beziehung schneller zu beenden.
Wir leben in einer Wegwerf-Kultur, bei der das Reparieren in vielen Fällen als nicht mehr lohnend angesehen wird. Eine neue Hose ist meist billiger als das Flicken bei bei einem Schneider. Und bei einem defekten Elektro-Gerät ist manchmal die Reparatur teurer als eine Neuanschaffung.
Gott denkt nicht in diesen Wegwerf-Kategorien. Jeder Mensch ist für ihn kostbar und einmalig, und jede Ehe ist das auch. Die Trennung ist bei Gott kein Thema, wohl aber die Treue.
Im heutigen Evangelium sagt Jesus ganz eindringlich: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ - Eigentlich heißt es im griechischen Urtext noch schärfer: „Was Gott zusammengefügt hat, (das) trenne der Mensch nicht!“
Das ist keine Empfehlung, sondern eine Anweisung mit Ausrufezeichen! Die Ehe steht aus der Sicht Gottes also grundsätzlich nicht zur menschlichen Disposition. Sie ist von Gott unseren Ansichten, Launen und auch unseren Paragraphen entzogen. Wer das weiß, der kann die katholische Einstellung zum Thema Scheidung und Wiederheirat sicher besser nachvollziehen.
Und wenn es wirklich trotz bestem Willen einfach nicht geht? Wenn diese Ehe für die Partner und für die Kinder einfach nur noch Qual ist?
Ja, das gibt es. Das hat sich auch in der Kirche schon herumgesprochen. Es stellt sich dann aber erst einmal die Frage, woran es liegen kann, dass diese Ehe nicht besser ist.
Es stellen sich einige vielleicht etwas unangenehme Fragen. So zum Beispiel die, ob das Paar im Laufe der Jahre auch wirklich daran gedacht hat, dass ihre Liebe auch so etwas wie ein nachwachsender Rohstoff ist, und was für einer!
Es reicht eben nicht, ineinander verliebt zu sein und die Augen vor handfesten Problemen zu verschließen. Hat sich das Paar wirklich genug Zeit füreinander genom-
men, auch immer wieder für das Gespräch?
Es gibt eine Menge Fragen, und schließlich kann es sein, dass vielleicht die Voraussetzungen für diese Ehe einfach nicht gestimmt haben. Auch darum sagt die Kirche: Ihr Eheleute, wendet euch an einen Seelsorger eures Vertrauens, bis hin zur Möglichkeit, nach reiflicher Überlegung die Gültigkeit der katholischen Ehe-
schließung vor einem kirchlichen Ehe-Gericht prüfen zu lassen. Niemand in der Kirche will Menschen als Sklaven in einem Käfig halten. Es gibt leider auch Ehen, die sind keine und die waren auch nie eine.
Erstaunlich, dass das heutige Evangelium mit einem völlig anderen Thema endet. Da werden Kinder zu Jesus gebracht, damit er sie segnet. Die Jünger aber fürchten um ihre Ruhe und weisen die Bittsteller sehr energisch ab. Dafür kassieren sie von Jesus aber sofort einen Rüffel: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Da mag man sich wundern: Was hat das denn mit unserem heutigen Thema zu tun?
Ist da in der Bibel etwas durcheinander geraten?
Nein, keineswegs. Die Kinder haben nämlich einige Eigenschaften, die für eine gute Ehe so lebensnot-
wendig sind wie für unseren Körper das „automatische“ Ein- und Ausatmen oder das Pumpen und Pausieren des Herzmuskels, und das im richtigen, gleichmäßigen Rhythmus und faszinierenderweise sogar im Schlaf. 
Die Kinder haben Vertrauen und sie sind dankbar. Schon allein diese beiden von vielen Eigenschaften machen eine kindliche Haltung für das Himmelreich geeignet, und auch geeignet für die Ehe.
Gerade heute, wo in den meisten Pfarreien auch Erntedank gefeiert wird, wo Dank gesagt wird für eine gute Ernte, die uns ein Leben ohne Hunger sichert, gerade heute sind Vertrauen und Dank so ein wichtiges Thema.
Ohne Vertrauen ist eine Ehe nur ein Kampfplatz für Hobby-Spione. Ohne Dank ist eine Ehe nur eine Lebensabschnitts- Gemeinschaft, in der man gemein-
sam einsam ist.
Heute ist nicht nur Erntedank! Die Eheleute werden auch an das Lebens-Elixir, an die eigene Stärkung durch den Dank erinnert. Danke für diesen lieben Menschen, den Gott mir als Partner anvertraut hat! Danke für viel Geduld, für viel Verständnis, für das Ertragen des nicht immer einfachen Anders-Seins!
Danke, lieber Gott, für jeden Atemzug, für jeden Herz-
schlag, für jedes Lächeln, für jede Umarmung und für jedes liebe Wort!
Und wenn es wieder einmal im Getriebe der Ehe knirscht? Sie wissen ja: Wie wäre es mit einem lieben Blick auf den Partner und mit einem Zeigefinger nach oben: „Schatz, denk daran, wir sind doch zu dritt…!“

Predigten und Fürbitten der Karl-Leisner-Jugend
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Predigt Pfr. Dr. Johannes Holdt
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Predigt Pfr. Josef Mohr
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Predigt Pfr. Dr. Robert Nandkisore (pdf)
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Predigt Prof. Dr. Nikolaus Wandinger
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Lesehilfe des Katholischen Bibelwerkes (pdf)
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VIRC Wien: Lesungstexte und kurze Einführung
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Pater Prof. Dr. Karl Wallner über Ehe und Familie
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Informationen zum kirchlichen Ehenichtigkeits-Verfahren
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Prof. Dr. A. Loretan: Vortrag (31 S./pdf) „Das Sakrament der Ehe: Theologische und kirchenrechtliche Fragen“ - Am Schluss (S. 30/31): Fragen für das Traugespräch
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Anregungen für Kindergottesdienste
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Erntedankgottesdienst „Klimaschutz“ der KLB (20 S. pdf) >> BITTE KLICKEN !

Hinweis für die Männer
Ein Pfarrer hatte folgendes Plakat an seine Kirchentür gehängt, um laue Männer als Kirchgänger zu ermun-
tern: „Beim ersten Mal hat Ihre Mutter Sie hierher gebracht, später Ihre zukünftige Frau. Eines Tages werden Ihre Freunde Sie trauernd hierher geleiten. Versuchen Sie doch auch mal, von alleine zu kommen!“
Männerfeindlicher Witz
Warum wanderte das Volk Israel unter der Führung des Mose 40 Jahre lang durch die Wüste? - Ist doch klar: Weil Männer sich genieren, unterwegs nach dem richtigen Weg zu fragen!
Die heutigen Predigtgedanken können Sie gerne per E-Mail von mir anfordern (siehe Hauptseite!) oder aber selbst herunterladen (der Link funktioniert mindestens bis 1.12.2012):
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