21.07.2010

17. Sonntag im Jahreskreis C -25.7.2010

(Fortsetzung)

Der Vater, den Jesus auch gerne „Abba“ nennt, also Papa oder Papi,
ist von ganz anderer Art. Er ist nicht einmal lieb und dann mal wieder nicht,
wie das bei unseren menschlichen Launen passieren kann. Dieser himmlische Vater, zu dem wir beten, ist nicht nur lieb, sondern er ist durch und durch Liebe, und das ist ein ganz gewaltiger Unterschied!

Jesus lehrt es uns: Wenn ihr betet, dann sprecht Gott zu Anfang mit „Vater“ an. Aber plappert das nicht so hin, sondern achtet auf eure Worte. Wenn ich „Vater“ sage, dann bekenne ich damit gleich zu Beginn: Ja, ich weiß und freue mich darüber - Du bist unser aller himmlischer Vater. Und wir alle sind damit deine Kinder, sind von deiner Art, von dir gewollt und geliebt. Wir gehören zu dir. Deine Vaterschaft macht alle Menschen zu Brüdern und Schwestern.
Alles, was wir sind und was wir haben, ist letztlich von dir.
Jesus sagt, wie wir weiter sprechen sollen: „Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.“ – Das also soll unser innigster und erster Wunsch sein, dass Gottes Name hier auf Erden schon geheiligt werde. Das heißt, dass Gott hier bei uns auch wirklich die ganze Ehre zukommt, die ihm gebührt. Wir bitten in diesem Satz des Gebetes also darum, dass Gottes Heiligkeit schon auf Erden erstrahlen soll; dafür möge er sorgen.

Einen zweiten Hauptwunsch sollen wir im Gebet vor Gott tragen: Sein auch auf Erden schon angebrochenes Reich soll doch kommen, soll doch zu allen kommen, soll allen sichtbar, erkennbar werden und sich in den Herzen der Menschen immer mehr ausbreiten.
Wer so betet, der hat für sich bereits anerkannt: Gott meint es unendlich gut mit uns. Seine Herrschaft, sein Reich ist der größte Schatz und Segen für uns. Je mehr sein Reich sich schon hier auf Erden durchsetzt, desto besser ist es, desto mehr Heil geschieht uns. Wenn ich dagegen meine, mich ohne Gott selbst verwirklichen zu können, ist das heillos und dumm. Gott herrscht doch nicht über mich, sondern für mich.
Ich muss ihm dafür nur wirklich mein ganzes Vertrauen schenken. Einen Vater, der mich so über alle Maßen liebt, den kann ich wirklich gerne und aus voller Überzeugung an die erste Stelle setzen, in meinem Leben und im Gebet.

Eine ganz handfeste, praktische Bitte soll sich diesen beiden Hauptbitten anschließen. Wir sollen beten: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.“ - Wer so betet, der bekennt zuerst einmal für sich selbst: Ich lebe nicht als Folge meiner Leistung. Dass es mir in diesem Land, an diesem Ort recht gut geht, das ist nicht wirklich mein Verdienst. Mein Leben wurde mir geschenkt, und auch mein ganzes Drumherum. Das könnte auch ganz, ganz anders aussehen. Daher kann ich nur dankbar sein für jeden Tag, den ich erleben kann, den ich satt bin, den ich mich freuen darf.
Ich bin mir dessen bewusst, dass ich alles Lebensnotwendige habe, und das ist eben nicht selbstverständlich. Um dieses Lebens-
notwendige darf und soll ich Gott jeden Tag dankbar sein und ihn für den nächsten Tag darum bitten, dass er für mich sorgt.
Für mich? Wer genau hinschaut, der merkt schnell, dass hier und bei den nachfolgenden Bitten immer von uns die Rede ist. Nicht mein kleines, feines, privates Glück steht für mich als Christen im Mittelpunkt des Gebetes, sondern das Glück aller Gotteskinder!
Wenn ich auf Gott schauen will, muss ich also zuerst auch nach links und rechts schauen, gewisser-
maßen auf meine Nachbarn. Auch sie sollen das bekommen, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen, Tag für Tag. Darum bitte ich Gott von ganzem Herzen. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich von meinem Überfluss denen abgebe, die es brauchen. Wer Gott wirklich liebt, für den ist das selbstverständlich und gar kein Thema.

Jesus lehrt nun den nächsten Satz des Vaterunsers. Er heißt:
„Und erlaß uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“

Haben Sie genau hingehört? Dann haben Sie auch gemerkt, wie folgenreich das Vaterunser ist!
In jedem Vaterunser bekennen wir vor Gott, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Wir haben eben keine weiße Weste, auch wenn wir gerne so tun. Doch Schuld, die man mit sich herumschleppt, wird zur schweren Last, die nicht nur auf die Schultern drückt, sondern auch auf’s Herz. Jesus lädt uns dazu ein, jeden Tag vor Gott unsere Schuld zu bekennen und ihn um das Geschenk seiner vergebenden Liebe zu bitten. Ich muss ihm meine Schuld bringen, damit er sie dann mit Liebe und Erbarmen füllen kann.
Doch wenn wir Gott bitten, uns zu vergeben, dann heißt das mehr als bloß: „Lieber Gott, tu mir bitte nichts!“, sondern es heißt vor allem: „Schenke mir neu von deiner Liebe, ohne die ich nicht leben kann!“

So wie nur der Kranke den Wert der Gesund-
heit so richtig schätzen kann, so weiß auch nur der Schuldbewusste um die Größe dieses Geschenkes. Er weiß: Ich trage große Schuld, aber ich bin trotzdem geliebt, bin trotzdem dein Kind. Meine Schuld bedroht mich jetzt nicht mehr, sondern sie baut mich jetzt auf. Mir sind nämlich die Augen dafür geöffnet, wie sehr andere auf ein gutes Wort von mir warten.- Und genau das formuliert Jesus. Wir haben es gehört. Wir sollen beten, „denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“
Ist uns eigentlich bewusst, was wir da beten?
Wir sagen damit: Weil mir verziehen wird, fällt es mir auch ganz leicht, anderen zu verzeihen. Wir teilen gewissermaßen Vergebung. Doch das bedeutet für mich auch klipp und klar: Wenn ich selbst meinem Nächsten nicht vergeben will, dann brauche ich mit Gottes Vergebung für mich auch nicht zu rechnen. Auch wenn es im Einzelfall ganz schön hart ist – so steht es da: „denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“
Im Vaterunser bitten wir Gott also um Vergebung, verbunden mit der Zusage an ihn, dass ja auch wir unserem Nächsten vergeben haben. Das heißt: Ich kann mit Gott keine Spielchen machen, nach dem Motto: Verzeih mir doch bitte, aber ich will nicht verzeihen!

Der letzte Vaterunser-Satz in der Fassung des heutigen Evan-
geliums lautet: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ – Das klingt auf den ersten Blick so, als sei Gott darauf aus, uns zu versuchen, uns vielleicht sogar eine Falle zu stellen, und wir sollten ihn bitten, das doch bitte in unserer Lage sein zu lassen.-
So ist es natürlich nicht!
Wir wissen alle nur zu gut, dass wir ständig in Gefahr sind, in die falsche Richtung zu laufen. Es scheint irgendwie in uns drin zu stecken, gerade das Verbotene ausprobieren zu wollen. Bei kleinen Kindern kann man das genau beobachten. - Die Versuchungen begegnen uns fast täglich, meistens mit dem Lockruf: Sei doch schlau, tu, was dir nützt und dir Vorteile bringt! Mach dein Glück selbst, sei dein eigener Gott! Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis im Paradies wiederholt sich. Die Menschen fallen immer wieder herein auf die falschen Versprechungen des Teufels. Führe uns nicht in Versuchung – das heißt: Lass nicht zu, dass wir wieder in etwas hineinschlittern, was wir eigentlich gar nicht wollen. Lass nicht zu, du liebender Gott, dass wir falsch mit uns, mit anderen und mit dir umgehen! Lass uns nicht fallen, sondern lass uns schwierige Situationen mit deiner Hilfe durchstehen!

Nach dieser Einführung durch Jesus werden die Jünger sicher tief Luft geholt haben, wie Sie jetzt vielleicht auch. Dürfen wir denn wirklich ganz konkret von Gott erwarten, dass er sich um unser Einzelschicksal kümmert? Sind wir ihm denn wirklich so wichtig?
Jesus kennt diese Bedenken. Hinter denen steht vielleicht sogar der Gedanke: Lohnt sich das denn alles für mich? Ist mein Gebet vielleicht einfach nur vergeblich, weil Gott gar nicht hinhört?

Jesus wird auch da ganz deutlich. Er nennt zwei konkrete Beispiele, die hier nur kurz erwähnt werden sollen. Auch wenn es mitten in der Nacht ist und alle schon schlafen: Ganz selbstverständlich hilft man einem Freund aus der Not, wenn er z.B. Brot braucht, um einen überraschenden Gast bewirten zu können. Damals galt das erst recht, denn man war auf solche Hilfe angewiesen; es gab weder Tiefkühltruhe noch ein Kaufhaus im Dorf.
Das konnte jeder Zuhörer bestätigen: Ja, es ist Ehrensache, einander zu helfen, auch wenn es einige Umstände macht. Die Schlafenden mussten geweckt werden, denn man lag in einem einzigen Raum, und auch das Öffnen der Türe, die mit einem Balken verriegelt war, ging keineswegs geräuschlos.
Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, die Hilfe zu verweigern, um die man so eindringlich gebeten wurde. Doch diese eindringliche Bitte muss auch erst geschehen: Man muss eben anklopfen, damit man gehört wird, damit die Tür geöffnet wird.
Das zweite Beispiel Jesu ist ebenso einleuchtend: Welcher Vater gibt seinem Sohn, der Hunger hat, statt der landesüblichen Nahrung Fisch und Ei etwas ganz anderes, etwas, das sogar giftig und lebensbedrohlich ist? – Niemand wird das seinem Kind antun, das war allen Zuhörern sofort klar.

Und dann kommt die Schluss-Pointe Jesu: Also, wenn ihr schon zu jeder Tag- und Nachtzeit so hilfsbereit und gut zu denen seid, die euch nahestehen und die euch herzlich um etwas bitten, um wieviel mehr wird der gütige und liebende Gott das erst tun…!
Das dürfte nun wirklich jedem einleuchten, oder?
Was für ein Glück für uns, dass Jesus uns dieses Geschenk des Vaterunsers gemacht hat! Das heutige Evangelium macht es uns allen noch einmal ganz bewusst: Wir sind nicht nur eingeladen, sondern geradezu aufgefordert, im vertrauensvollen Gebet bei Gott anzuklopfen, bei Tag und bei Nacht.
Jesus hat es versprochen: Gottes Türe wird uns ganz bestimmt geöffnet. Gott lässt niemand, der ihn bittet, einfach im Stich.

Ja, jetzt hören wir es in Gedanken sicher alle: Das große „Aber“! – Viele Gebete sind schon gesprochen worden, ohne in Erfüllung zu gehen. Oft genug hört man das: „Ich habe doch so viel gebetet, ich habe Gott regelrecht angefleht, mir zu helfen, und es hat doch nichts genutzt!“
Das mag jetzt sehr hart klingen, aber wir sollten daran denken:
Gott ist doch kein Kaugummi-Automat! Ich kann bei Gott nicht einfach oben ein Gebet einwerfen, und dann kommt unten eine passende Hilfe heraus…
Ja, das mag sehr weh tun, aber so ist es nun einmal. Wenn das so einfach wäre, dann könnte so mancher Millionär sich mal so eben ein paar Hunderttausend Auftragsbeter mieten, die ihn in den Himmel beten sollen.

Nein. So ist das nicht. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, sondern seine Verheißungen, heißt es. Das führt uns zum Schluss zurück an den Anfang. Wer sich wirklich als Gotteskind versteht und dem himmlischen „Papa“ ohne Wenn und Aber vertraut, der weiß: Auch wenn ich einiges manchmal nicht begreife, mein Vater meint es nur gut mit mir.
Ich traue ihm auch zu, dass er besser als ich weiß, was mir wirklich gut tut. Und dafür kann ich ihm gar nicht genug danken. Zum Beispiel, indem ich jeden Tag das Vaterunser bete, Satz für Satz, langsam und ruhig, wie ich ein- und ausatme.
Gott ist Tag und Nacht erreichbar. Und das absolut gebührenfrei. Das Passwort „Papa“ kennen wir ja jetzt.


Predigt Pfr. Dr. Jörg Sieger
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Predigt Prof. Dr. Dr. Klaus Müller
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Predigt Pfr. Dr. Johannes Holdt
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Lektorenhinweise u. Kurzerklärung des Kath. Bibelwerks (pdf)
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Das Vaterunser – mal anders (Zwiegespräch mit Gott)
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Glaubensbrief: „Das Vaterunser“ (pdf)
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Arbeitshilfe: „Das Unservater“ (15 S. pdf)
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Predigtreihe zum Vaterunser (52 S. pdf)
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„Mit Hingabe Gottesdienst feiern“ (104 S. pdf)
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Steffen Seibert: Gläubiger Katholik wird Regierungssprecher
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“Pilgern im Pott” – Pilgerkirchen im Ruhrgebiet
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Beim Konveniat gehört es zur Entspannung einfach auch dazu, dass die Herren Pfarrer über die ach so schlechte heutige Zeit sinnieren. Das wird mit den mittlerweile traditionellen Beispielen wie dem Sonntag nach der Erstkommunion gefüllt, denn da fehlen schon zwei Drittel der „Neuen“.
Der neue Kaplan macht sich jedoch schnell unbeliebt: „Die Krimi-
nalität war früher aber wesentlich höher als heute!“ – Das verblüfft die gestandenen Pfarrer denn doch, und man verlangt einen Beweis für die kühne Behauptung. Der Kaplan schelmisch grinsend: „Na, beispielsweise gab es zu den Zeiten von Kain und Abel noch fünfzig Prozent Mörder unter den jungen Leuten…!“


Die dreijährige Ina hat gut aufgepasst und singt deshalb aus voller Kehle vor dem Mittagessen beim Tischgebet mit, zumal heute Besuch dabei ist: „Segne, Vater, diese Gabeln…!“

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14.07.2010

16. Sonntag im Jahreskreis C - 18.7.2010

(Fortsetzung)

Wir sehen Marta geradezu vor uns, wie sie Gemüse putzt, so schnell es geht, zwischendrin immer wieder ein weiteres Fladenbrot rechtzeitig wendet, damit es nicht anbrennt. Außerdem schmort sie Fisch und Fleisch und holt köstlichen Wein herbei. Doch damit nicht genug: Immer wieder lässt sie sich auch bei den Gästen blicken, hört mal einen Augenblick zu, um bald schon wieder in der Küche zu verschwinden.
Während Marta sich mit allergrößter Anstrengung um die rasche Zubereitung eines leckeren Festmahles bemüht, haben die Gäste längst wie üblich auf dem Boden Platz genommen, vielleicht auf dem Flachdach des Hauses, wo man am Abend froh über ein frisches Lüftchen ist.
Jesus nutzt die Gelegenheit. Er will mehr als nur eine nette Unterhaltung, er will die Zeit bis zum Essen nutzen, um seine Jünger zu unterrichten. Maria ist von den Erklärungen Jesu so fasziniert, dass sie sich wie seine Schüler direkt vor seinen Füßen hinsetzt,
um ihm andächtig zuzuhören. Normalerweise war dies damals unüblich, denn ein Rabbi unterrichtete eigentlich immer nur Männer. Jesus aber sieht das anders: er lässt auch diese Frau eine Zeitlang in die Rolle seines Schülers schlüpfen. Weder zu ihrem Verhalten noch zu dem ihrer Schwester gibt er irgendeinen Kommentar ab.

Im heutigen Evangelium heißt es dann: „Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen.“ – Schade, dass dies so ungenau übersetzt ist, denn im Originaltext heißt es viel drama-
tischer, dass Marta unentwegt so viel zu schaffen hatte, dass sie nach allen Seiten gezerrt wurde, regelrecht hin- und hergerissen wurde. Vor lauter Eifer ist sie also irgendwie völlig aus der Spur geraten. -
Um es klar zu sagen: Marta ist es zu verdanken, dass Jesus dieses Haus überhaupt betreten hat.
Sie war es, die die herzliche Einladung ausgesprochen hat und mit einem festlichen Essen ihren beson-
deren Gast ehren will.
Doch Marta weiß bald nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Sie über-
schlägt sich fast, um alles noch auf die Reihe zu kriegen. Heute würde man vielleicht sagen: Sie steht regelrecht unter Strom, so wirbelt sie herum. Wirklich eine tolle Hausfrau, oder?

Es kommt, wie es kommen muss. Irgendwann gerät für Marta die Situation vor lauter Hetze fast außer Kontrolle. Ihr Blutdruck steigt, und ihr Zorn auf ihre Schwester Maria auch, die immer noch seelenruhig den Worten Jesu lauscht, statt hier mitanzupacken,
wie sich das gehört.
Schweißgebadet wie ein Hochleistungssportler taucht Marta plötzlich in der Versammlung auf und unterbricht Jesus. Im Evangelium klingt das so: „Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ - Wieviel Frust muss sich da wohl bei ihr angesammelt haben, wenn sie dermaßen heftig reagiert!
Schauen wir dafür genauer auf diese Szene. Nicht genug damit, dass Marta Jesus unterbricht. Statt ihre Schwester unauffällig zur Seite zu ziehen und zur Mithilfe aufzufordern, wird Jesus hier in die Rolle eines Richters gedrängt: Jesus, sag doch endlich auch mal was dazu –
so kann das doch nicht weitergehen!
Und zu allem Überfluss redet Marta jetzt auch noch recht lieblos von „meine Schwester“, anstatt diese wenigstens beim Namen zu nennen.
Es ist der Hilfeschrei einer furchtbar gestressten Hausfrau, der da
an Jesus gerichtet ist. Auf der Stelle wird es mucksmäuschenstill. Alle sind gespannt, wie Jesus mit diesem Zwischenfall umgeht. Wird er für Maria Partei ergreifen und Marta für ihren übertriebenen Eifer tadeln? Oder wird er Marta zustimmen und Maria bitten, sofort ihren Platz zu verlassen, um Marta endlich unter die Arme zu greifen? Jedenfalls hat niemand hier mit solch einem Gefühlsausbruch Martas gerechnet.
Jesus reagiert sofort. Er wendet sich an Marta und spricht sie so an: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ - Sicher haben Sie es auch gemerkt. Jesus tadelt Marta keineswegs. Indem er ihre Sorgen und Mühen erwähnt, signalisiert er ihr sofort, dass er sehr wohl mitbekommen hat, was sie da die ganze Zeit getrieben hat.
Und ganz sicher hat Jesus auch nichts gegen ein besonders leckeres Essen einzuwenden. Aber dennoch gibt es kein aus-
drückliches Lob Jesu für die diensteifrige Hausfrau. Im Gegenteil:
Die auffallende zweifache Nennung ihres Namens macht das, was er anschließend zu ihr sagt, noch viel eindringlicher. Es ist, als wolle er Marta wachrütteln: Komm doch zu dir – mach endlich die Augen auf!
Und dann folgt eben keine Ablehnung, sondern die Diagnose eines guten Arztes: Was du da mit riesigem Aufwand machst, das ist doch gar nicht notwendig. Du selbst hast dich damit so unter Druck gesetzt, dass du jetzt weder ein noch aus weißt! Also lass dich von deinen Pflichten nicht dermaßen gefangennehmen, dass du kaum noch Luft bekommst. Du musst hier nicht die Rolle der perfekten Hausfrau spielen, die unschlagbar gut ist. Auch für dich gilt: etwas weniger kann durchaus mehr sein!

Marta ist jetzt sicher erst einmal wie vom Donner gerührt. Sie hat fest damit gerechnet, dass Jesus ihr moralisch zur Seite steht und ihrer Schwester einen deutlichen Rüffel erteilt. Stattdessen sagt Jesus: „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ - Im Klartext also: Maria hat eine gute Wahl getroffen, sich zu uns zu setzen und meinen Worten zu lauschen. Und von mir kannst du nicht erhoffen, dass ich ihr das wegnehme. Sie soll ruhig weiterhin zuhören!
Jesus spricht hier ausdrücklich vom wählen. Maria hat gewählt, sie hat sich bewusst so entschieden. Das heißt auch, dass Marta ebenfalls die Wahl hatte, und sie selbst hat sich anders entschieden. Sie hat zwar auch hin und wieder zugehört, aber letztlich war ihr ein besonderes Festessen wichtiger.

Es kann jetzt durchaus sein, dass Marta nicht die Einzige ist, die da geschockt ist. Bei den besonders aktiven Leuten in jeder Pfarr-
gemeinde kann sich da eine gewisse Ratlosigkeit einstellen. Man stellt sich ja bei jedem Evangelium die Frage: Was heißt das denn nun für mich selbst? Und in diesem Falle könnte man sich fragen:
Ist die Antwort Jesu eine Botschaft an alle Martas, früher und heute: Schafft nicht so viel, macht euch nicht kaputt, lasst es doch überall etwas lockerer angehen!
Ist das wirklich gemeint? – Da mag so mancher Ehrenamtliche in der Kirche denken: Na, dann stände die Kirche aber ganz schön dumm da, wenn die fleißigen Hände nicht so tüchtig anpacken würden! Da würde nicht nur so manches Pfarrfest ins Wasser fallen. Da gäbe es so manche Hilfe weniger, z.B. in Gruppenstunden, bei Krankenbesuchen und vielem, vielem mehr.
Hat Jesus wirklich gemeint, wir sollten es mal halblang angehen lassen und das Christentum vom gemütlichen Sessel aus genießen? - Natürlich nicht. Da genügt ein kurzer Blick auf andere Bibel-
stellen. Erst am vorigen Sonntag wurden wir an den barmherzigen Samaritaner erinnert, der trotz Gefahr für sich selbst dem Über-
fallenen zu Hilfe eilt und vorbildlich für ihn sorgt. Und wir erinnern uns dabei auch noch an den Schluss. Jesus fordert den fragenden Gesetzeslehrer auf: „Geh und handle genauso!“
Es geht im heutigen Evangelium also nicht um ein Christentum zu herabgesetzten Preisen. Die konkrete Situation ist doch die, dass da Jesus zu Besuch ist, dass da Jesus das Wort ergreift und die Seinen etwas lehrt. Und in genau dieser Situation reagieren die beiden Schwestern so ganz verschieden.
Während Maria sich diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lässt, setzt Marta andere Prioritäten. Sie kann sich von ihrer ein-
geschliffenen Rolle als perfekte Hausfrau einfach nicht lösen. –
Doch was wird Maria von diesen wenigen Stunden mit Jesus haben, und was wird Marta davon haben?
Indem Maria ganz Ohr ist für die Botschaft Jesu, schöpft sie Kraft und Hoffnung für ihr weiteres Leben. Marta dagegen hat von dieser Begegnung später nichts mehr als eine unangenehme Erinnerung an schrecklichen Stress und an eine deutliche Mahnung Jesu. - Jesus ist doch nicht immer da! Jetzt ist er zum Greifen und zum Hören nahe, und da macht Marta doch tatsächlich die Nebensache zur Hauptsache – wie ärgerlich für sie selbst!
Eine Gelegenheit, die so schnell nicht wiederkommt, und Marta hat sie verpatzt, wenn auch in allerbester Absicht.

Diese Botschaft erreicht uns ausgerechnet gerade zur typischen Urlaubszeit. Ferien, ausspannen und abschalten, sich erholen, neue Eindrücke sammeln. Vielleicht kommt das heutige Evangelium da gerade zur rechten Zeit! Wie ist es mit meinem eigenen Leben? Ist da auch die Nebensache immer mehr zur Hauptsache geworden?
Nehme ich mir wirklich die nötige Zeit, beim Herrn zu sitzen und sein Wort in mein Ohr und mein Herz zu lassen? Oder ertrinke ich allmählich in lauter Geschäftigkeit?
Marta hat Jesus gastfreundlich aufgenommen, und dann ver-
schwindet sie in der Küche. Wie ist das mit mir? Begebe ich mich aufmerksam in die Nähe Jesu, oder wirbele ich nur herum?
Mache ich es vielleicht wie ein Autofahrer, der meint, er könnte immer weiterfahren, ohne auf die Tankfüllung zu achten? Tanke ich rechtzeitig bei Jesus nach, oder fahre ich vielleicht schon viel zu lange ganz gefährlich auf Reserve? - Also in diesem Sinne:
Passen Sie auf sich auf – und kommen Sie bitte gut an!

Dr. Fernando Enns: Predigt im Uni-Gottesdienst Heidelberg (pdf)
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Predigt-Infos von „Alles um die Kinderkirche“ (pdf)
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Predigt Landessuperintendent Gorka (pdf)
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…ausgelegt von Prof. Dr. Ludwig Volz
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Joh 11,1-45: Der tote Lazarus wird auferweckt / Marta bekennt, dass Jesus der erwartete Messias ist >> BITTE KLICKEN !
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Eine Pfarrgemeinde hat sich zu einer Missionswoche entschlossen, um den Glaubensschwung in der Pfarrei zu erneuern. Ein Pater ist als Referent auf einem Plakat an der Kirchentüre angekündigt. Sein Thema steht in großer Schrift da und soll die Leute wachrütteln: „Weißt du, was Höllenqualen sind?“ Ein aufmerksamer Kirchen-
besucher hat darunter gekritzelt: „Klar doch, ich habe unseren Kirchenchor schon gehört!“


Bei Familie Müller ist eine Austausch-Schülerin aus Italien eingetroffen. Die resolute Mama sorgt sofort am ersten Tag für die nötige Klarheit: „Damit du Bescheid weißt – wir alle sind Vegetarier. Ich hoffe sehr, dass wir dich mit der Zeit auch dafür gewinnen können!“ - Die 14-jährige Rosa schluckt mal kräftig, doch dann erwidert sie tapfer: „Niemals! Ich bin und bleibe katholisch!“

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13.07.2010

Wo der Papst Urlaub macht

(Fortsetzung)

Papstprogramm Juli/August
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Urlaub im päpstlichen „Balkonien“
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Wikipedia über Castel Gandolfo
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Ausführlicher Artikel über die päpstliche Sommer-Residenz
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Fotos: So lässig macht unser Papst Urlaub
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Foto-Bericht: Ein „Bild“-Kunstwerk für den Papst
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„…trotzdem ein Paradies“: kath.net-Bericht
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Deutschsprachiges Pilgerzentrum
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Die BILD-Zeitung 2007
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12.07.2010

Katholische Blogger, 2. Teil

(Fortsetzung)

22 Gedankensplitter
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23 Magnificat anima mea Dominum
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24 Alles, was gut und recht ist
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25 Heiligenbildchen und Pastoralchemie
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26 Freude am Glauben
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27 Auf dem Weg
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28 Preiset den Herrn
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29 der andere franz
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30 fortes-fide
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31 Allotria catholica
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32 Publik-Forum Blog
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33 Deus, tu conversus vivificabis nos
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34 Zeichen und Zeugnis
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35 Thomas sein Abendland
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36 Veni Sponsa Christi
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37 Zwischen den Stühlen
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38 Refektorium
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39 Der Kreuz und Querdenker
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40 Inkarnierte Inkoordination
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41 Deus, tu conversus vivificabis nos
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42 medio in mundo
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43 Mike’s Sites
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44 Kollekte. Das Religionsblog des “Rheinischen Merkur”
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45 Blog des Bistums Osnabrück
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46 O crux, ave spes unica
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47 Klosterneuburger Marginalien (Alipius)
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48 Redaktionsblog Konradsblatt
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49 Frischfischen – Gott und die Welt im Netz
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50 Quo vadis?
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51 Katholisch in Südrussland
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Die Reihenfolge bedeutet keine Wertung, sondern entspricht nur der Reihenfolge bei der Aufnahme in mein Archiv.
Diesen Nachtrag können Sie sich selbst als pdf-Liste herunterladen oder von mir als Word-Datei beziehen.
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Die pdf-Datei finden Sie ebenfalls dort, rechts im Infofeld bei "Predigt als pdf"

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07.07.2010

15. Sonntag im Jahreskreis C - 11.7.2010

(Fortsetzung)

„Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho herab“
so beginnt Jesus.
Das bedeutet für jeden, der diesen Weg geht, etwa acht mühevolle Stunden für etwa 27 Kilometer Strecke über felsiges und wüsten-
ähnliches Gelände, 1000 Höhenmeter bergab von Jerusalem bis nach Jericho, das in einer fruchtbaren Oase in der Jordansenke liegt. Damals war Jericho ein beliebter Wohnort, und auch viel Tempel-
personal hatte sich dieses schöne Fleckchen ausgesucht.
Wer da genau den Weg durch die Felsschluchten hinunterwandert, wird nicht verraten. Jesus sagt einfach: „Ein Mann ging…“ – Das heißt: Dieser namenlose Mensch soll für viele stehen, soll nur als Beispiel dienen.
Die unübersichtliche Wegstrecke ist damals bekannt dafür, dass sich hier Überfälle lohnen. Nicht nur Geschäftsreisende haben Wertsachen dabei, sondern auch die vielen Pilger, die im Tempel von Jerusalem ihr Opfer darbringen wollen. Das Risiko für die Räuber, in dieser wilden Gegend geschnappt zu werden, tendiert dabei gegen Null.
Was zu befürchten war, tritt ein. Jesus schildert es so: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.“
Offensichtlich gehen die Räuber hier mit großer Brutalität vor, vielleicht, damit sich dies herumspricht und ihnen bei weiteren Opfern von vorneherein Respekt verschafft. Das Opfer jedenfalls schwebt in Lebensgefahr: blutend, halbnackt in sengender Sonne und womöglich bald bewusstlos. Ohne schnelle Hilfe ist sein baldiges Ende absehbar.
Doch, wie es scheint, hat der Mann Glück im Unglück, denn seine lebens-
bedrohliche Lage wird bald be-
merkt. Im Evan-
gelium wird jetzt nichts spannend ausgemalt, sondern es heißt nur ganz kurz und knapp: „Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.“
Das war’s auch schon. Der zuhörende Gesetzeslehrer wird sicher verdutzt dreingeschaut haben. Jesus macht sich gar nicht die Mühe, bei diesem möglichen Helfer und Retter nach Gründen für eine Entschuldigung zu suchen. Was einzig bei Jesus zählt, ist das Ergebnis: Der Priester hilft nicht, obwohl er den Schwerverletzten genau gesehen hat.
Dem Gesetzeslehrer würden sicher denkbare Entschuldigungs-
versuche einfallen: Der Priester war nach einer kompletten Woche Tempeldienst einfach müde und wollte nur noch nach Hause. Vielleicht hatte er auch schreckliche Angst, in eine Falle zu tappen und selbst überfallen und so übel zugerichtet zu werden. Außerdem galt es damals für Priester und ihre Helfer, die Leviten, als unrein, wenn man Sterbende oder Leichen anfasste. Man wurde dadurch erst mal eine Zeitlang für den Tempeldienst gesperrt.
Wie dem auch sei: Jesus konzentriert sich nur auf das Ergebnis,
auf den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung. Und das aus-
gerechnet bei einem Priester, bei einem, der eigentlich als Vorbild gilt.
Doch nicht genug mit diesem ersten Schock. Wenig später kommt ein Tempeldiener auch dort vorbei. Über seine Gedanken erfahren wir ebenfalls nichts. Wir können aber annehmen, dass ihm klar war, dass vor ihm ein Priester gegangen war und offensichtlich untätig geblieben war. So macht auch er sich einfach auf und davon und überlässt das Opfer seinem grausamen Schicksal. Beide doch so frommen Vertreter des religiösen Kultes haben kläglich versagt.
Was Jesus da erzählt, das ist schon ein rich-
tiger Hammer! Doch Jesus setzt noch eins drauf: Noch jemand kommt an die Un-
glücksstelle. Jesus erzählt es so: „Dann kam ein Mann aus Sama-
rien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“


Als der Gesetzeslehrer das hört, muss er sicher erst einmal tief durchatmen. Die Menschen in Samarien gehörten eben gerade nicht zu den Glaubensbrüdern, zu den Nächsten. Sie waren zwar auch Juden, galten aber nicht als rechtgläubig und wurden daher als Sektierer verachtet.
Wie tief der gegenseitige Hass damals saß, haben wir im Evan-
gelium vor zwei Wochen erfahren: Ein Vorauskommando Jesu sucht Quartiere für die Nacht. Als die Leute im samaritanischen Dorf er-
fahren, dass die Gruppe nach Jerusalem will, lehnen sie energisch jede Gastfreundschaft ab.
Der Samaritaner in der Geschichte Jesu jedenfalls ist ein Mann
der Tat. Mit einem Blick sieht er, um was es hier geht. Da wird ein Mensch bald sterben, wenn er nichts unternimmt. – Der Samariter, wahrscheinlich ein Händler, fackelt nicht lange, obwohl gerade ihm als erfahrenem Reisenden klar sein dürfte, dass ein Anhalten an diesem Ort riskant ist. Geradezu fachkundig geht er an die Lebens-
rettung des Verwundeten. Sogar Öl, Wein und Verbandszeug hat er dabei. Wirklich gut ausgerüstet, dieser Reisende!
An Ort und Stelle leistet er perfekte Erste Hilfe, um die Blutungen zu stoppen und Infektionen zu vermeiden. Mit letzter Kraft wird der Ver-
letzte auf das Reittier des Samariters gehievt, und dann geht es zur nächsten Herberge am Wegesrand.

Jetzt kommt zum Abschluss noch das Sahnehäubchen auf die Geschichte: Der Lebensretter spendiert dem Verletzten auch noch eine ganze Woche Aufenthalt und Pflege in der Herberge. Mit dem Wirt schließt er mündlich den Vertrag: Wenn es mehr kosten sollte, den Mann gesundzupflegen, dann komme ich auch dafür auf, wenn ich wiederkomme! -
Der Mann hat einfach alles richtig gemacht. Einen längeren Trans-
port hätte der Verletzte wohl kaum überstanden. Mit der Voraus-
zahlung ist garantiert, dass der Wirt sich tatsächlich um ihn kümmert. Eigentlich ist der auch einer besonderen lobenden Erwähnung wert, denn er vertraut dem Versprechen des Reisenden und trägt nun die Verantwortung für die Gesundung des Patienten.
Doch mit weiteren Details hält Jesus sich nicht auf. Er wendet sich dem Gesetzeslehrer zu und zwingt ihn zu einer Stellungnahme, zu einer Entscheidung: „Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“
Dem bleibt gar nichts anderes übrig, als zuzugeben: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat!“
Das Wort „Samariter“ nimmt der Gesetzeslehrer lieber nicht in den Mund. Er umschreibt es nur: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat!“ - Der Gesetzeslehrer hat aber verstanden. Er gibt keinen weiteren Kommentar mehr dazu ab. Auch nicht dazu, wie elegant Jesus die Richtung des Gespräches geändert hat.
Jesus will es ganz konkret. Der feine Unterschied fällt vielleicht im ersten Moment nicht auf: Es geht bei Jesus in erster Linie nicht um die Ausgangsfrage, wer mein Nächster ist. Da kann man zu leicht ins Allgemeine und Theoretische abgleiten. Es geht Jesus vielmehr darum, wem ich mich in der realen Situation als Nächster erweise.
Um es konkret zu sagen: Es ist sehr, sehr lobenswert, z.B. Blut zu spenden und so mitzuhelfen, Leben zu retten. Wer einen Organspender-Ausweis mitführt oder wer großzügig für die kirchlichen Hilfswerke spendet, um das Elend der Ärmsten zu lindern, der hat viel für seine Nächsten getan, ebenso wie der, der aller Leidenden intensiv in seinem Gebet gedenkt.
Doch Jesus kommt es noch auf etwas mehr an. Hören wir noch einmal, was er dem Gesetzeslehrer zum Schluss mit auf den Weg gibt: „Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“
Wie der Gesetzeslehrer letztlich darauf reagiert hat, erzählt uns das Evangelium nicht. Seine Frage war, wie er das ewige Leben für sich gewinnen könne. Jetzt weiß er es, was er eigentlich schon längst wusste: Indem er Gott wirklich liebt, aber auch seinen Nächsten wie sich selbst.
Mit dieser Geschichte hat Jesus ihn mit der Nase darauf gestoßen: Deine theoretischen Erörterungen, wer nun dein Nächster ist oder auch nicht, bringen dich nicht weiter. Im Grunde weißt du das längst selbst. Du kannst dir deinen Nächsten nicht malen. Er wird immer wieder ganz konkret vor dir stehen. Da nutzen dir deine Gedanken-
spielereien herzlich wenig.
Du siehst es ja: Gerade derjenige, den ihr Frommen so schnell als Sektierer abgestempelt und ausgeschlossen habt, gerade der erweist sich in der Not als der einzige, der Gottes Willen ganz praktisch erfüllt. Und die hauptberuflich Frommen verdrücken sich peinlicherweise so schnell, wie es eben geht.

Auch wir heute haben sicher verstanden. Wir sind zwar gut orga-
nisiert: Da gibt es staatliche Ämter, da gibt es Wohlfahrtsein-
richtungen wie die Caritas, da gibt es die Profis, die über viele Möglichkeiten verfügen, die der Einzelne nicht hat. Wie gut, dass es dies alles gibt!
Doch es gibt immer wieder Räuber der verschiedensten Art, und es gibt immer wieder solche, die geschunden und mit Verletzungen zu Boden gehen. So mancher wird im Leben ganz, ganz böse gefoult, und der Übeltäter verdiente dafür mehr als nur die rote Karte. -
Klar sollte man da fordern, dass der Staat mehr gegen solche Räuber unternimmt und unsere Lebenswege besser absichert. Martin Luther King hat dies einmal so auf den Punkt gebracht: „Eines Tages müssen wir begreifen, dass die ganze Straße nach Jericho umgebaut werden muss.“

Das alles ist wichtig und richtig. „Und wer ist mein Nächster?“
So fragte der Gesetzeslehrer. Jesus hat es mit seiner Geschichte sehr anschaulich gezeigt: Dein Nächster ist nicht nur der dir un-
bekannte Empfänger deiner großzügigen Spende. Dein Nächster steht immer mal wieder ganz leibhaftig und vielleicht auch völlig unvorbereitet vor dir. Du kannst ihn dir noch nicht einmal aussuchen. Er oder sie steht auf einmal da und braucht dich.
Und das kann ganz verschieden sein, womit du dann Nächste oder Nächster sein kannst. Vielleicht ein-
fach mit dem Geschenk, etwas von deiner kostbaren Zeit abzugeben. Vielleicht nur, um deinem Kind ein Vorbild zu sein, was das Aufstehen zum Gottesdienstbesuch am Sonntag betrifft.
Vielleicht, um einem Menschen, der sich etwas von der Seele reden möchte, dein Ohr und dein Herz zu öffnen. Vielleicht, um ein längst fälliges Versöhnungsgespräch zu führen. Vielleicht – ach, das weißt du doch selbst am besten!

Predigt Pfr. Ulrich Harst (pdf)
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Dr. Nikolaus Wandinger: „Vom barmherzigen Fundamentalisten“
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Ruben Zimmermann: „Berührende Liebe“ (pdf)
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Reto U. Schneider: „Die unbarmherzigen Samariter“ (pdf)
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Kath. Bibelwerk: Lesehilfen zu Lesungen / Evangelium
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Dominik Brunner: Totgetreten, weil er nicht weggeschaut hat
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Vom Umgang mit Schicksalsschlägen / Notfallseelsorge (pdf)
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Generalvikar Dr. Benno Elbs: „Ein geistlicher Mensch bleiben“ (pdf)
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Seite rund um das Wandern in Deutschland
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„Sebastian, hast du dem Papagei diese schrecklichen Schimpf- wörter beigebracht?“ – „Nein, Mami, ganz im Gegenteil: Ich habe ihm ganz genau erklärt, welche Wörter er auf keinen Fall sagen darf!“

Eines Tages besucht der Pfarrer den kranken Bauern Wilhelm.
Der klagt ihm sein Leid: „Das Schlimmste ist die Langeweile, wenn man den ganzen Tag im Bett liegen muss.“
Der Pfarrer zeigt sich hilfsbereit: „Dagegen habe ich was. Meine Haushälterin bringt es dir morgen vorbei. Lies in dem Buch, dann geht es dir bald besser!“
Am nächsten Tag bringt die Haushälterin auftragsgemäß ein Buch mit Geschichten und Gedichten von Wilhelm Busch zum Patienten. Nach einer Woche erkundigt sich der Pfarrer beim Bauern, wie ihm das Buch gefallen habe. „Gut war’s. Manchmal hätte ich fast laut lachen müssen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es doch Gottes heiliges Wort ist!“

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