Bartimäus ist im wahrsten Sinne des Wortes am Boden. Er war nicht immer blind. Voller Verzweiflung denkt er an die Zeit zurück, als er sehen konnte, als er kein Ausgestoßener war. Mit der Erblindung hat er nicht nur sein Augenlicht verloren, sondern auch seine Freunde, seine Familie, seine Arbeit und vor allem seine Menschenwürde.
Die Rollen sind somit klar verteilt. Er muss den Ver-
achteten spielen, sein Leben lang. Andere bestimmen einfach so im Vorübergehen, was ihm zusteht oder nicht. So manches Mal wird er schon vor sich hin geseufzt haben: Ach, könnte ich doch bloß wieder sehen!
Auch heute hat er wieder solche Gedanken. Wieder einmal wälzt sich eine große Menschenmenge aus der Stadt heraus. Wieder einmal wird sich innerhalb einer Stunde entscheiden, ob er heute Abend genug zu Essen bekommt oder nicht.
Bartimäus ist seit seiner Erblindung viel hellhöriger ge-
worden. Er spürt, dass heute doch etwas anders ist.
Es sind noch mehr Menschen als gewöhnlich. Er hört, wie aufgeregt die Menschenmenge heute ist. Da liegt etwas in der Luft, da ist etwas im Gange!
Bartimäus spitzt die Ohren. Aus dem Stimmengewirr hört er heraus, dass dieser Rabbi Jesus in der Stadt war und jeden Moment mit seinen Jüngern hier vorbeikommen muss.
Bartimäus ist blind, aber nicht blöd. Natürlich interessiert er sich für alles, und natürlich hat er schon viel von diesem Rabbi gehört. Viele haben schon von seinen Wundertaten erzählt. Viele hoffen inständig, dass er in Jerusalem einmarschieren und König der Juden werden wird.
Bartimäus erkennt blitzschnell: Das ist für mich wie ein Sechser im Lotto! Solch eine Riesen-Chance bekomme ich nie wieder! Das darf ich jetzt auf keinen Fall vermasseln!
Nur noch wenige Meter ist dieser Jesus von ihm entfernt, um ihn herum eine große Menschentraube. Viele sind es, viel zu viele, die da mit ihm ziehen, vielleicht in der Hoffnung auf etwas Spektakuläres. Jesus ist regelrecht eingekesselt von der Menge. Nur langsam kommt er vorwärts. Nur noch wenige Meter, nur noch Sekunden! Bartimäus stockt fast der Atem. Niemand ist da, der sich für ihn interessiert. Niemand wird ihm helfen, zu Jesus zu kommen.
In Sekunden-bruchteilen hat er es begriffen. Jetzt! Jetzt! Bartimäus ruft. Er schreit es hinaus, alle seine Not und Hilflosigkeit: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Er schreit sich die Seele aus dem Leib. Es ist ein Schrei der Verzweiflung. Es schreit aus ihm heraus - ja, der ganze Mann ist jetzt ein einziger Schrei. Fast schon ein Fall für den Lärmschutz!
Das ärgert die frommen Pilger natürlich ganz gewaltig. Das Subjekt da stört sie. Die Ohren tun ihnen weh. - Ein heftiger Störfall ist das! Womöglich wird dieser Rabbi Jesus ihn noch hören und mit ihm sprechen. Das fehlte gerade noch, denn das würde ihren Marsch nur verzögern, würde sie aus dem Tritt bringen.
So geht man nicht gerade zimperlich mit dem Schreihals um. Im Bibeltext heißt es: „Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen.“ Wir können da heraushören, wie barsch man mit ihm umgesprungen ist. „Halt die Klappe, du störst!“ - So oder so ähnlich wird es geklungen haben. Von so einem lässt man sich doch nichts kaputtmachen!
Bartimäus ist geschockt. Aber er lässt sich jetzt den Mund nicht verbieten. Jetzt nicht, egal, was sie nachher mit ihm machen! Für Gefühle wie Scham, Angst oder Stolz ist jetzt kein Platz. Bartimäus brüllt es aus sich heraus: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ - Es ist, als würde die
Welt um ihn herum den Atem anhalten. Die ganze Karawane bleibt tatsächlich stehen. Und tatsächlich hat dieser Jesus ihn gehört. Bartimäus ist jetzt fast schon erschrocken über seinen Mut. In seiner Magengegend rumort es, als hätte er im Zug unberechtigt die Notbremse gezogen. Was wird jetzt wohl geschehen? Wird Jesus zu ihm kommen? Da hört Bartimäus schon, wie Jesus die umstehenden Pilger anweist: „Ruft ihn her!“Das ist kurz und präzise. „Ruft ihn her!“ - Jesus hat sofort die Mitmenschen des Blinden mit einbezogen in das Geschehen. Sie sollen ihren Teil beitragen.
Was füreine Überraschung: die Leute sind wie ausge-
wechselt! Es ist, als wären sie von Jesus aus dem Schlaf wachgerüttelt: Schaut mal, da ist einer, der um alles in der Welt zu Jesus will! Schaut mal, da ist einer, der riskiert was!
Tatsächlich: Jetzt erst nehmen einige den Blinden so richtig wahr. Einige gehen sofort auf Bartimäus zu und ermuntern ihn sogar ausdrücklich: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ - Das sind wirklich ganz neue Töne! Bartimäus ist wie elektrisiert.
Jetzt geschieht es: Er wirft seinen Mantel weg, springt auf und rennt auf Jesus zu! Was für ein Wagnis! Bartimäus lässt seinen Mantel einfach liegen. Der ist jetzt nur unnützer Ballast, nur hinderlich! Dabei ist der Mantel für ihn vermutlich der einzige Besitz und seine Lebens-versicherung: tagsüber braucht er ihn zum Betteln, und nachts braucht er ihn gegen die Kälte. Ein solcher Mantel ist das Existenzminimum. Er durfte deshalb damals keinem Armen weggepfändet werden.
Bartimäus ist das jetzt egal. Weg damit! Ohne Rück-
versicherung, ohne Wenn und Aber rennt er auf Jesus zu. Rennen? Ein Blinder? - Auch dies zeigt: Bartimäus ist voller Vertrauen und ist sich seiner Sache sicher.
Er verlässt sich wirklich blindlings auf diesen Mann. Dieser Jesus wird mir helfen! Hätte er mich sonst gerufen? –
Alle Hindernisse seiner Behinderung sind plötzlich keine Hindernisse mehr für ihn. Es gibt nur eins: So schnell wie möglich zu diesem Jesus! Und tatsächlich: er kommt unbeschadet bei Jesus an.
Doch dann folgt die nächste Überraschung. Jesus fragt ihn doch tatsächlich: „Was soll ich dir tun?“ – Was für eine Frage, das sieht man doch wirklich! Es muss also einen tieferen Grund haben, dass Jesus den Blinden mit einer Frage zu einer Aussage bewegen will. Heutige Psycho-
logen sagen das auch: Friss deinen Kummer nicht in dich hinein – du musst aussprechen, was dich bedrückt. Du musst aussprechen, was du wirklich willst!
Bartimäus weiß, was er wirklich will. Jesus will, das er diese Sehnsucht auch ausspricht. Jesus will, das man zu ihm kommt und sein Herz ausschüttet. Bartimäus hat eine Sehnsucht. Eine große Sehnsucht. Er will es nicht eine Nummer kleiner. Es geht um’s Ganze, und das spricht er
auch aus: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“Wir können uns gut vorstellen, wie ihm jetzt zumute ist. Mit all seinem Elend ist er zu Jesus geeilt. Nun wartet er ganz angespannt auf dessen Reaktion. Was wird nun wohl mit ihm geschehen?
Vielleicht sind wir ebenso verblüfft wie Bartimäus. Nicht Spektakuläres passiert. Keine Lehmpaste auf die Augen, noch nicht einmal eine Berührung. Jesus spricht einfach nur einen Satz, einen kurzen Satz, der es in sich hat:
„Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ –
Das Evangelium fügt nur kurz hinzu: „Im gleichen Augen-
blick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.“
Dein Glaube hat dir geholfen! – Diese Aussage ist bemerkenswert: Das Evangelium zeigt, dass dieser Blinde vielleicht gar nicht so blind war, wie wir denken. Klar, er war äußerlich blind, seine Augen konnten das Licht nicht sehen. Aber innerlich, da war er alles andere als blind.
Er hat mehr Durchblick als so mancher, der meint, ein Sehender zu sein. Dem Bartimäus sind die Augen schon aufgegangen, als er aus Leibeskräften nach Jesus rief.
Ihm ist es wie Schuppen von den Augen gefallen: Der ist es, das ist Jesus, der Sohn Davids, der angekündigte Messias! Mit allen meinen Schwächen will ich mich aufmachen zu ihm und will ihm meine Not bekennen.
Er wird mich aufrichten, er wird mir ein neues Leben schenken, ein Leben ohne Bettlermantel.
Bartimäus glaubt. Bartimäus vertraut Jesus voll und ganz. Für ihn würde er seine Hand ins Feuer legen. Interessant ist, dass er eigentlich nicht nur sagt, er wolle wieder sehen können. Im Orginal steht da noch eine Vorsilbe. Sie be-
deutet so viel wie: hinauf, empor, hindurch. Bartimäus will nicht nur wieder sehen können. Er will wieder auf-
blicken können, er will nach oben sehen können. Es geht ihm um mehr als das Erkennen können von Menschen, Tieren, Pflanzen usw. - Bartimäus will tiefer sehen können, will erkennen können, will nicht nur oberflächlich mal gucken.
Jesus ist vom Glauben und Vertrauen dieses Mannes tief beeindruckt. Der hat sich wirklich kein Hintertürchen offen gelassen. Mit diesem geradezu kindlichen Glauben hat sich Bartimäus selbst dafür bereit gemacht, mit Jesu Hilfe wirklich sehen zu können. Da können sich auch die Jünger eine Scheibe von abschneiden, die sich so gerne Gedanken darüber machen, wer im Himmel neben Jesus sitzen darf.Der Schluss macht es ganz deutlich: Bartimäus sieht jetzt wirklich. Er sieht, wer Jesus ist. Und er folgt ihm nach. Genauer heißt es: „…und er folgte Jesus auf seinem Weg.“
Das steht da natürlich nicht grundlos. Wenn er Jesus auf dessen Weg folgte, dann heißt das, dass er tatsächlich mitging nach Jerusalem. Es heißt, dass er mitging bis zu den bittersten Stunden Jesu. Bartimäus konnte wirklich sehen. Man möchte fast hinzufügen: …und wie!
Bartimäus wird uns heute als Vorbild im Glauben vorgestellt. Er hat seine alten Sicherheiten verlassen und hat sich ohne Zögern auf den Weg gemacht, hin zu Jesus. Dabei hatte er es so eilig, dass er etwas für damalige Männer Entwürdigendes und für Blinde Gefährliches machte: er lief, er rannte!
Das Evangelium hält uns allen hier einen Spiegel vor: Schau du dich jetzt mal selbst an – wie ist es mit dir? Vertraust du Jesus auch so? Was antwortest du, wenn Jesus dich fragt: „Was soll ich dir tun?“ - Wirst du dann eher antworten: „Ach nee, lass mal gut sein. Ich weiß ja, wieviel du zu tun hast. Ich finde mich damit ab, dass du dich da nicht auch noch um mich kümmern kannst…“ –
Das ist keine Höflichkeit, sagt das Evangelium. Nein, das ist eigentlich Unglaube. Wer nicht zu Jesus kommt, wer ihm sein Herz nicht ausschüttet, der glaubt insgeheim gar nicht, dass Jesus ihm helfen kann und helfen wird.
Solche Leute sind wirklich blind, sagt das Evangelium. Solche Leute sind so schrecklich blind, dass man das kaum beschreiben kann. Sie gehen blind durch’s Leben, sie sind wirkliche Blindgänger.
Lassen wir uns also wachrütteln, lassen wir uns vom Evangelium die Augen öffnen: Klammere dich nicht an deine gewohnte Ordnung und vermeintliche Sicherheit! Hülle dich nicht in deinen dicken Blinden-Mantel!
Der Pfarrer von Ars formulierte es einmal so: „Gott liebt es, belästigt zu werden!“ – Das heutige Evangelium bestätigt dies. Belästigen wir Gott, wenden wir uns voll Vertrauen an ihn.
Dazu müssen wir freilich wie Bartimäus sein: genau hinhören! Dann werden auch wir mitkriegen, dass Jesus ganz in unserer Nähe ist. Werden wir ihn rufen, werden wir aufstehen? Oder riskieren wir, blind oder ganz kurzsichtig zu bleiben?
Predigt Dr. Thomas Philipp (pdf)>> BITTE KLICKEN !
Predigt Bischof Dr. Stephan Ackermann
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Religionspäd. Impulse zu Mk 10,46-52 (pdf)
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Den Mantel abwerfen – eine Befreiungsgeschichte
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Meditativer Text von Hermann Josef Coenen: „Ich bin nicht blind, aber kurzsichtig bin ich! Ich sehe nur, was direkt vor mir liegt…“ (auf der angeklickten Seite nach unten scrollen!) >> BITTE KLICKEN !
Sonntag der Weltmission 25.10.09: Nigeria
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Predigt Kardinal Meisner zum Sonntag der Weltmission (pdf) >> BITTE KLICKEN !
Predigt über den Einsturz der berühmten Mauern von Jericho >> BITTE KLICKEN !
Bibelwissenschaftliches über Jericho
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Nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Das Ehepaar aus Sachsen steht vor der Kasse bei ALDI in einer Schlange. Er zu ihr: "Vierzch Johre hobn mer inne Schlonge gestonden; nu gehöre mer zum guldnen Westen un müssen wiedr inne Schlange stehn."
Da dreht sich der Türke weiter vorne in der Schlange um und sagt: "Wir Euch nix haben gerufen!"
Im Krankenhaus: ,,Herr Doktor, Herr Doktor! Der Simulant von Zimmer 802 ist eben verstorben !! –
Der Arzt ist sauer: "Na, jetzt übertreibt er es aber...!"
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