21.07.2010

17. Sonntag im Jahreskreis C -25.7.2010

(Fortsetzung)

Der Vater, den Jesus auch gerne „Abba“ nennt, also Papa oder Papi,
ist von ganz anderer Art. Er ist nicht einmal lieb und dann mal wieder nicht,
wie das bei unseren menschlichen Launen passieren kann. Dieser himmlische Vater, zu dem wir beten, ist nicht nur lieb, sondern er ist durch und durch Liebe, und das ist ein ganz gewaltiger Unterschied!

Jesus lehrt es uns: Wenn ihr betet, dann sprecht Gott zu Anfang mit „Vater“ an. Aber plappert das nicht so hin, sondern achtet auf eure Worte. Wenn ich „Vater“ sage, dann bekenne ich damit gleich zu Beginn: Ja, ich weiß und freue mich darüber - Du bist unser aller himmlischer Vater. Und wir alle sind damit deine Kinder, sind von deiner Art, von dir gewollt und geliebt. Wir gehören zu dir. Deine Vaterschaft macht alle Menschen zu Brüdern und Schwestern.
Alles, was wir sind und was wir haben, ist letztlich von dir.
Jesus sagt, wie wir weiter sprechen sollen: „Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.“ – Das also soll unser innigster und erster Wunsch sein, dass Gottes Name hier auf Erden schon geheiligt werde. Das heißt, dass Gott hier bei uns auch wirklich die ganze Ehre zukommt, die ihm gebührt. Wir bitten in diesem Satz des Gebetes also darum, dass Gottes Heiligkeit schon auf Erden erstrahlen soll; dafür möge er sorgen.

Einen zweiten Hauptwunsch sollen wir im Gebet vor Gott tragen: Sein auch auf Erden schon angebrochenes Reich soll doch kommen, soll doch zu allen kommen, soll allen sichtbar, erkennbar werden und sich in den Herzen der Menschen immer mehr ausbreiten.
Wer so betet, der hat für sich bereits anerkannt: Gott meint es unendlich gut mit uns. Seine Herrschaft, sein Reich ist der größte Schatz und Segen für uns. Je mehr sein Reich sich schon hier auf Erden durchsetzt, desto besser ist es, desto mehr Heil geschieht uns. Wenn ich dagegen meine, mich ohne Gott selbst verwirklichen zu können, ist das heillos und dumm. Gott herrscht doch nicht über mich, sondern für mich.
Ich muss ihm dafür nur wirklich mein ganzes Vertrauen schenken. Einen Vater, der mich so über alle Maßen liebt, den kann ich wirklich gerne und aus voller Überzeugung an die erste Stelle setzen, in meinem Leben und im Gebet.

Eine ganz handfeste, praktische Bitte soll sich diesen beiden Hauptbitten anschließen. Wir sollen beten: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.“ - Wer so betet, der bekennt zuerst einmal für sich selbst: Ich lebe nicht als Folge meiner Leistung. Dass es mir in diesem Land, an diesem Ort recht gut geht, das ist nicht wirklich mein Verdienst. Mein Leben wurde mir geschenkt, und auch mein ganzes Drumherum. Das könnte auch ganz, ganz anders aussehen. Daher kann ich nur dankbar sein für jeden Tag, den ich erleben kann, den ich satt bin, den ich mich freuen darf.
Ich bin mir dessen bewusst, dass ich alles Lebensnotwendige habe, und das ist eben nicht selbstverständlich. Um dieses Lebens-
notwendige darf und soll ich Gott jeden Tag dankbar sein und ihn für den nächsten Tag darum bitten, dass er für mich sorgt.
Für mich? Wer genau hinschaut, der merkt schnell, dass hier und bei den nachfolgenden Bitten immer von uns die Rede ist. Nicht mein kleines, feines, privates Glück steht für mich als Christen im Mittelpunkt des Gebetes, sondern das Glück aller Gotteskinder!
Wenn ich auf Gott schauen will, muss ich also zuerst auch nach links und rechts schauen, gewisser-
maßen auf meine Nachbarn. Auch sie sollen das bekommen, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen, Tag für Tag. Darum bitte ich Gott von ganzem Herzen. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich von meinem Überfluss denen abgebe, die es brauchen. Wer Gott wirklich liebt, für den ist das selbstverständlich und gar kein Thema.

Jesus lehrt nun den nächsten Satz des Vaterunsers. Er heißt:
„Und erlaß uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“

Haben Sie genau hingehört? Dann haben Sie auch gemerkt, wie folgenreich das Vaterunser ist!
In jedem Vaterunser bekennen wir vor Gott, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Wir haben eben keine weiße Weste, auch wenn wir gerne so tun. Doch Schuld, die man mit sich herumschleppt, wird zur schweren Last, die nicht nur auf die Schultern drückt, sondern auch auf’s Herz. Jesus lädt uns dazu ein, jeden Tag vor Gott unsere Schuld zu bekennen und ihn um das Geschenk seiner vergebenden Liebe zu bitten. Ich muss ihm meine Schuld bringen, damit er sie dann mit Liebe und Erbarmen füllen kann.
Doch wenn wir Gott bitten, uns zu vergeben, dann heißt das mehr als bloß: „Lieber Gott, tu mir bitte nichts!“, sondern es heißt vor allem: „Schenke mir neu von deiner Liebe, ohne die ich nicht leben kann!“

So wie nur der Kranke den Wert der Gesund-
heit so richtig schätzen kann, so weiß auch nur der Schuldbewusste um die Größe dieses Geschenkes. Er weiß: Ich trage große Schuld, aber ich bin trotzdem geliebt, bin trotzdem dein Kind. Meine Schuld bedroht mich jetzt nicht mehr, sondern sie baut mich jetzt auf. Mir sind nämlich die Augen dafür geöffnet, wie sehr andere auf ein gutes Wort von mir warten.- Und genau das formuliert Jesus. Wir haben es gehört. Wir sollen beten, „denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“
Ist uns eigentlich bewusst, was wir da beten?
Wir sagen damit: Weil mir verziehen wird, fällt es mir auch ganz leicht, anderen zu verzeihen. Wir teilen gewissermaßen Vergebung. Doch das bedeutet für mich auch klipp und klar: Wenn ich selbst meinem Nächsten nicht vergeben will, dann brauche ich mit Gottes Vergebung für mich auch nicht zu rechnen. Auch wenn es im Einzelfall ganz schön hart ist – so steht es da: „denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“
Im Vaterunser bitten wir Gott also um Vergebung, verbunden mit der Zusage an ihn, dass ja auch wir unserem Nächsten vergeben haben. Das heißt: Ich kann mit Gott keine Spielchen machen, nach dem Motto: Verzeih mir doch bitte, aber ich will nicht verzeihen!

Der letzte Vaterunser-Satz in der Fassung des heutigen Evan-
geliums lautet: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ – Das klingt auf den ersten Blick so, als sei Gott darauf aus, uns zu versuchen, uns vielleicht sogar eine Falle zu stellen, und wir sollten ihn bitten, das doch bitte in unserer Lage sein zu lassen.-
So ist es natürlich nicht!
Wir wissen alle nur zu gut, dass wir ständig in Gefahr sind, in die falsche Richtung zu laufen. Es scheint irgendwie in uns drin zu stecken, gerade das Verbotene ausprobieren zu wollen. Bei kleinen Kindern kann man das genau beobachten. - Die Versuchungen begegnen uns fast täglich, meistens mit dem Lockruf: Sei doch schlau, tu, was dir nützt und dir Vorteile bringt! Mach dein Glück selbst, sei dein eigener Gott! Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis im Paradies wiederholt sich. Die Menschen fallen immer wieder herein auf die falschen Versprechungen des Teufels. Führe uns nicht in Versuchung – das heißt: Lass nicht zu, dass wir wieder in etwas hineinschlittern, was wir eigentlich gar nicht wollen. Lass nicht zu, du liebender Gott, dass wir falsch mit uns, mit anderen und mit dir umgehen! Lass uns nicht fallen, sondern lass uns schwierige Situationen mit deiner Hilfe durchstehen!

Nach dieser Einführung durch Jesus werden die Jünger sicher tief Luft geholt haben, wie Sie jetzt vielleicht auch. Dürfen wir denn wirklich ganz konkret von Gott erwarten, dass er sich um unser Einzelschicksal kümmert? Sind wir ihm denn wirklich so wichtig?
Jesus kennt diese Bedenken. Hinter denen steht vielleicht sogar der Gedanke: Lohnt sich das denn alles für mich? Ist mein Gebet vielleicht einfach nur vergeblich, weil Gott gar nicht hinhört?

Jesus wird auch da ganz deutlich. Er nennt zwei konkrete Beispiele, die hier nur kurz erwähnt werden sollen. Auch wenn es mitten in der Nacht ist und alle schon schlafen: Ganz selbstverständlich hilft man einem Freund aus der Not, wenn er z.B. Brot braucht, um einen überraschenden Gast bewirten zu können. Damals galt das erst recht, denn man war auf solche Hilfe angewiesen; es gab weder Tiefkühltruhe noch ein Kaufhaus im Dorf.
Das konnte jeder Zuhörer bestätigen: Ja, es ist Ehrensache, einander zu helfen, auch wenn es einige Umstände macht. Die Schlafenden mussten geweckt werden, denn man lag in einem einzigen Raum, und auch das Öffnen der Türe, die mit einem Balken verriegelt war, ging keineswegs geräuschlos.
Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, die Hilfe zu verweigern, um die man so eindringlich gebeten wurde. Doch diese eindringliche Bitte muss auch erst geschehen: Man muss eben anklopfen, damit man gehört wird, damit die Tür geöffnet wird.
Das zweite Beispiel Jesu ist ebenso einleuchtend: Welcher Vater gibt seinem Sohn, der Hunger hat, statt der landesüblichen Nahrung Fisch und Ei etwas ganz anderes, etwas, das sogar giftig und lebensbedrohlich ist? – Niemand wird das seinem Kind antun, das war allen Zuhörern sofort klar.

Und dann kommt die Schluss-Pointe Jesu: Also, wenn ihr schon zu jeder Tag- und Nachtzeit so hilfsbereit und gut zu denen seid, die euch nahestehen und die euch herzlich um etwas bitten, um wieviel mehr wird der gütige und liebende Gott das erst tun…!
Das dürfte nun wirklich jedem einleuchten, oder?
Was für ein Glück für uns, dass Jesus uns dieses Geschenk des Vaterunsers gemacht hat! Das heutige Evangelium macht es uns allen noch einmal ganz bewusst: Wir sind nicht nur eingeladen, sondern geradezu aufgefordert, im vertrauensvollen Gebet bei Gott anzuklopfen, bei Tag und bei Nacht.
Jesus hat es versprochen: Gottes Türe wird uns ganz bestimmt geöffnet. Gott lässt niemand, der ihn bittet, einfach im Stich.

Ja, jetzt hören wir es in Gedanken sicher alle: Das große „Aber“! – Viele Gebete sind schon gesprochen worden, ohne in Erfüllung zu gehen. Oft genug hört man das: „Ich habe doch so viel gebetet, ich habe Gott regelrecht angefleht, mir zu helfen, und es hat doch nichts genutzt!“
Das mag jetzt sehr hart klingen, aber wir sollten daran denken:
Gott ist doch kein Kaugummi-Automat! Ich kann bei Gott nicht einfach oben ein Gebet einwerfen, und dann kommt unten eine passende Hilfe heraus…
Ja, das mag sehr weh tun, aber so ist es nun einmal. Wenn das so einfach wäre, dann könnte so mancher Millionär sich mal so eben ein paar Hunderttausend Auftragsbeter mieten, die ihn in den Himmel beten sollen.

Nein. So ist das nicht. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, sondern seine Verheißungen, heißt es. Das führt uns zum Schluss zurück an den Anfang. Wer sich wirklich als Gotteskind versteht und dem himmlischen „Papa“ ohne Wenn und Aber vertraut, der weiß: Auch wenn ich einiges manchmal nicht begreife, mein Vater meint es nur gut mit mir.
Ich traue ihm auch zu, dass er besser als ich weiß, was mir wirklich gut tut. Und dafür kann ich ihm gar nicht genug danken. Zum Beispiel, indem ich jeden Tag das Vaterunser bete, Satz für Satz, langsam und ruhig, wie ich ein- und ausatme.
Gott ist Tag und Nacht erreichbar. Und das absolut gebührenfrei. Das Passwort „Papa“ kennen wir ja jetzt.


Predigt Pfr. Dr. Jörg Sieger
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Predigt Pfr. Karl Sendker
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Predigt Prof. Dr. Dr. Klaus Müller
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Predigt Pfr. Dr. Johannes Holdt
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Lektorenhinweise u. Kurzerklärung des Kath. Bibelwerks (pdf)
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Das Vaterunser – mal anders (Zwiegespräch mit Gott)
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Glaubensbrief: „Das Vaterunser“ (pdf)
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Arbeitshilfe: „Das Unservater“ (15 S. pdf)
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Predigtreihe zum Vaterunser (52 S. pdf)
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„Mit Hingabe Gottesdienst feiern“ (104 S. pdf)
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Steffen Seibert: Gläubiger Katholik wird Regierungssprecher
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“Pilgern im Pott” – Pilgerkirchen im Ruhrgebiet
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Beim Konveniat gehört es zur Entspannung einfach auch dazu, dass die Herren Pfarrer über die ach so schlechte heutige Zeit sinnieren. Das wird mit den mittlerweile traditionellen Beispielen wie dem Sonntag nach der Erstkommunion gefüllt, denn da fehlen schon zwei Drittel der „Neuen“.
Der neue Kaplan macht sich jedoch schnell unbeliebt: „Die Krimi-
nalität war früher aber wesentlich höher als heute!“ – Das verblüfft die gestandenen Pfarrer denn doch, und man verlangt einen Beweis für die kühne Behauptung. Der Kaplan schelmisch grinsend: „Na, beispielsweise gab es zu den Zeiten von Kain und Abel noch fünfzig Prozent Mörder unter den jungen Leuten…!“


Die dreijährige Ina hat gut aufgepasst und singt deshalb aus voller Kehle vor dem Mittagessen beim Tischgebet mit, zumal heute Besuch dabei ist: „Segne, Vater, diese Gabeln…!“

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1 Kommentar:

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