07.07.2010

15. Sonntag im Jahreskreis C - 11.7.2010

(Fortsetzung)

„Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho herab“
so beginnt Jesus.
Das bedeutet für jeden, der diesen Weg geht, etwa acht mühevolle Stunden für etwa 27 Kilometer Strecke über felsiges und wüsten-
ähnliches Gelände, 1000 Höhenmeter bergab von Jerusalem bis nach Jericho, das in einer fruchtbaren Oase in der Jordansenke liegt. Damals war Jericho ein beliebter Wohnort, und auch viel Tempel-
personal hatte sich dieses schöne Fleckchen ausgesucht.
Wer da genau den Weg durch die Felsschluchten hinunterwandert, wird nicht verraten. Jesus sagt einfach: „Ein Mann ging…“ – Das heißt: Dieser namenlose Mensch soll für viele stehen, soll nur als Beispiel dienen.
Die unübersichtliche Wegstrecke ist damals bekannt dafür, dass sich hier Überfälle lohnen. Nicht nur Geschäftsreisende haben Wertsachen dabei, sondern auch die vielen Pilger, die im Tempel von Jerusalem ihr Opfer darbringen wollen. Das Risiko für die Räuber, in dieser wilden Gegend geschnappt zu werden, tendiert dabei gegen Null.
Was zu befürchten war, tritt ein. Jesus schildert es so: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.“
Offensichtlich gehen die Räuber hier mit großer Brutalität vor, vielleicht, damit sich dies herumspricht und ihnen bei weiteren Opfern von vorneherein Respekt verschafft. Das Opfer jedenfalls schwebt in Lebensgefahr: blutend, halbnackt in sengender Sonne und womöglich bald bewusstlos. Ohne schnelle Hilfe ist sein baldiges Ende absehbar.
Doch, wie es scheint, hat der Mann Glück im Unglück, denn seine lebens-
bedrohliche Lage wird bald be-
merkt. Im Evan-
gelium wird jetzt nichts spannend ausgemalt, sondern es heißt nur ganz kurz und knapp: „Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.“
Das war’s auch schon. Der zuhörende Gesetzeslehrer wird sicher verdutzt dreingeschaut haben. Jesus macht sich gar nicht die Mühe, bei diesem möglichen Helfer und Retter nach Gründen für eine Entschuldigung zu suchen. Was einzig bei Jesus zählt, ist das Ergebnis: Der Priester hilft nicht, obwohl er den Schwerverletzten genau gesehen hat.
Dem Gesetzeslehrer würden sicher denkbare Entschuldigungs-
versuche einfallen: Der Priester war nach einer kompletten Woche Tempeldienst einfach müde und wollte nur noch nach Hause. Vielleicht hatte er auch schreckliche Angst, in eine Falle zu tappen und selbst überfallen und so übel zugerichtet zu werden. Außerdem galt es damals für Priester und ihre Helfer, die Leviten, als unrein, wenn man Sterbende oder Leichen anfasste. Man wurde dadurch erst mal eine Zeitlang für den Tempeldienst gesperrt.
Wie dem auch sei: Jesus konzentriert sich nur auf das Ergebnis,
auf den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung. Und das aus-
gerechnet bei einem Priester, bei einem, der eigentlich als Vorbild gilt.
Doch nicht genug mit diesem ersten Schock. Wenig später kommt ein Tempeldiener auch dort vorbei. Über seine Gedanken erfahren wir ebenfalls nichts. Wir können aber annehmen, dass ihm klar war, dass vor ihm ein Priester gegangen war und offensichtlich untätig geblieben war. So macht auch er sich einfach auf und davon und überlässt das Opfer seinem grausamen Schicksal. Beide doch so frommen Vertreter des religiösen Kultes haben kläglich versagt.
Was Jesus da erzählt, das ist schon ein rich-
tiger Hammer! Doch Jesus setzt noch eins drauf: Noch jemand kommt an die Un-
glücksstelle. Jesus erzählt es so: „Dann kam ein Mann aus Sama-
rien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“


Als der Gesetzeslehrer das hört, muss er sicher erst einmal tief durchatmen. Die Menschen in Samarien gehörten eben gerade nicht zu den Glaubensbrüdern, zu den Nächsten. Sie waren zwar auch Juden, galten aber nicht als rechtgläubig und wurden daher als Sektierer verachtet.
Wie tief der gegenseitige Hass damals saß, haben wir im Evan-
gelium vor zwei Wochen erfahren: Ein Vorauskommando Jesu sucht Quartiere für die Nacht. Als die Leute im samaritanischen Dorf er-
fahren, dass die Gruppe nach Jerusalem will, lehnen sie energisch jede Gastfreundschaft ab.
Der Samaritaner in der Geschichte Jesu jedenfalls ist ein Mann
der Tat. Mit einem Blick sieht er, um was es hier geht. Da wird ein Mensch bald sterben, wenn er nichts unternimmt. – Der Samariter, wahrscheinlich ein Händler, fackelt nicht lange, obwohl gerade ihm als erfahrenem Reisenden klar sein dürfte, dass ein Anhalten an diesem Ort riskant ist. Geradezu fachkundig geht er an die Lebens-
rettung des Verwundeten. Sogar Öl, Wein und Verbandszeug hat er dabei. Wirklich gut ausgerüstet, dieser Reisende!
An Ort und Stelle leistet er perfekte Erste Hilfe, um die Blutungen zu stoppen und Infektionen zu vermeiden. Mit letzter Kraft wird der Ver-
letzte auf das Reittier des Samariters gehievt, und dann geht es zur nächsten Herberge am Wegesrand.

Jetzt kommt zum Abschluss noch das Sahnehäubchen auf die Geschichte: Der Lebensretter spendiert dem Verletzten auch noch eine ganze Woche Aufenthalt und Pflege in der Herberge. Mit dem Wirt schließt er mündlich den Vertrag: Wenn es mehr kosten sollte, den Mann gesundzupflegen, dann komme ich auch dafür auf, wenn ich wiederkomme! -
Der Mann hat einfach alles richtig gemacht. Einen längeren Trans-
port hätte der Verletzte wohl kaum überstanden. Mit der Voraus-
zahlung ist garantiert, dass der Wirt sich tatsächlich um ihn kümmert. Eigentlich ist der auch einer besonderen lobenden Erwähnung wert, denn er vertraut dem Versprechen des Reisenden und trägt nun die Verantwortung für die Gesundung des Patienten.
Doch mit weiteren Details hält Jesus sich nicht auf. Er wendet sich dem Gesetzeslehrer zu und zwingt ihn zu einer Stellungnahme, zu einer Entscheidung: „Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“
Dem bleibt gar nichts anderes übrig, als zuzugeben: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat!“
Das Wort „Samariter“ nimmt der Gesetzeslehrer lieber nicht in den Mund. Er umschreibt es nur: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat!“ - Der Gesetzeslehrer hat aber verstanden. Er gibt keinen weiteren Kommentar mehr dazu ab. Auch nicht dazu, wie elegant Jesus die Richtung des Gespräches geändert hat.
Jesus will es ganz konkret. Der feine Unterschied fällt vielleicht im ersten Moment nicht auf: Es geht bei Jesus in erster Linie nicht um die Ausgangsfrage, wer mein Nächster ist. Da kann man zu leicht ins Allgemeine und Theoretische abgleiten. Es geht Jesus vielmehr darum, wem ich mich in der realen Situation als Nächster erweise.
Um es konkret zu sagen: Es ist sehr, sehr lobenswert, z.B. Blut zu spenden und so mitzuhelfen, Leben zu retten. Wer einen Organspender-Ausweis mitführt oder wer großzügig für die kirchlichen Hilfswerke spendet, um das Elend der Ärmsten zu lindern, der hat viel für seine Nächsten getan, ebenso wie der, der aller Leidenden intensiv in seinem Gebet gedenkt.
Doch Jesus kommt es noch auf etwas mehr an. Hören wir noch einmal, was er dem Gesetzeslehrer zum Schluss mit auf den Weg gibt: „Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“
Wie der Gesetzeslehrer letztlich darauf reagiert hat, erzählt uns das Evangelium nicht. Seine Frage war, wie er das ewige Leben für sich gewinnen könne. Jetzt weiß er es, was er eigentlich schon längst wusste: Indem er Gott wirklich liebt, aber auch seinen Nächsten wie sich selbst.
Mit dieser Geschichte hat Jesus ihn mit der Nase darauf gestoßen: Deine theoretischen Erörterungen, wer nun dein Nächster ist oder auch nicht, bringen dich nicht weiter. Im Grunde weißt du das längst selbst. Du kannst dir deinen Nächsten nicht malen. Er wird immer wieder ganz konkret vor dir stehen. Da nutzen dir deine Gedanken-
spielereien herzlich wenig.
Du siehst es ja: Gerade derjenige, den ihr Frommen so schnell als Sektierer abgestempelt und ausgeschlossen habt, gerade der erweist sich in der Not als der einzige, der Gottes Willen ganz praktisch erfüllt. Und die hauptberuflich Frommen verdrücken sich peinlicherweise so schnell, wie es eben geht.

Auch wir heute haben sicher verstanden. Wir sind zwar gut orga-
nisiert: Da gibt es staatliche Ämter, da gibt es Wohlfahrtsein-
richtungen wie die Caritas, da gibt es die Profis, die über viele Möglichkeiten verfügen, die der Einzelne nicht hat. Wie gut, dass es dies alles gibt!
Doch es gibt immer wieder Räuber der verschiedensten Art, und es gibt immer wieder solche, die geschunden und mit Verletzungen zu Boden gehen. So mancher wird im Leben ganz, ganz böse gefoult, und der Übeltäter verdiente dafür mehr als nur die rote Karte. -
Klar sollte man da fordern, dass der Staat mehr gegen solche Räuber unternimmt und unsere Lebenswege besser absichert. Martin Luther King hat dies einmal so auf den Punkt gebracht: „Eines Tages müssen wir begreifen, dass die ganze Straße nach Jericho umgebaut werden muss.“

Das alles ist wichtig und richtig. „Und wer ist mein Nächster?“
So fragte der Gesetzeslehrer. Jesus hat es mit seiner Geschichte sehr anschaulich gezeigt: Dein Nächster ist nicht nur der dir un-
bekannte Empfänger deiner großzügigen Spende. Dein Nächster steht immer mal wieder ganz leibhaftig und vielleicht auch völlig unvorbereitet vor dir. Du kannst ihn dir noch nicht einmal aussuchen. Er oder sie steht auf einmal da und braucht dich.
Und das kann ganz verschieden sein, womit du dann Nächste oder Nächster sein kannst. Vielleicht ein-
fach mit dem Geschenk, etwas von deiner kostbaren Zeit abzugeben. Vielleicht nur, um deinem Kind ein Vorbild zu sein, was das Aufstehen zum Gottesdienstbesuch am Sonntag betrifft.
Vielleicht, um einem Menschen, der sich etwas von der Seele reden möchte, dein Ohr und dein Herz zu öffnen. Vielleicht, um ein längst fälliges Versöhnungsgespräch zu führen. Vielleicht – ach, das weißt du doch selbst am besten!

Predigt Pfr. Ulrich Harst (pdf)
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Dr. Nikolaus Wandinger: „Vom barmherzigen Fundamentalisten“
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Ruben Zimmermann: „Berührende Liebe“ (pdf)
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Reto U. Schneider: „Die unbarmherzigen Samariter“ (pdf)
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Kath. Bibelwerk: Lesehilfen zu Lesungen / Evangelium
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Dominik Brunner: Totgetreten, weil er nicht weggeschaut hat
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Vom Umgang mit Schicksalsschlägen / Notfallseelsorge (pdf)
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Generalvikar Dr. Benno Elbs: „Ein geistlicher Mensch bleiben“ (pdf)
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Seite rund um das Wandern in Deutschland
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„Sebastian, hast du dem Papagei diese schrecklichen Schimpf- wörter beigebracht?“ – „Nein, Mami, ganz im Gegenteil: Ich habe ihm ganz genau erklärt, welche Wörter er auf keinen Fall sagen darf!“

Eines Tages besucht der Pfarrer den kranken Bauern Wilhelm.
Der klagt ihm sein Leid: „Das Schlimmste ist die Langeweile, wenn man den ganzen Tag im Bett liegen muss.“
Der Pfarrer zeigt sich hilfsbereit: „Dagegen habe ich was. Meine Haushälterin bringt es dir morgen vorbei. Lies in dem Buch, dann geht es dir bald besser!“
Am nächsten Tag bringt die Haushälterin auftragsgemäß ein Buch mit Geschichten und Gedichten von Wilhelm Busch zum Patienten. Nach einer Woche erkundigt sich der Pfarrer beim Bauern, wie ihm das Buch gefallen habe. „Gut war’s. Manchmal hätte ich fast laut lachen müssen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es doch Gottes heiliges Wort ist!“

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