14.07.2010

16. Sonntag im Jahreskreis C - 18.7.2010

(Fortsetzung)

Wir sehen Marta geradezu vor uns, wie sie Gemüse putzt, so schnell es geht, zwischendrin immer wieder ein weiteres Fladenbrot rechtzeitig wendet, damit es nicht anbrennt. Außerdem schmort sie Fisch und Fleisch und holt köstlichen Wein herbei. Doch damit nicht genug: Immer wieder lässt sie sich auch bei den Gästen blicken, hört mal einen Augenblick zu, um bald schon wieder in der Küche zu verschwinden.
Während Marta sich mit allergrößter Anstrengung um die rasche Zubereitung eines leckeren Festmahles bemüht, haben die Gäste längst wie üblich auf dem Boden Platz genommen, vielleicht auf dem Flachdach des Hauses, wo man am Abend froh über ein frisches Lüftchen ist.
Jesus nutzt die Gelegenheit. Er will mehr als nur eine nette Unterhaltung, er will die Zeit bis zum Essen nutzen, um seine Jünger zu unterrichten. Maria ist von den Erklärungen Jesu so fasziniert, dass sie sich wie seine Schüler direkt vor seinen Füßen hinsetzt,
um ihm andächtig zuzuhören. Normalerweise war dies damals unüblich, denn ein Rabbi unterrichtete eigentlich immer nur Männer. Jesus aber sieht das anders: er lässt auch diese Frau eine Zeitlang in die Rolle seines Schülers schlüpfen. Weder zu ihrem Verhalten noch zu dem ihrer Schwester gibt er irgendeinen Kommentar ab.

Im heutigen Evangelium heißt es dann: „Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen.“ – Schade, dass dies so ungenau übersetzt ist, denn im Originaltext heißt es viel drama-
tischer, dass Marta unentwegt so viel zu schaffen hatte, dass sie nach allen Seiten gezerrt wurde, regelrecht hin- und hergerissen wurde. Vor lauter Eifer ist sie also irgendwie völlig aus der Spur geraten. -
Um es klar zu sagen: Marta ist es zu verdanken, dass Jesus dieses Haus überhaupt betreten hat.
Sie war es, die die herzliche Einladung ausgesprochen hat und mit einem festlichen Essen ihren beson-
deren Gast ehren will.
Doch Marta weiß bald nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Sie über-
schlägt sich fast, um alles noch auf die Reihe zu kriegen. Heute würde man vielleicht sagen: Sie steht regelrecht unter Strom, so wirbelt sie herum. Wirklich eine tolle Hausfrau, oder?

Es kommt, wie es kommen muss. Irgendwann gerät für Marta die Situation vor lauter Hetze fast außer Kontrolle. Ihr Blutdruck steigt, und ihr Zorn auf ihre Schwester Maria auch, die immer noch seelenruhig den Worten Jesu lauscht, statt hier mitanzupacken,
wie sich das gehört.
Schweißgebadet wie ein Hochleistungssportler taucht Marta plötzlich in der Versammlung auf und unterbricht Jesus. Im Evangelium klingt das so: „Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ - Wieviel Frust muss sich da wohl bei ihr angesammelt haben, wenn sie dermaßen heftig reagiert!
Schauen wir dafür genauer auf diese Szene. Nicht genug damit, dass Marta Jesus unterbricht. Statt ihre Schwester unauffällig zur Seite zu ziehen und zur Mithilfe aufzufordern, wird Jesus hier in die Rolle eines Richters gedrängt: Jesus, sag doch endlich auch mal was dazu –
so kann das doch nicht weitergehen!
Und zu allem Überfluss redet Marta jetzt auch noch recht lieblos von „meine Schwester“, anstatt diese wenigstens beim Namen zu nennen.
Es ist der Hilfeschrei einer furchtbar gestressten Hausfrau, der da
an Jesus gerichtet ist. Auf der Stelle wird es mucksmäuschenstill. Alle sind gespannt, wie Jesus mit diesem Zwischenfall umgeht. Wird er für Maria Partei ergreifen und Marta für ihren übertriebenen Eifer tadeln? Oder wird er Marta zustimmen und Maria bitten, sofort ihren Platz zu verlassen, um Marta endlich unter die Arme zu greifen? Jedenfalls hat niemand hier mit solch einem Gefühlsausbruch Martas gerechnet.
Jesus reagiert sofort. Er wendet sich an Marta und spricht sie so an: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ - Sicher haben Sie es auch gemerkt. Jesus tadelt Marta keineswegs. Indem er ihre Sorgen und Mühen erwähnt, signalisiert er ihr sofort, dass er sehr wohl mitbekommen hat, was sie da die ganze Zeit getrieben hat.
Und ganz sicher hat Jesus auch nichts gegen ein besonders leckeres Essen einzuwenden. Aber dennoch gibt es kein aus-
drückliches Lob Jesu für die diensteifrige Hausfrau. Im Gegenteil:
Die auffallende zweifache Nennung ihres Namens macht das, was er anschließend zu ihr sagt, noch viel eindringlicher. Es ist, als wolle er Marta wachrütteln: Komm doch zu dir – mach endlich die Augen auf!
Und dann folgt eben keine Ablehnung, sondern die Diagnose eines guten Arztes: Was du da mit riesigem Aufwand machst, das ist doch gar nicht notwendig. Du selbst hast dich damit so unter Druck gesetzt, dass du jetzt weder ein noch aus weißt! Also lass dich von deinen Pflichten nicht dermaßen gefangennehmen, dass du kaum noch Luft bekommst. Du musst hier nicht die Rolle der perfekten Hausfrau spielen, die unschlagbar gut ist. Auch für dich gilt: etwas weniger kann durchaus mehr sein!

Marta ist jetzt sicher erst einmal wie vom Donner gerührt. Sie hat fest damit gerechnet, dass Jesus ihr moralisch zur Seite steht und ihrer Schwester einen deutlichen Rüffel erteilt. Stattdessen sagt Jesus: „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ - Im Klartext also: Maria hat eine gute Wahl getroffen, sich zu uns zu setzen und meinen Worten zu lauschen. Und von mir kannst du nicht erhoffen, dass ich ihr das wegnehme. Sie soll ruhig weiterhin zuhören!
Jesus spricht hier ausdrücklich vom wählen. Maria hat gewählt, sie hat sich bewusst so entschieden. Das heißt auch, dass Marta ebenfalls die Wahl hatte, und sie selbst hat sich anders entschieden. Sie hat zwar auch hin und wieder zugehört, aber letztlich war ihr ein besonderes Festessen wichtiger.

Es kann jetzt durchaus sein, dass Marta nicht die Einzige ist, die da geschockt ist. Bei den besonders aktiven Leuten in jeder Pfarr-
gemeinde kann sich da eine gewisse Ratlosigkeit einstellen. Man stellt sich ja bei jedem Evangelium die Frage: Was heißt das denn nun für mich selbst? Und in diesem Falle könnte man sich fragen:
Ist die Antwort Jesu eine Botschaft an alle Martas, früher und heute: Schafft nicht so viel, macht euch nicht kaputt, lasst es doch überall etwas lockerer angehen!
Ist das wirklich gemeint? – Da mag so mancher Ehrenamtliche in der Kirche denken: Na, dann stände die Kirche aber ganz schön dumm da, wenn die fleißigen Hände nicht so tüchtig anpacken würden! Da würde nicht nur so manches Pfarrfest ins Wasser fallen. Da gäbe es so manche Hilfe weniger, z.B. in Gruppenstunden, bei Krankenbesuchen und vielem, vielem mehr.
Hat Jesus wirklich gemeint, wir sollten es mal halblang angehen lassen und das Christentum vom gemütlichen Sessel aus genießen? - Natürlich nicht. Da genügt ein kurzer Blick auf andere Bibel-
stellen. Erst am vorigen Sonntag wurden wir an den barmherzigen Samaritaner erinnert, der trotz Gefahr für sich selbst dem Über-
fallenen zu Hilfe eilt und vorbildlich für ihn sorgt. Und wir erinnern uns dabei auch noch an den Schluss. Jesus fordert den fragenden Gesetzeslehrer auf: „Geh und handle genauso!“
Es geht im heutigen Evangelium also nicht um ein Christentum zu herabgesetzten Preisen. Die konkrete Situation ist doch die, dass da Jesus zu Besuch ist, dass da Jesus das Wort ergreift und die Seinen etwas lehrt. Und in genau dieser Situation reagieren die beiden Schwestern so ganz verschieden.
Während Maria sich diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lässt, setzt Marta andere Prioritäten. Sie kann sich von ihrer ein-
geschliffenen Rolle als perfekte Hausfrau einfach nicht lösen. –
Doch was wird Maria von diesen wenigen Stunden mit Jesus haben, und was wird Marta davon haben?
Indem Maria ganz Ohr ist für die Botschaft Jesu, schöpft sie Kraft und Hoffnung für ihr weiteres Leben. Marta dagegen hat von dieser Begegnung später nichts mehr als eine unangenehme Erinnerung an schrecklichen Stress und an eine deutliche Mahnung Jesu. - Jesus ist doch nicht immer da! Jetzt ist er zum Greifen und zum Hören nahe, und da macht Marta doch tatsächlich die Nebensache zur Hauptsache – wie ärgerlich für sie selbst!
Eine Gelegenheit, die so schnell nicht wiederkommt, und Marta hat sie verpatzt, wenn auch in allerbester Absicht.

Diese Botschaft erreicht uns ausgerechnet gerade zur typischen Urlaubszeit. Ferien, ausspannen und abschalten, sich erholen, neue Eindrücke sammeln. Vielleicht kommt das heutige Evangelium da gerade zur rechten Zeit! Wie ist es mit meinem eigenen Leben? Ist da auch die Nebensache immer mehr zur Hauptsache geworden?
Nehme ich mir wirklich die nötige Zeit, beim Herrn zu sitzen und sein Wort in mein Ohr und mein Herz zu lassen? Oder ertrinke ich allmählich in lauter Geschäftigkeit?
Marta hat Jesus gastfreundlich aufgenommen, und dann ver-
schwindet sie in der Küche. Wie ist das mit mir? Begebe ich mich aufmerksam in die Nähe Jesu, oder wirbele ich nur herum?
Mache ich es vielleicht wie ein Autofahrer, der meint, er könnte immer weiterfahren, ohne auf die Tankfüllung zu achten? Tanke ich rechtzeitig bei Jesus nach, oder fahre ich vielleicht schon viel zu lange ganz gefährlich auf Reserve? - Also in diesem Sinne:
Passen Sie auf sich auf – und kommen Sie bitte gut an!

Dr. Fernando Enns: Predigt im Uni-Gottesdienst Heidelberg (pdf)
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Predigt-Infos von „Alles um die Kinderkirche“ (pdf)
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Predigt Landessuperintendent Gorka (pdf)
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…ausgelegt von Prof. Dr. Ludwig Volz
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Joh 11,1-45: Der tote Lazarus wird auferweckt / Marta bekennt, dass Jesus der erwartete Messias ist >> BITTE KLICKEN !
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1 Kommentar:

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