06.07.2009

15. Sonntag B - 12.7.2009

(Fortsetzung)


So können die Apostel auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Sie erleben, wo die Menschen ihre Probleme haben, und das auch im Glaubens-leben. Ihre Art, den Zuhörern die Frohe Botschaft näherzubringen, kann also an ganz konkreten Fragen anknüpfen. Da gibt es keine 08/15-Unterrichtsstunde, sondern tiefe Gespräche von Mensch zu Mensch. So merken wir, je mehr wir uns damit beschäftigen, wie klug dieses Missions-Konzept Jesu ist.
Die ausgesandten Glaubenszeugen sind für die Menschen vor Ort absolut vertrauenswürdig, weil sie wirklich das leben, was sie sagen. Die Apostel haben sich kein Hintertürchen offengelassen.
Da gibt es keinen Wäschevorrat – also muss man sich da vor Ort beim Waschen helfen lassen. Da gibt es noch nicht einmal den berühmten Notgroschen. So wird ihre Botschaft ver-

standen: In Gottes Hand ist für jeden bestens gesorgt, da geht niemand verloren!


Im Evangelium heißt es, sie sollten „kein Geld im Gürtel“ mitnehmen, wie dies damals von vielen Reisenden praktiziert wurde. Eingenäht in einen Ledergürtel war das Geld halbwegs vor Dieben geschützt, wie das heute z.B. mit dem sogenannten Brustbeutel praktiziert wird.

Wörtlich heißt es „keine Kupfer-

münze im Gürtel“. Es gab damals Gold-, Silber und Kupfermünzen. Natürlich hatten die Kupfermünzen davon den geringsten Wert. Man würde heute also sagen:

ohne einen einzigen Pfennig oder Cent in der Tasche. Sie sollen wirklich nichts besitzen, und nicht nur so tun als ob. Wenn man so will, leben sie damit ein Leben mit vollem Risiko. Doch Gott trägt sie, lässt sie nicht fallen. Gott sorgt dafür, dass ihre leeren Hände immer wieder neu gefüllt werden, dass es ihnen an nichts Notwendigem fehlt.


Aber was ist in dem Falle, wenn man sie abblitzen lässt? Wie sollen sie sich verhalten, wenn man sie gar nicht anhören will?

Sollen die Apostel dann wie viele moderne Werbe-Strategen immer wieder einen neuen Anlauf nehmen? - Wir kennen das heute nur zu gut von vielen Prospekten, Reklame-Briefen und den eigentlich verbotenen Werbe-Anrufen.

Die Werbe-Experten sagen, dass man nicht voreilig locker lassen darf. Vielleicht hat man den möglichen Kunden nur zur falschen Zeit oder auf dem falschen Fuß erwischt. Also immer am Ball bleiben, denn der ins Auge gefasste Kunde könnte es sich bald schon anders überlegen…


Wie wir erfahren haben, sieht Jesus das ganz anders:

Wenn man euch aber in einem Ort nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.“

Jesus weiß nur zu gut, wovon er da spricht. Gerade am vorigen Sonntag haben wir im Evangelium gehört, wie man ihn in seiner eigenen Heimatstadt Nazareth nicht verstehen wollte oder konnte.


Gott lässt den Menschen ihre Freiheit, auch die Freiheit zur Ablehnung

seiner Liebe. Die Boten Jesu sollen glaubwürdig dafür sorgen, dass die Menschen vom Glück des Himmelreiches erfahren.

Sie sollen jedoch nichts erzwingen wollen. Wer Herz und Kopf nicht für Gottes Botschaft öffnet, der hat die größte Chance seines Lebens verspielt. Anderes ist ihm leider wichtiger. Das ist einfach nur traurig, aber Gott akzeptiert es, und die Jünger sollen es auch so halten.

Es gibt genug andere Menschen, die noch nichts oder nicht genug von der Frohen Botschaft gehört haben. Wenn man euch hier nicht hören will, dann geht einfach weiter! Den Staub von den Füßen schütteln – das machten die Juden damals als deutliches Zeichen, wenn sie von unterwegs aus heidnischem Gebiet zurückkehrten. Nichts Heidnisches wollten sie an sich haben, wenn sie ihre Heimat betraten, das Land, das Gott ihnen gegeben hatte. Wenn auch die Apostel den Staub einfach abschütteln sollen, heißt das: Wer meine Boten ablehnt, der ist faktisch wie ein Heide, wie ein Ungläubiger,auch wenn er meint, ein Frommer zu sein.

Geht einfach weiter, stört euch nicht an Misserfolgen, sagt Jesus. Lasst euch nicht von eurem Auftrag ablenken, ärgert euch nicht und nehmt Ablehnungen bloß nicht persönlich. Woanders wartet man schon auf euch und auf Gottes Wort.

Das Evangelium schließt heute mit dem Hinweis, dass die Regie-Anweisungen Jesu offenbar Erfolg hatten: „Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

Wie war ein solcher Erfolg nur möglich? Solch eine Kraft trauen wir wohl erst einmal nur Jesus selbst zu. Aber Fischer, von denen wir wissen, wie sie selbst oft genug vom Zweifel geplagt wurden?
Wo liegt das Geheimnis ihres ganz offensichtlichen Erfolges? Schauen wir zwischen die Zeilen. Achten wir nicht nur darauf, was da steht, sondern auch darauf, was da nicht steht. Im heutigen Evangelium steht z.B. absolut nichts von irgend-

welchen Rückfragen der Jünger oder gar von Zweifeln.

Jesus erteilt ihnen eine Vollmacht, beauftragt sie also ganz ausdrücklich – und dann heißt es nur kurz und knapp:
„Die Zwölf machten sich auf den Weg…“


Da haben wir bereits eine mögliche Erklärung für ihren Erfolg. Sie tun nichts aus sich, sondern sie tun es nur im Auftrage Jesu. Dank seiner Vollmacht ist ihnen ihr Auftrag jetzt so klar, dass sich Fragen für sie eigentlich nicht stellen. Sie wissen, dass es nicht auf ihr Talent, ihre Redegewandtheit oder ihr Auftreten ankommt. Dann bräuchten einige wohl gar nicht erst anzufangen.

Sie wissen sich ganz in der Hand Gottes, die sie führt. Gott wird ihnen im rechten Augenblick die rechten Worte eingeben. Nicht auf sich setzen sie ihr Vertrauen, sondern auf ihren Auftraggeber, der sie für diesen Plan schließlich ausgewählt hat.
In jedem Hafen kann man die kleinen Schleppkähne beobachten, die die gigantischen Schiffe an ihre Position bringen. Da kommt niemand auf die Idee, diese für wichtiger zu halten als den großen Pott, den sie gerade ziehen. Die gewaltige Motoren- und Schraubenkraft der Riesenschiffe könnte im engen Hafenbecken große Wellen auslösen. So manövrieren die kleinen Schlepper in engem Funk-Kontakt mit dem Ozeanriesen, genau nach Anweisung des Kapitäns.

Das wissen die Apostel nur zu gut. Sie sind Helfer, sie sind Mitarbeiter. Ganz deutlich könnte man sagen: Sie wissen, dass sie weisungsgebunden sind. Nicht ihre Interpretation ist gefragt, sondern ihr Bekenntnis, nicht ihre eigenen Worte, sondern das, was Jesus lehrt.

Liebe Mitchristen, Sie haben es sich vielleicht schon gedacht – wir nähern uns zum Schluss der Nutzanwendung für uns heute. Alle Texte der Bibel sind ja nicht nur für die Leute damals aufgeschrieben worden. Das alles geht uns alle an, das alles richtet sich direkt an uns, an jeden von uns, nicht nur an die sogenannten Amtsträger.
Freilich spüren die es oft am härtesten: Es gibt nicht nur die viel diskutierte Finanzkrise. Viel tiefergreifend und folgen-
reicher ist die Glaubenskrise. Da wissen sich die Priester und ihre Mitarbeiter von Jesus beauftragt und ausgesandt, doch was ist das Ergebnis?

Oft genug picken sich die Kirchen-
kunden nur die Rosinen raus. Schon eine Woche nach der Erstkommunion sieht es bei den Kindern aus, als habe es nie eine Erstkommunion gegeben.
Die Seelsorger wissen es natürlich: Nicht die Kinder, sondern Eltern sind die eigentlichen Sorgenkinder. Mit der Aufzählung solcher empfundenen Misserfolge könnte man mühelos einen ganzen Jammer-Abend füllen, der aber nicht weiterhilft.

Vielleicht aber hilft es da, sich das heutige mutige Beispiel der Apostel immer wieder in Erinnerung zu rufen. Salopp gesagt lautet die Erkenntnis: Gott lässt dich schon nicht im Stich, wenn er dich beauftragt hat!
Da kann es wohl eher sein, dass du selbst dich und Gott im Stich lässt. Vertraue dich doch erst einmal ganz der Führung Gottes an und kippe alle deine vollgepackten Reisekoffer aus. Du brauchst den ganzen Krempel doch im Grunde gar nicht, wenn du Gott für dich sorgen lässt.

Liebe Mitchristen, hier spüren wir, wie sehr dieser Text immer auch eine kritische Anfrage an die Kirche bleiben wird. Stets ist sie in der Gefahr, jede Menge Koffer zu packen, in gut-

gemeinter Absicht. Man trägt schließlich Verantwortung, man muss sich schließlich um alles Mögliche kümmern.

Da kann man nicht leben wie die Apostel damals. Da kann man nicht herumwandern mit leeren Taschen und Gottvertrauen im Herzen.
Das heutige Evangelium ist und bleibt ein Stück weit eine Warnung an die Kirche: Achtung, versinkt nicht in der Versorgungs- und Beamtenmentalität! Macht es euch nicht zu einfach, indem ihr sagt: Ja, ja – das kann man im Kloster als Ordenschrist machen, aber doch nicht in der freien Wildbahn unserer Welt!

Natürlich kann die Kirche nicht auf Hab und Gut verzichten, nicht auf Gotteshäuser und auch nicht auf die Bezahlung ihrer Mitarbeiter. Doch die Warnung des Evangeliums bleibt: Behaltet stets im Auge, was ihr da macht! Ihr müsst nicht ab sofort alle wie die Ordensleute auf persönlichen Besitz verzichten und in schlichten Gewändern herumlaufen. Aber ihr müsst stets um die Gefahr wissen, in der ihr euch befindet.

Jeder einzelne Christ, aber auch die Organisation Kirche muss sich fragen: Was schleppe ich mit mir herum, was ich nicht loslassen kann?
Was belastet mich im wahrsten Sinne des Wortes?
Was hindert mich daran, Gott wirklich zu vertrauen?
Wo vertraue ich meiner eigenen Kraft viel mehr als der Kraft und Stärke Gottes?
Sind meine Hände wirklich leer genug, damit Gott etwas hineinlegen kann?
Stehen wir Gott wirklich wortwörtlich zur Verfügung, oder hoffen wir im Innersten doch eher, er möge uns doch bitte in Ruhe unseren schwierigen Alltag bewältigen lassen, unseren Dienst tun lassen?
Wo entfernen wir uns von unserem Auftrag, Gottes Liebe zu verkünden?
Stärken wir uns gegenseitig nach dem Zweier-Beispiel der Apostel, oder sind wir zu Einzelkämpfern der Verkündigung geworden?



Es sind eine Menge Fragen, die wir uns immer wieder selbstkritisch stellen sollten. Das Evangelium lädt uns dazu ein, mit Gottes Hilfe die Antworten zu finden. Lernen wir vor allem das Los-lassen. Eines Tages kommt für jeden die Stunde, da müssen wir es können, ob wir wollen oder nicht.
Die Frage eines Schülers an einen Rabbi mag uns dabei helfen: „Wie kommt es eigentlich, dass die Engel fliegen können?“
Die Antwort lautete: „Das kommt daher, weil sie sich so leicht nehmen!“


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Predigt Pfarrer Karl Sendker

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Predigt Br. Andreas Kaiser, 2006

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In eigener Sache: Der Vatikan liest mit – aber wie ich bislang hoffe, aus reinem Interesse an „frischen“ Predigten. Wie ich erfahren habe, gibt’s im Vatikan mehrere regelmäßige Leser meiner Predigtgedanken und Linktipps. Zumindest vorläufig freut mich das…! Seit dem Start meiner Seite am 21.10.2007 wurde „MEIN PREDIGTGARTEN“ inzwischen zu meiner großen Verblüffung über 129.000 mal aufgerufen. Allen Lesern herzlichen Dank!


Einleuchtend: Papst Johannes XXIII. war als sehr gesellig und menschenfreundlich bekannt. Im Gegensatz zu allen Vorgängern hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, stets jemanden zum Mittagessen einzuladen. Eines Tages geschah es, dass stellvertretend für alle Kollegen einer der Schweizer Gardisten beim Papst eingeladen war. Der Ausgewählte war jedoch der Aufregung nicht ganz gewachsen und saß wie versteinert und mit weit aufgerissenen Augen am Tisch. Als der Papst das bemerkte, bekam er Mitleid und fragte, ob es ihm vielleicht nicht gut gehe. „Mein Sohn, warum bist du so aufgeregt?“
Der Schweizer Gardist war kreidebleich und einer Ohnmacht nahe. Doch er fasste allen Mut zusammen und antwortete: „Na, Eure Heiligkeit, essen Sie mal mit einem Papst…!“


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