15.09.2009

25. Sonntag im Jahreskreis B - 20.09.2009

(Fortsetzung)


Im Evangelium heißt es dazu: „Sie kamen nach Kafárnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.“
Darum also drehen sich ihre Gedanken und Gespräche! Nicht Mitleiden und Mitfühlen mit Jesus, sondern Gedanken um zukünftige Positionen und Pöstchen.

Der Fairness halber muss man hinzufügen, dass solche Gedankengänge um gute Positionen auf Erden wie auch im Himmel damals auch bei den Frommen an der Tages-
ordnung waren. Selbst von den strengen Essenern von Qumran ist bekannt, dass es eine feste Rangordnung der Mitglieder gab, von der man überzeugt war, dass sie sich ganz selbstverständlich im Himmel fortsetzen würde.

Gott sei Dank hat Jesus sie erwischt! Gott sei Dank für die Jünger selbst und Gott sei Dank für uns! - Jesus kann man eben nichts vormachen. Da hilft auch kein frommer Augenaufschlag. Jesus sieht direkt in das Herz des Menschen. Dass er die Jünger erwischt hat, war ihr Glück, denn so kamen sie wieder zurück auf den richtigen Kurs, zurück ins richtige Fahrwasser, zurück in die Spur, die Jesus vorgibt.

Und für uns heute ist es erst recht ein Glück, denn wir dürfen daraus für unseren Glauben, für unser Leben lernen. Auch bei uns in der Kirche und bei uns selbst ist nicht alles Gold, was glänzt. Wo „fromm“ draufsteht, da ist beileibe nicht immer „fromm“ drin.
Ein Pfarrer erzählte z.B., wie peinlich er davon berührt ist, dass oft genug bei Beerdigungen und bei der Fronleich-nams-Prozession geschwätzt wird, sogar bei den Trägern des „Himmels“, die als Bauern unüberhörbar über die Milchpreise sprachen. –
Die Jünger waren keineswegs immer Muster-Jünger, und wir heute sind keineswegs immer Muster-Christen. Da ist so manches alles andere als 1A-Qualität…

Wer aber nun erwartet hat, dass Jesus unverzüglich eine Strafpredigt gegen seine Jünger beginnt, der wird vom Evangelium enttäuscht. Immer wieder hat Jesus vorher schon betont, wie sehr Gott die Sünde verabscheut, den Sünder aber liebt und immer wieder zur Umkehr einlädt, wie etwa im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder durch den Hausbesuch beim Zöllner Zachäus. Das Schweigen der Jünger auf seine Frage, worüber sie denn unterwegs gesprochen hätten, weiß Jesus recht zu deuten: Jetzt ist ihnen durchaus bewusst, dass sie ihren Meister mit ihren egoistischen Gedanken vor den Kopf gestoßen haben.
Da stehen sie nun wie ertappte Schuljungen, schauen sich verlegen um und schweigen. Ein vielsagendes Schweigen!

Jesus kritisiert nicht den Einzelnen in seiner Schwäche. Vielmehr nimmt er seine Zuhörer geistig an der Hand und bringt sie wieder auf den richtigen Weg. Indem er sich hinsetzt, unterstreicht er, dass er jetzt als ihr Lehrer zu ihnen spricht: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ -
Jesus versteht, dass Menschen in solchen Kategorien wie „Erster“ und „Letzter“ denken. Das ist nun mal diese Welt! Aber dieses Ellenbogen-Denken um Ehre und Pöstchen ist nicht das, was wirklich zählt. Die irdischen Spielregeln der Mächtigen sind eben nicht die Spielregeln Gottes.

Ganz anschaulich, ganz praktisch macht es Jesus wie ein geschickter Lehrer. Keine graue Theorie, sondern ein Anschauungs-Objekt spielt die Hauptrolle. Jesus stellt ein Kind in die Mitte der Jünger. Es ist ein namenloses Kind. Wir erfahren auch nicht, wie alt es ist, und ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Natürlich ist dies Absicht im Evangelium. Wir sollen uns nicht in Nebensächlichem verlieren, sondern das Kind als solches sehen, wie es jetzt dort steht.

Ein Kind – das bedeutete damals viel eher als heute:
Ich bin klein, schwach und machtlos. Ich habe nichts zu sagen, meine Meinung ist nicht ausschlaggebend. Oft genug muss ich mich einfach fügen, muss ich schweigen, muss ich hinnehmen, was mit mir geschieht. Ohne die Hilfe der Menschen, die mir nahe sind, kann ich im Grunde gar nicht leben.
Ich bin vom Gesetz her unmündig, und so entscheiden andere für mich, hoffentlich wirklich zu meinem Besten. So wie ein alter Mensch bin ich nicht so leistungsfähig, so unmittelbar „nützlich“ wie ihr. Ich bin einfach auf euch und euer Wohlwollen, auf eure Liebe angewiesen.

Kind sein – das bedeutet aber auch: Ich komme nicht mit einer vorgefertigten Meinung daher. Neugierig und lebensfroh lasse ich mich erst einmal auf all das ein, was das Leben so bringt. Ich nehme mich selbst nicht so wichtig, wie Erwachsene das tun. Ich weiß eben, dass ich vieles noch nicht kann und jeden Tag dazulernen werde. Wer mich beim Spielen beobachtet, der sieht, wie ich ganz im Spiel aufgehe. Alles um mich herum kann ich jetzt vergessen, so vertieft bin ich, so intensiv ist das Spiel jetzt meine Realität.
Zu meinem Leben gehören ständige Rückschläge. Unzählbar, wie oft ich schon hingefallen bin. Aber ebenso unzählbar ist, wie oft ich schon wieder aufgestanden bin. - Ich als Kind bin ein Meister im Aufstehen, im Weiter-
machen, im Neuanfang. Auch Böses durch andere Menschen trage ich nicht lange nach. Ich habe großes Vertrauen zu denen, die sich um mich kümmern. Lange die beleidigte Leberwurst zu spielen, das ist nicht mein Ding.
Tag für Tag gehört es zu meinem Leben, mir etwas sagen zu lassen, mir etwas vom Leben erklären zu lassen.
Ich weiß, dass ich ständig Fehler mache, aber die anderen wissen das eben auch. Wenn man aus Fehlern klug wird, dann habe ich wohl ganz gute Aussichten…!
Ich weiß aber auch, dass mir immer wieder geholfen wird, und ich habe auch kein Problem damit, immer wieder Hilfe gerne anzunehmen. Ich bin ganz spontan und lege mir nicht irgend-welche schiefen Argumentationen zurecht, um Recht zu behalten. Von mir bekommt jeder erst einmal einen riesengroßen Vorschuss an Vertrauen. Ich lebe immer gerade im Heute, und das ganz intensiv, und ich frage nicht ständig sorgenvoll nach dem nächsten Tag.

Solch ein Kind ist es, dass Jesus in die Mitte des Jüngerkreises stellt. Aber aufgepasst: Er stellt das Kind nicht einfach wie einen Gegenstand vor den Augen seiner Schüler ab. Was er mit dem Kind macht, ist ebenso beachtlich. Die Einheitsübersetzung sagt, dass Jesus das Kind in seine Arme nahm. Auf den ersten Blick ist das für uns kein ungewöhnlicher Vorgang. Die Tragweite dessen ist nicht unmittelbar erkennbar. Jesus nimmt ein kleines Kind, und das kleine Kind kommt offenbar gerne zu ihm, ohne Scheu und Bedenken.
Die Umarmung jedoch ist ein ganz intensives Signal. Solch ein Kind, solch ein unmündiges, hilfloses Kind, wird von Jesus ohne Worte in den Arm genommen. Es ist eine Verständigung der beiden ganz ohne Buchstaben, aber mit viel Herz.

Für Jesus ist diese Geste auch eine Anknüpfung an den Beginn seines eigenen irdischen Lebens. Außer Maria und Josef wollte ihn, das göttliche Kind, eigentlich erst einmal niemand haben. Ausgeschlossen war er – kein Zimmer mehr frei, alles schon besetzt!
Ganz klein und hilflos hat sich Gottes Sohn in die Arme dieser Menschen begeben, angewiesen auf ihre Liebe und Hilfe. So klein hat sich der große Gott gemacht!

Jesus hat auch im heutigen Evangelium keinerlei Berührungsängste. Was da in der Einheitsübersetzung mit „nahm es in die Arme“ relativ spröde klingt, haben andere enger am Urtext übersetzt; so heißt es etwa bei
Martin Luther, dass Jesus das Kind „herzte“.
Ein Kind „herzen“, es einfach lieb an sich drücken und ihm damit zeigen: Ich stehe dir bei, ich stehe dir zur Seite – das mag vielleicht manchem bei Jesus etwas ungewohnt erscheinen. Es drückt aber aus, wie intensiv die Liebe Jesu zu den Schwächeren und Hilfsbedürftigen im konkreten Einzelfall aussieht.

Und damit sind wir beim Schluss, beim eindringlichen Appell Jesu an all diejenigen, die seine Jünger sein wollen, damals wie heute: Vergesst eure irdischen Maßstäbe und Hackordnungen! Vergesst eure Orden und Ehrenzeichen! Vergesst eure Tabellenführung im Anwenden des trainierten Ellenbogens!
All das dürft ihr weit hinter euch lassen, all das muss euren Kopf nicht belasten, denn ihr seid nun dabei, einen radi-
kalen Kurswechsel einzuschlagen. Im Himmel lächelt man bestensfalls über solche Querelen. Da wird nicht gefragt, welche Titel und Orden man hatte. Im Himmel gelten andere Maßeinheiten, andere Spielregeln. Nicht der zählt was, der am lautesten „Ich!“ schreien kann. Dort interessiert man sich mehr dafür, wie man in den Augen Gottes dasteht.
„Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“
Das Kind ist hier Symbol für Hilflose, für am Rande Stehende, für alle Leute, die man spontan eher als schwach und auch für unsere Kirche vor Ort als weniger attraktiv einstufen könnte. Das Kind ist Symbol für alle, die nach den Regeln der Menschen eher zu denen gehören, die man am liebsten abschiebt oder vergisst, weil sie keinen direkten Nutzen zu bringen scheinen.
Im Himmel gilt also eine andere Währung. Mit der unseren kann man da nichts anfangen. Nichts bekommt man für die Währung dieser Welt. Wie gut also, dass Jesus die Jünger erwischt hat!

Wie man es im Himmel macht, hat er ja gleich demonstriert: Diese Übung funktioniert so, dass man beide Arme ganz weit und einladend öffnet, und am besten das Herz und die Augen auch. Und was dann passiert – ach, was erzähle ich das! Am besten sehen Sie selbst…!




Herzlichen Dank allen Lesern, die mir interessante Tipps übermitteln!

Predigt Pfr. Mohr, Heidelberg
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Predigt Pater Eigner, St. Michael, Stuttgart-Sillenbuch
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Papst-Hirtenbrief zum Thema: „Ein Kind aufnehmen…“ (pdf) >> BITTE KLICKEN !

Kindergottesdiensthinweise „Erntedank“
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„Wikipedia“ über Kinderarbeit heute
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„EILIGE MESSE“ oder: „WER BIETET WENIGER?“
Meine Anmerkungen zu eiligen Gottesdiensten (in Reimform) >> BITTE KLICKEN !

Genaue Quelle zum Marienbild von Albin Egger-Lienz
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Von Mutter Angelika, der amerikanischen Ordensfrau, die unter anderem den weltweit größten katholischen Fernsehsender EWTN aufgebaut hat, wird folgende Anekdote erzählt:
Ein Mann erzählte ihr von seiner Bekehrung zu Christus, meinte aber,
er könne nicht katholisch werden, weil es in der Kirche so viele Heuchler gebe, die nur fromm daherredeten.
Mutter Angelika zerstreute sein Bedenken mit nur einem Satz: „Tun Sie es ruhig, auf einen Heuchler mehr oder weniger in der Kirche kommt es auch nicht mehr an . . ." ---
Der zögernde Konvertit hat vielleicht nicht gelacht, die Zuhörer aber sicher! *)

*) Hier gelangen sie direkt zu EWTN in Deutsch:
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Wie nennt man einen Lüneburger, der aus der Kirche ausgetreten ist? - Lüneburger Heide.

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