06.08.2008

19.Sonntag im Jahreskreis A - 10.08.2008

(Fortsetzung)

Obwohl die Jünger die harte Nachtarbeit bei Fackellicht gewöhnt sind und mit kräftigen Armen zuzupacken verstehen, können sie mit dieser neuen Situation nichts anfangen. So etwas haben sie noch nicht erlebt!
Da glauben wir gerne, dass sie vor Furcht völlig ratlos waren. Wir kennen dafür den Ausdruck „den Kopf verlieren“. So geht es ihnen jetzt mit dieser Er-
scheinung. Sie sind wie gelähmt vor Schreck.
Im Evangelium haben wir gehört: „…sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.“ Also, wenn ich mir so einen Trupp gestandener Mannsbilder vorstelle, die da vor Angst schreien, dann weiß ich:
Sie empfanden die Lage also so entsetz-
lich und gespenstisch, dass sie glaubten, dies könnte ihr Ende sein… Wenn man keinen Ausweg mehr sieht und kein Rettungsring mehr helfen kann, dann schreit man so, wie die Jünger damals schrien.

Schon oft wurde diese Situation der Jünger beschrieben und von Künstlern gemalt. Der Vergleich liegt ja auch auf der Hand: so wie damals die Jünger Jesu Sturm und Wellen fast hilflos ausgesetzt waren, so erleben es Menschen immer wieder. Wie oft hat sich dieser Schrei inzwischen wiederholt?
Wie schrecklich lange dauert die Sturmnacht vieler Menschen! Verzweifelt fühlen sich auch heute Menschen, wenn sie von einer entsetzlichen Katastrophe heimgesucht werden. Ein Beispiel soll genügen: In tiefster Hoffnungslosigkeit sprangen etliche vom Feuer Eingeschlossene am 11.September 2001 aus dem World-Trade-Center in den Tod, und die ganze Welt musste hilflos zusehen.

Die Jünger sind nicht irgendwo. Sie hocken in ihrem eigenen Boot und halten sich krampfhaft fest. Wahrscheinlich gehört das Boot Petrus; wir wissen heute, dass er zusammen mit seinem Bruder Andreas mehrere Fischerboote besaß.
Dieses Boot im Seesturm wird oft das „Schifflein Petri“ genannt. Gemeint ist damit natürlich die Kirche. Auch Mutter Kirche ist unfreiwillig sturmerprobt und hat im Laufe der Jahrhunderte oft genug schmerzlich erfahren müssen, wie der Wind hart ins Gesicht bläst und das Wasser fast bis zum Hals steht. Einen spiegelglatten, ruhigen See hat Jesus ihr und uns allerdings niemals versprochen!
Immer wieder gab es auch den ver-
lockenden Wunsch, das kirchliche Fischerboot zum Vergnügungs-
dampfer umzu-
rüsten. Teile der Mannschaft tun dann so, als gehöre der Teil des Schiffes, auf dem sie mit klarem Auftrag eingesetzt sind, ihnen selbst und ihren eigenen Ideen. Zum Fischen von nährstoffreicher Nahrung ist so ein Unterhaltungs-
dampfer aber nur bedingt geeignet. Aber voll ist er für einige Zeit schon, das stimmt. Doch das ist ein anderes Thema!

Bis jetzt ist es allen Mannschaften des Kirchenschiffs trotz aller nachtschwarzen Turbulenzen in der Kirchengeschichte immer wieder gelungen, den vor-
gegebenen Zielhafen neu anzupeilen und dem Ruf seines Reeders, seines Besitzers zu folgen.
Das hat die Kirche vielleicht gerade aus dem heutigen Evangelium gelernt. Wir haben da nämlich nicht nur einen Fall von Seenot (Seenot mit Doppel-e), sondern es ist auch ein Fall von Seh-Not (Seh-Not mit h).
Denn um das richtige Sehen geht es hier auch. Und um die Konsequenzen daraus. - Als die Jünger so jämmer-
lich schreien, weil sie annehmen, da komme ein Gespenst auf sie zu, nähert sich Jesus auf dem See gehend. Doch ganz offensichtlich sehen sie ihn nicht richtig vor lauter Schreckensbildern in ihren Köpfen. Jesus ergreift die Initiative und redet ihnen ruhig zu: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“

Richtig sehen ist nicht selbstverständlich. Jeder Auto-
unfall zeigt uns das. Nachher heißt es oft, dass der eine Fahrer den anderen übersehen hat. Das andere Auto war da, aber offenbar war es für den unkonzentrierten Fahrer wie unsichtbar.
Wie reagieren die Jünger, die im Boot hocken und Todesangst haben, auf die Worte Jesu? Atmen sie einmal ganz tief durch und brechen dann in Jubel aus? Staunen sie, dass alle Macht von Wind und Wetter Jesus nichts anhaben kann?
Nein, so ist es nicht. Sie sehen, und sie sehen doch nicht. Sie kriegen ihren Kopf nicht frei. Die düsteren Gedanken lassen keinen klaren Blick zu. Auch das kommt uns heute in der Kirche manchmal sehr bekannt vor. Der Ruf Jesu, Vertrauen in ihn zu haben, prallt an Verängstigten einfach ab. Ja, die Jünger und wir heute, wir fürchten uns in den schlimmen Stürmen, die so plötzlich über uns hereinbrechen!

Einer jedoch tanzt aus der Reihe. Petrus hört und sieht den Herrn wie alle anderen. Er hat auch Angst wie alle anderen. Aber als einziger überwindet er seine Angst. Das zeichnet Petrus aus. Im richtigen Moment erfasst er die Lage. Er nimmt allen Mut zusammen und ant-
wortet: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“ - Leider ist die Einheits-
übersetzung auch hier bedauerlich ungenau. Es heißt im Original nicht „wenn du es bist“, sondern „da du es bist“. Petrus hat ihn also erkannt. Als einziger. Gleich wird er wieder etwas übermütig, wie wir das von ihm schon kennen. Er ruft Jesus zu: „…so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“

Alle Achtung! Petrus traut sich was. Er dürfte als Fischer ja am besten wissen, dass Wasser keine Balken hat. Er wird auch schon öfter bei ungeschickten Manövern im kalten Wasser gelandet sein. - Petrus traut sich was. Er setzt ein Signal: Ja, ich habe verstanden, Herr, dass ich dir absolut vertrauen kann. Wenn du das willst, kann ich sogar wie du über das Wasser gehen. Ich tue es aber nur, wenn du es mir befiehlst!
Sprich nur ein Wort! - So wird Petrus zum Aussteiger.
Jesus hat wirklich nur ein einziges Wort gesagt, und das heißt: „Komm!“
Was für ein schönes Zeugnis gläubigen Vertrauens!
Bei dieser Übung im Sturm riskiert Petrus immerhin sein Leben. Die anderen dagegen sitzen stumm und starr im Boot. Wir wissen nicht, was gerade genau in ihren Köpfen vorgeht, aber solch ein Vertrauen haben sie jedenfalls nicht. Ja, sie sehen und sehen doch nicht!
Petrus dagegen verlässt sich mit seiner ganzen Existenz darauf, dass das Wort Jesu ihn tragen kann. Bei ihm jedenfalls hat das Brotwunder an den 5000 seinen Glauben gestärkt.

Petrus richtet seinen Blick fest auf Jesus. An ihm orientiert er sich. Jesus ist sein Ziel. So klettert Petrus über den Bootsrand und geht los. Ganz schön verrückt, oder?
Jesus hat schon gewusst, warum er Petrus zum Felsen machte, auf den er seine Kirche bauen wollte. Petrus sieht jetzt nicht den Sturm und die Probleme, sondern er sieht den Herrn. Das gibt ihm Kraft.
Mich erinnert das an einen Reporter, der einmal voller Ekel sah, wie Mutter Teresa in Indien eiternde, stinkende Wunden von Sterbenskranken verband.
Der Reporter sagte: „Das würde ich nicht für eine Million Dollar machen!“ – Mutter Teresa schaute ihn an und erwiderte nur: „Für eine Million Dollar würde ich das auch nicht machen!“
Diese Kraft des Glaubens kann auch Wellenberge versetzen!

Petrus ist schon ganz in der Nähe Jesu und hat es fast geschafft, da bekommt er Angst vor der eigenen Courage. Plötzlich wendet er seinen Blick für einen Moment von Jesus ab und sieht die aufgepeitschten Wellen. Mit einem Schlag wird ihm bewusst, wir riskant sein Manöver ist. Es kommt, wie es kommen musste: Petrus beginnt unterzugehen.

Die Bibel beschönigt das nicht. Menschliches Versagen ist nicht nur ein Thema in den Nachrichtensendungen, sondern auch in der Bibel. Petrus soll hier nicht lächerlich gemacht werden, und die Sitzenbleiber im Boot auch nicht. Die Bibel sagt: Ja, genau so sind wir Menschen!

Irgendwie tut Petrus uns sogar leid. Fast hätte er es geschafft. Und nun diese Blamage vor seinen Leuten! So lange er nur Augen für Jesus hatte, war alles gut. Petrus hat sein Ziel kurz aus den Augen verloren, doch er hat dazugelernt. In seiner Not ruft er nicht etwa seine Kollegen um Hilfe. Petrus, der für eine Sekunde schwach geworden ist, erinnert sich an sein Ziel und ruft: “Herr, rette mich!“

Jesus packt sofort beherzt zu. Er „ergriff ihn“, heißt es. In Sekundenbruchteilen ist Petrus gerettet. Jesus hält Petrus keine Strafpredigt. Erst greift er ihm im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme, und dann bestätigt er Petrus nur, dass es sein mangelnder Glaube war, der ihn beinahe versinken ließ. „Du Kleingläubiger“ - so nennt ihn Jesus in diesem Moment. Wenn der Glaube das Leben tragen soll, dann darf er nicht klein sein. Kleingläubigkeit, also Glaube auf kleiner Flamme, das ist weder Fisch noch Fleisch, weder hü noch hott.

Petrus erfährt hier ganz handfest: den Glauben gibt es nur in der großen Portion, nicht als Appetithäppchen für zwischendurch.
Der Volksmund sagt so treffend: Wer A sagt, der muss auch B sagen. Also: Wer etwas beginnt, der muss es auch zu Ende bringen, wenn er Erfolg haben will. Sonst kann er es gleich bleiben lassen. Für den Glaubensweg des Petrus und für unseren gilt das allerdings auch. Also bitte nicht kurz vor dem Ziel aufgeben!

Ja, der vollmundige Petrus hat für einen Moment versagt. Es ist, wie wenn er bei einem großen Sprung gestürzt wäre. Aber dieses Hinfallen, dieses Versinken hindert Petrus nicht, sich schnell wieder zu besinnen.
Daran erinnert auch eine bekannte Redewendung: Hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben!
Petrus bleibt nicht liegen. Er rappelt sich sofort wieder auf. Sein Hinfallen war eine Folge seines mutigen Einsatzes; daher belächelt oder verspottet ihn auch niemand wegen seines Reinfalls. Er ist der einzige, der mutig genug war, alles auf eine Karte zu setzen. Jetzt ist er auch mutig genug, seine Hilflosigkeit zuzugeben, indem er schreiend bittet: „Herr, rette mich!“

Jesus bringt Petrus sofort ins sichere Boot, und dann lässt auch schon das Unwetter nach. Die Gefahr ist vorüber. Jesus ist da, wenn es darauf ankommt, und die bedrohlichen Mächte sind verstummt. Petrus ist um eine handfeste Erfahrung reicher, welche die anderen nur als Zuschauer miterleben konnten.
Versagt haben sie auch, sogar mehr als Petrus.
Sie haben schon aufgegeben, bevor sie überhaupt angefangen haben, auf Jesus zuzugehen. Aber ihr Versagen springt nicht so direkt in unser Auge.
Zu schnell gilt das Interesse bei vielen nur der Person des Petrus.

Zum Schluss werden auch die Sitzenbleiber im Boot munter. Sie sehen Jesus von Angesicht zu Angesicht, und sie sind beschämt. Es heißt im Evangelium:
Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“
Kein Wort der Kritik ist von Jesus zu hören. Er kennt seine Leute, und sein liebendes Herz ist groß. Lange hat es gedauert, bis bei ihnen endlich der Groschen gefallen ist. Was beim so beeindruckenden Brotwunder nicht gelang, das gelingt am Ende einer grauenvollen Sturmnacht.

Ihnen gehen die Augen auf aus Ihrer Seh-Not:
Sie erkennen jeder für sich, wer Jesus wirklich ist.
Und sie tun das einzig Richtige, was dann zu tun ist: sie werfen sich demütig vor ihm nieder. „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“ - Vergessen wir das nicht, wenn unser persönlicher Seesturm kommt.

Wertvolle Anregungen fand ich in dem Buch von Carsten Peter Thiede:
„Der Petrus-Report: der Felsen der Kirche in neuem Licht“, Sankt Ulrich Verlag,
ISBN 3-929246-85-6, 184 S., 16,90 Euro

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Der Arzt sagt zu Rudi: "Trinken Sie mal 4 Wochen nur halb so viel Alkohol, dann sehen wir, ob sich Ihre Krankheit bessert."
"Könnte ich nicht lieber 4 Wochen lang doppelt so viel Alkohol trinken und wir sehen dann, ob meine Krankheit sich verschlimmert?"

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Zwei Psycho-Analytiker gehen im Park an einem See spazieren. Ein Mann im See rudert wie wild mit den Armen und ruft um Hilfe. Die Therapeuten gehen ungerührt weiter.
Der Mann ruft immer wieder verzweifelt: „Hilfe!“ - Keine Reaktion!
Endlich ruft der Mann: "Hilfe, Hilfe, ich ertrinke doch!"
Meint der eine Analytiker zum andern: "Es wurde aber auch Zeit, dass er sein Problem erkennt!"

Am nächsten Montag: Buchbesprechung
"Dem Leben Vertrauen schenken"

Am Mittwoch: Predigt zum 20.Sonntag A

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