12.08.2008

20.Sonntag im Jahreskreis A - 17.08.2008

(Fortsetzung)

Sie ist wohl völlig am Ende. Ein Ehemann ist weit und breit nicht zu sehen. Da ist es der Mut der Verzweiflung, dass sie als Frau mitten am Tag diese Fremden anspricht. So etwas tut man eigentlich nicht als Frau. Und schon gar nicht in diesem unmöglichen Ton! Einfach skandalös ist das! - So fertig, wie diese Frau ist, hat sie nichts mehr nach Männer- und Frauenrollen zu fragen. Sie ist ohnehin mutterseelenallein mit der Zentnerlast ihres Problems.

Es geht um ihre Tochter, wahrscheinlich um ihre einzige Tochter. Es geht um das Liebste in der Welt, was sie hat. Jede Mutter kann ihr nachfühlen, dass sie nun wie eine Löwin kämpft. Ihre geliebte Tochter ist schwer erkrankt. Wie Jesus ihrem Geschrei entnehmen kann, wird die Tochter von einem Dämon gequält. Was es genau ist, wissen wir nicht.
Ist es eine schwere psychische Erkrankung? Ist sie in seelische
Abhängigkeit von irgend-
welchen Geister-
beschwörungen geraten? Jedenfalls macht die Krankheit das Leben der Tochter und damit auch das Leben der Mutter zur Hölle. Es ist eine tägliche, nicht enden wollende Qual, aus der man nicht entrinnen kann. Die Krankheit hat beide fest im Griff. Wahrscheinlich hat die Mutter schon alle Heiler der Gegend aufgesucht. Niemand konnte die Tochter aus ihrem elenden seelischen Gefängnis befreien. Die Mutter wird ihr letztes Geld geopfert haben, doch alles war vergebens. Sie selbst ist nur noch ein einziger Schrei, ein Nervenbündel, völlig fertig.

Nun verstehen wir, warum diese heidnische Frau dem Juden Jesus hinterher rennt. Sie hat blitzschnell die Lage begriffen: Das ist doch dieser Wunder-Rabbi, von dem viele sagen, er sei der Sohn Gottes!
Dass der sich hierher verirrt – das ist ein völlig unerwartetes Geschenk des Himmels für mich! Dass mir das aber passiert – das ist mein Sechser im Lotto!

Die Frau fackelt nicht lange. Sie schreit aus Leibeskräften! Jetzt oder nie! Es lohnt sich, genau hinzuhören, was sie schreit: „Hab Er-
barmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“

Diese heidnische Frau ruft nicht einfach nach Hilfe. Schon mit ihrem Ruf signalisiert sie, dass sie genau weiß, wer dieser Heiler ist:
Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“

Sie spricht Jesus ganz korrekt und formvollendet in biblischer Sprechweise als den Herrn an, als den Erlöser und Sohn Gottes, der aus dem Stamme Davids kommt. Im Gottesdienst beten wir heute noch so: „Herr, erbarme dich!“

Diese fremde Frau tut also, zu was die gebildeten Schriftgelehrten seines eigenen Volkes nicht fähig waren: Sie legt ein kurzes Glaubensbekenntnis ab. Ja, ich bekenne es, dass du der Sohn Gottes bist! Sie hat absolutes Vertrauen zu ihm und ist sich sicher, dass er ihr helfen kann. Mit ihrem gewagten Auftritt riskiert sie schließlich, sich vor ihren Landsleuten endgültig lächerlich zu machen, wenn das schiefgeht. Ausgerechnet einen Juden bittet sie so lauthals um Hilfe. Damit kann sie sich bis auf die Knochen blamieren und ist endgültig unten durch…

Jesus aber reagiert anders als erwartet. Er tut so, als überhöre er ihr Rufen. Absolut keine Reaktion. Was der Grund für diese Sturheit ist, erfahren wir kurz darauf: „Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“
Die Jünger halten es nicht mehr aus. Sie flehen Jesus an, der Frau doch zu helfen. Ihr Motiv ist allerdings egoistisch: Jesus soll sie endlich abfertigen; sie wollen schließlich ihre Ruhe haben!
Die Reaktion Jesu fällt jedoch anders aus als erhofft. Er erklärt ihnen, die Frau falle gewissermaßen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.
Er habe sich nur um die verlorenen Schafe des Hauses Israel zu kümmern.

Das bestürzt uns auf den ersten Blick. So kennen wir Jesus doch gar nicht! Die Evangelien sind voll davon, wie Jesus geholfen und geheilt hat. Ist Jesus nur zuständig für die Juden? Ist das wie in einer Anliegerstraße: Fremde sollen hier nicht rein, nur die Leute, die dort leben?
Zuerst einmal ist es korrekt, dass ein jüdischer Rabbi nicht ohne weiteres mit einer Heidin spricht. Das gehört sich nicht. Doch das Problem sitzt natürlich tiefer.
Ein moderner Unternehmensberater würde wahrscheinlich begeistert vermerken: Jesus will eindeutige Prioritäten setzen. Man nennt das heute das Kerngeschäft. Sich nicht verzetteln. Jesus will sich auf seinen eigentlichen Auftrag beschränken, als Jude für die Juden die Frohe Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes zu verkünden. So hat es ihm sein Vater im Himmel aufgetragen. Sein eigenes Volk der Juden ist seine eigentliche und erste Zielgruppe, die er nie aus den Augen verlieren darf.
Mit seiner ablehnenden Haltung demonstriert Jesus auch, wie fest er auf dem Boden des Judentums steht. Aber auch in Israel hat er nicht flächendeckend das komplette Volk geheilt. Immer ging es um die Setzung von Zeichen, von Zeichen für das anbrechende Reich Gottes.

So hart es ist: Jesus fühlt sich hier nicht zuständig. Vielleicht ist er auch skeptisch, was die Tochter betrifft. Soll er wirklich jemand helfen, der statt an den lebendigen Gott an irgendwelche Götzen glaubt und nun hilflos in deren Fängen zappelt? Macht es Sinn, ihr zu helfen, wenn sie Gott gar nicht als alleinigen Herrscher für ihr Leben anerkennt? Der Fruchtbarkeitskult der Kanaaniter war schließlich jahrhundertelang eine Herausforderung und Bedrohung für den Glauben des Volkes Israel.
Wenn schon die Schriftgelehrten der Juden ihn nicht begreifen wollen, wie dann die Tochter dieser Frau, die wahrscheinlich Götzen verehrt?

Hier spüren wir schon, wie sehr das heutige Evangelium auch uns selbst betrifft. Wir müssen uns immer wieder kritisch fragen, welches Bild wir uns von Jesus gemacht haben. Haben wir vielleicht ein etwas zu simples und kuscheliges Jesus-Bild? Glauben wir, dass Jesus automatisch für uns zuständig ist, nur weil wir katholisch getauft sind? Wir lernen heute, dass Gott auch Absagen erteilen kann. Er ist kein Wunsch-Automat, der auf Zuruf Hilfe verspricht.

Doch das Evangelium belässt es nicht bei dieser Erkenntnis. Die ungewöhnliche Begegnung geht noch weiter. Die Frau hört sehr wohl, was Jesus zu seinen Jüngern sagt. Mit ihr selbst hat er ja nicht gesprochen.
Sicher hätten viele nach dieser ersten Erfahrung mit einem schon fast arrogant wirkenden Jesus die Sache aufgegeben. Nicht so diese Frau! Sie kann es sich nicht leisten, die beleidigte Leberwurst zu spielen. So leicht lässt sie sich nicht abwimmeln. Sie bleibt am Ball, statt davonzulaufen.

Schnell nimmt sie einen neuen Anlauf, und zwar diesmal frontal. Offenbar hat sie die Gruppe eingeholt und versperrt ihnen von vorne den Weg. Jetzt kann Jesus ihr nicht mehr ausweichen. Im Evangelium heißt es: „Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Die Frau fällt vor Jesus nieder. Sie wirft sich vor ihm in den Staub. Sie macht sich ganz klein, kleiner geht’s nicht. Und wieder ihre eindeutige Anrede mit dem Wort „Herr“. Mit diesem Titel erkennt sie ihn also ausdrücklich als Messias an. Sie bittet interessanterweise nicht für ihre Tochter, sondern lenkt Jesu Augenmerk ganz auf sie selbst: „Herr, hilf mir!“ - Es ist, als spüre sie instinktiv die Bedenken Jesu. Sie signalisiert ihm darum: Es geht um mich, um meine Not, um mich ganz konkret. Schau mich an, Jesus, und schau auf meinen Glauben! Ich weiß, dass du allein mir helfen kannst, und ich bitte dich inständig und von ganzem Herzen darum!

Jetzt ist es endlich so weit. Sie hat mit ihrer Hartnäckigkeit etwas erreicht. Jesus spricht mit ihr. Er weicht ihr nicht aus. Der jüdische Rabbi hat sie als Gesprächs-
partner erst einmal akzeptiert. Was er ihr zu sagen hat, ist weniger erfreulich: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ - Ja, wir haben richtig gehört. Spätestens hier dürfte auch heute jedes idyllische Jesus-Bild sein Ende finden. Mit seiner harten Formulierung bestätigt Jesus nochmals, dass er sich in erster Linie zum Volk Israel gesandt weiß. Sein Auftrag ist es, diesen Kindern Gottes seine Nahrung zu geben, das Brot des Wortes.
Dafür setzt er all seine Kraft ein, und davon darf ihn nichts abhalten. Jesus fühlt sich ganz gehorsam an diesen Auftrag des Vaters gebunden. Er geht nicht zu den Römern, nicht zu den Griechen, und er geht auch nicht zu den Heiden der Nachbarschaft. Er hat einen klaren Auftrag. Nichts darf ihn davon ablenken. Als Petrus ihn später vom Weg des Leidens abbringen wollte, hat er ihn bitterböse zurechtgewiesen.

Wenn Jesus die Nachbarvölker als „Hunde“ bezeichnet, ist das nicht so schockierend, wie wir das heute verstehen. Dieser Ausdruck war im Volk Israel damals der geläufige Begriff für alle Heiden. Man sagte „Hunde“, und jeder wusste, was gemeint war. Interessanterweise gibt es die „Kanaanhunde“ als Rasse wirklich. Sie sind halb wilde, intelligente, aber vorsichtige Hunde, immer in der Nähe des Menschen lebend. Hunde schützten Haus und Hof, und natürlich bekamen sie Brocken vom Tisch ihrer Herren zugeworfen. Ebenso selbstverständlich war, dass erst die Menschen dran waren, danach bekamen die Hunde ihren Teil. Sie durften nur das bekommen, was man selbst nicht mehr benötigte.

Nun sollte das Maß doch wohl voll sein, denken wir schnell. Jesus lässt die Frau einfach mit dem Hinweis abblitzen, das Brot dürfe seinem Volk nicht weggenommen werden. Mit anderen Worten: Ich kann mich auch nicht zerteilen. Wenn ich dir jetzt helfe, wird das schnell zum Präzedenzfall. Das heißt, andere Heiden werden sich darauf berufen: Der Frau hast du ja auch geholfen…!

Wir erleben Jesus hier in einer richtigen Zwickmühle. Die Frau spürt, wie er mit sich ringt. Deshalb gibt sie auch nicht auf. Sie protestiert auch nicht gegen die harten Worte. Im Gegenteil: Die Frau zeigt sich sehr geschickt in der Gesprächsführung, denn sie bestätigt Jesus ausdrücklich: „Ja, du hast recht, Herr!“ Sie akzeptiert die Spielregeln. - Natürlich verstehe ich dein Anliegen, Herr! Ich kann das gut nachvollziehen. Ich laufe auch nicht empört davon und ich schreibe auch keinen bösen Leserbrief an die Zeitung! Nein, ich bestätige dir, du hast recht!
Dein eigenes Volk geht vor. Meine große Not schmerzt mich furchtbar, aber ich weiß, dass ich keinerlei Ansprüche zu stellen habe. Ich lege es allein in deine Hand, wie du mit mir verfährst. -
Sicher war Jesus einen Moment lang sprachlos. Diese Frau hat verstanden, was die Führer seines eigenen Volkes nicht verstehen. Während jene meinen, Gott ganz sicher als Besitz in ihren Taschen zu haben, ist sich diese Frau ihrer armen Situation voll bewusst. Sie weiß, dass sie mit leeren Händen vor ihm steht.
Die Frau nimmt Jesu Argumentation auf: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
Damit bestätigt sie Jesus, der offenbar sehr nachdenklich geworden ist: Ich nehme niemanden etwas weg! Ich trete in Demut vor dich hin. Mir genügen die kleinen Abfälle, die vom Tisch herunterfallen. Erbarme dich meiner und meiner armen Tochter!

Jesus ist von der Demut und dem Vertrauen dieser Frau überwältigt. Deshalb heißt es am Schluss des heutigen Evangeliums: „Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“
Diese namenlose heidnische Frau wurde uns heute ausführlich vorgestellt. Der Evangelist Matthäus stellt sie uns als Beispiel vor. Mit ihrer unglaublichen Geduld hat sie Jesus überzeugt. Damit ist sie auch für uns ein Vorbild. Nicht die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, sondern der persönliche Glaube wurde zum entscheidenden Punkt.
Das kann sich jeder hinter die Ohren schreiben: Bitte, und dir wird gegeben werden!
Habe Vertrauen und Geduld, und lege dein Schicksal demütig in Jesu Hände. Vor allem aber gib nicht vorschnell auf!



Predigt Alexander Pollhans: >>> Rechtsklick!

Predigt "Ideesamkeit": >>> Rechtsklick!

Predigt Karl-Leisner-Jugend: >>> Rechtsklick!

Tipps für Wallfahrten: >>> Rechtsklick!

Spurensuche: Meditationen, Materialien: >>> Rechtsklick!

Kloster auf Zeit, Material über Orden: >>> Rechtsklick!


Unterhalten sich ein russischer Gehirnchirurg und ein Kosmonaut über den lieben Gott. Sagt der Kosmonaut: "Ach, hör mir auf mit Deinem Gott, ich war schon oft im All, habe alle Sterne und Planeten gesehen, da war nichts zu sehen von Deinem Gott ..." - Sagt der Chirurg: "Und ich habe in meinem Leben schon so viele Gehirne gesehen, habe aber nie einen einzigen Gedanken entdeckt."

"Sagst du auch jeden Abend schön dein Gebet?", fragt der Pfarrer den kleinen Tobias.
"Nein, das macht die Mutti für mich!"
"So? Und was sagt sie denn für dich?"
"Gott sei gedankt, dass du endlich im Bett bist!"

Im Eilzug erwischt der Schaffner einen Schotten ohne Fahrkarte. Nach einem erregten Wortwechsel verliert der Beamte seine Geduld, packt den Koffer des Reisenden und brüllt: „Wenn Sie nicht augenblicklich zahlen, werfe ich Ihren Koffer aus dem Zugfenster!" Darauf schreit der Schotte auf und rauft sich die Haare: "Erst wollen Sie mich arm machen und jetzt auch noch meinen einzigen Sohn töten?!?"

zurück zur Hauptseite : >>>> klicken!

In aller Ruhe lesen? Am besten jeden Mittwoch mit dem kostenlosen Abo in Ihr E-Mail-Postfach!





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Zur Zeit keine Kommentare möglich.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.