16.07.2008

16.Sonntag im Jahreskreis A (20.07.2008)

(Fortsetzung)
Die Zuhörer Jesu wussten das offenbar auch, denn manche hatten sicher schon als Tagelöhner auf Feldern gearbeitet. Würde man die bereits sehr starken Unkrautpflanzen herausreißen, dann zöge man auch die benachbarten guten Weizenpflanzen mit heraus. Die Wurzeln des Taumellolchs umklammerten nämlich tückischerweise auch noch die Wurzeln des Weizens. Für eine Sabotage-Aktion also das perfekte Unkraut!

Ein Angriff auf ein Weizenfeld ist auch deshalb be-
sonders boshaft, weil der Weizen ein Grundnahrungs-
mittel ist und damals insbesondere die armen Leute sich hauptsächlich von preiswerten Getreideprodukten (Brei, Brot) ernährten. Wenn da die Ernte ausfällt, steigen die Preise!

Im Grunde gab es nur zwei Lösungs-
strategien für den Ge-
schädigten: entweder in einem sehr frühen Stadium die Pflanzen entdecken und herausreißen, was in der Praxis nur mit größten Verlusten von Weizen möglich ist. Durch Verwechslung würden viele gute Pflanzen ebenfalls ausgerissen werden. - Oder aber man muss, um doch noch einen guten Ertrag zu bekommen, bis zur Ernte warten und dann fein säuberlich und sehr mühsam Unkraut und Weizen trennen. Und das genau so, wie Jesus es im heutigen Gleichnis beschrieben hat: erst das Unkraut vorsichtig abschneiden (man schnitt es mit einer Sichel direkt unterhalb der Ähren ab) und einsammeln, danach dann die Ernte des guten Weizens. Die ganze Ernte musste dann sicherheitshalber noch mehrmals gründlich gesiebt und in Augenschein genommen werden. Mühsam, aber zum Schutz der Verbraucher unvermeidbar!

Was mit dem Unkraut nach dessen Ernte geschah, schildert Jesus auch genau so, wie es damals gehandhabt wurde: Es wurde in Bündel gepackt und diente so im holzarmen Palästina wenigstens noch als wertvolles Brennmaterial, z.B. zum Kochen. Der gute Weizen hingegen wurde in Scheunen sicher verwahrt, meistens direkt am Haus.

Doch schauen wir uns das Gleichnis Jesu mit diesem Hintergrund-Wissen noch einmal an. Jesus beginnt so: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.“ Es geht also um das Himmelreich im heutigen Gleichnis. Damit knüpft es an das Evangelium des vorigen Sonntags an, bei dem es um den Sämann ging, dessen ausgestreuter Samen nur an wenigen Stellen auf fruchtbaren Boden fiel. Die Ernte war aber dennoch 100-fach, 60-fach, 30-fach, also entgegen den Befürchtungen doch sehr reichlich.

Heute geht es auch um die Ernte für das Reich Gottes. Doch heute ist die Situation dramatisch verschärft: das Reich Gottes hat einen bösen Feind, der offenbar sehr clever ist und alle schmutzigen Tricks und Mittel nutzt, um dem Gutsherren - sprich: Gott - zu schaden. So wie der Taumellolch dem Weizen verteufelt ähnlich sieht, so ist es auch mit allem anderen, was „der Feind“ so in unserer Welt täglich ausstreut.
Erst sieht alles Böse ganz harmlos aus, ja, man kann es glatt für Gutes halten, weil es als Gutes ausgegeben wird. Das war schon im Paradies so: Es ist angeblich gut für den Menschen, wenn er vom Baum der Erkenntnis isst und dann sein kann wie Gott.
Das behauptet zumindest die Schlange.

Und das Ergebnis? Wir kennen es: Viele Menschen sind verwirrt und wissen nicht mehr, was gut und was böse ist. Sie leben ein Leben ohne Gott und glauben dabei auch noch, dass sie gut handeln, wenn sie sich vermeintlich selbst verwirklichen. Ja, die teuflische Saat geht auf. Und meistens wird sie erst sehr spät erkannt, früher wie heute.

Die Frage der Jünger im heutigen Evangelium ist aber eine ganz konkrete: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?“
Das ist die Kernfrage des heutigen Textes! Wie sollen wir mit dem Bösen umgehen?
Wir wollen ja, dass Gottes Reich kommt! Wir wollen ja etwas tun dafür, indem wir das Böse fernhalten, herauswerfen, abtrennen. Wir wollen Ordnung schaffen, alles in bester Absicht. Schließlich soll unsere Kirche eine Kirche sein, in der es bildlich gesprochen möglichst nur guten Weizen gibt.
Aber vielfach sehen wir leider auch Zank und Streit, Missgunst und Neid, Eitelkeiten, übles Getratsche, Besserwissereien und Pauschal-Urteile. Und immer ist natürlich die andere Seite an dem ganzen Schlamassel schuld, wie Dr. Manfred Lütz es in seinem Buch „Der blockierte Riese“ so anschaulich und humorvoll beschrieben hat. Da gibt es schon hin und wieder die Versuchung, dass einem der Geduldsfaden reißt!

Schnelle und effektive Lösungen – das ist besonders heutzutage gefragt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – also zupacken, entscheiden, reinigen, aufräumen… Unsere Wohnungen sind picobello sauber, so dass man vom Fußboden essen könnte. Die Werbung demonstriert uns sowieso ein Leben wie ein einziges Hochglanz-Foto: alles glänzend sauber, alles im Leben fest unter Kontrolle, von der Versicherung bis zum Abführmittel. Was noch fehlt, ist die Turbo-
Schwangerschaft, die vielleicht nur fünf statt der langen neun Monate dauert.
Aber gerade die Schwangerschaft ist für die Kirche und das Verhalten der Christen untereinander ein gutes Beispiel:
Schnelle Lösungen sind zwar ein verständlicher Wunsch, aber nicht immer anzuraten! Das Getreide braucht seine Zeit bis zur Ernte, das Baby braucht seine Zeit bis zur Geburt. Und manches liegt gottlob gar nicht in unserer Hand!

Die Knechte des Gutsherren in unserem Evangelium wollen jetzt und sofort eingreifen. Sie meinen es gut, wenn sie das Unkraut ausreißen wollen. Sie wollen sich für ihren Herrn einsetzen und die harte Arbeit des Säuberns, des Aussortierens auf sich nehmen.
Aber ihr Herr reagiert ganz anders, als sie erwartet hatten:
„Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Laßt beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.“

Das ist eine klare Ansage, ein klares Verbot des Herrn: Finger weg von meinem Acker! Ihr könnt jetzt gar nicht wirklich unterscheiden, was gut und was nicht gut ist! Ich bestimme, wann es so weit ist. Ich werde es den Arbeitern sagen.
Auffallend ist nicht nur, dass der Herr den Zeitpunkt ganz klar selbst bestimmt, sondern auch sein Hinweis auf die „Arbeiter“, was gerne überlesen wird. Der Herr sagt eben nicht: „Dann werde ich euch sagen“, sondern er spricht von speziellen Arbeitern.
Die Erklärung dafür:
Die Erntearbeit war damals sehr langwierig und anstrengend. So setzten die meisten Gutsherren dafür nicht ihre eigenen Knechte ein. Die hatten mit Alltags-
arbeiten genug zu tun. Für die Ernte holte man sich zusätzliche Tagelöhner, die täglich auf den Markt-
plätzen auf Arbeit hofften.
Wir kennen das vom Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, wo auch die letzten vom gütigen Herrn den vollen Lohn bekamen.

Daraus ergibt sich, das die Ernte und die Trennung von Weizen und Unkraut eindeutig überhaupt nicht die Aufgabe der Knechte sein kann. Der Herr will das deshalb auch nicht dulden, so lieb das Angebot auch gemeint sein kann. Wen Jesus mit den zusätzlichen Arbeitern meint, wird in der Langfassung des heutigen Evangeliums erläutert: es sind die Engel Gottes, die ihm bei der Ernte und Entscheidung helfen, und die sind da sicher viel hellsichtiger als wir.

Gut gemeint ist eben nicht immer gut. Wir haben zu wenig Durchblick, um wirklich eine sichere Entscheidung treffen zu können. Der begreifliche Wunsch, in Gottes Kirche mal wieder Ordnung zu schaffen, ist ebenso verständlich wie gefährlich. Heute gibt es zwar keine Scheiterhaufen mehr, aber andere wirksame Methoden: da wird jemand mundtot gemacht, kaltgestellt, lächerlich gemacht. Wir sind da recht phantasievoll.
Klar, wir kennen alle jene Mitchristen, die uns den letzten Nerv rauben können. Da ist der endlose Debattierer, der sich auf jeder Sitzung so gerne reden hört.
Da ist der Besserwisser, der gefragt und vor allem ungefragt zu allem seinen Senf abgibt, vielleicht sogar in der Öffentlichkeit.
Da ist der Beschwerdeführer, der sofort den Bischof informiert, wenn der Pfarrer mal ein Wort nicht hundertmal abgewogen hat. Ja, die Liste ist lang, und sicher sind wir alle auch irgendwie dabei.

Jesus führt uns mit dem heutigen Gleichnis vor Augen, dass wir mit unserem Urteil ganz schön daneben liegen können. Nur Gott allein weiß, was in einem Menschen steckt. Und Gott hat offenbar Geduld, ganz viel Geduld, oft genug zu unserer Enttäuschung. Er lässt die Dinge erst reifen. Wie gut das ist, sieht man z.B. an den Lebensgeschichten mancher Heiliger. Ob Paulus, ob Augustinus, ob Franziskus oder Charles de Foucauld – wir könnten Hunderte heiliger Menschen finden, die nach unserem Ermessen wegen ihres früheren Lebenswandels jedenfalls mit Sicherheit kein guter Weizen waren. Wie gut, dass niemand dieses vermeintliche Unkraut herausgerissen hat!

Der heutige Rat Jesu heißt auch: Kümmert euch jetzt nicht ständig um das Unkraut! Wer seine Gedanken auf das Böse konzentriert, der bekommt den Kopf nicht frei. Schließlich sieht man nur noch das Negative, natürlich stets bei den anderen, versteht sich!
Jeder von uns soll dem Bösen widersagen, wie wir es bei der Taufe
versprochen haben. Natürlich soll man wachsam sein, damit kein Unkrautsamen auf den eigenen Acker gelangt. Es gibt da viel zu tun, vor allem, wenn wir uns selbst da einbeziehen. Eine Redewendung heißt ja aus gutem Grund: „Wer mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigt, der zeigt mit drei Fingern auf sich selbst!“

Wir haben also bei Lichte betrachtet Grund genug, mit unserem Urteil zurückhaltend zu sein und nicht Gott spielen zu wollen. „Gottvertrauen“ – das ist für Christen eine wichtige Tugend.
Wer Gott vertraut, der kann auf Machtspielchen und Verurteilungen verzichten und braucht mit niemandem kurzen Prozess zu machen. Einfach vertrauen – der Vater im Himmel weiß schon, was er tut!

Zum Schluss noch eine Klarstellung: Gott lässt sich keineswegs auf dem Kopf herumtanzen. Wenn auch jetzt die Zeit der Ernte noch nicht da ist: sie wird kommen, so sicher wie der Weizen reif wird. Und dann wird der Herr selbst für die Trennung von Gut und Böse sorgen. Beten wir, dass wir dann Weizen sind, und nicht Unkraut.







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