19.01.2010

3. Sonntag im Jahreskreis C - 24.1.2010

(Fortsetzung)

Es herrscht eine angespannte Ruhe. Die Sekunden vergehen, ohne dass etwas geschieht. Lukas steigert die Spannung noch, indem er diese Situation erzählerisch einfängt und formuliert: „Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet“
das klingt geradezu wie in einem aufregenden Fernsehfilm mit Großaufnahme der Gesichter!
Jetzt will keiner die kleinste Kleinigkeit verpassen! Was wird er wohl zu dieser schwierigen Stelle sagen, zu diesem Wort des Propheten Jesaja über den Gesalbten des Herrn, der einst kommen wird? - Ganz schön mutig von unserem Jesus, sich an diesem Text zum Lehrer zu machen!
Die Leute sehen ihn noch vor sich, wie er mit den anderen Nach-
barskindern auf dem Marktplatz spielt, und nun ist er erwachsen und will ihnen Gottes Wort auslegen…

Wir heute wissen nicht genau, was da in den Köpfen vor sich geht. Aber gut vorstellen kann man es sich. Die Menschen können ihre
Erinnerungen nicht einfach ausknipsen. Sicher ist das auch ein Grund, warum es in unserer Mutter Kirche üblich ist, dass Priester nicht als Pfarrer in ihrem Heimatort eingesetzt werden. Manche Mitbürger wären einfach von der Verkündigung der Frohen Botschaft abgelenkt, weil ihnen immer wieder mehr oder weniger fromme Geschichten aus der Jugend dieses Priesters einfallen würden.
Jesus aber sitzt nun hier, in seiner Heimatgemeinde. Seine erste Predigt in Nazareth wird das. Und das ausgerechnet zu dieser Prophezeiung! Lukas fährt fort: „Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“

Danach diese Stille in der Synagoge. - Wie? Das war’s schon?
Ungläubiges Staunen im Saal: Das ist ja wohl die kürzeste Predigt, die man sich denken kann, gerade mal elf Wörter lang: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“
Und damit ist eigentlich wirklich alles gesagt - einfach umwerfend, diese knappe Formulierung! Jesus sagt den Menschen seines Heimatortes und uns allen: Jetzt, hier und heute, ist es soweit!
Das, was der Prophet Jesaja und andere immer wieder verkündet haben, das hat in mir Fleisch und Blut angenommen. Das, worauf Generationen von Juden so sehnsüchtig gewartet haben, das ist in mir tatsächlich Wirklichkeit geworden. Das Schriftwort hat sich heute erfüllt; euer Traum ist in Erfüllung gegangen.

Um die ganze Wucht dieser Aussage zu verstehen, muss man sich noch einmal bewusst machen, was Jesus da sagt. Er ist es, den Gott als Retter versprochen hat, er und sonst keiner.
Da erinnern wir uns an den Anfang meiner Predigt und an die Bank-
automaten, die völlig neu programmiert werden mussten. Ein völliger Neustart also, alles nochmal auf Anfang!
Und nun sagt Jesus: Ja, genau so ist es. Mit mir macht Gott für euch gewissermaßen einen Neustart, wie er es versprochen hat. Und was er seinem Volk versprochen hat, das haben wir auch gehört. Er wird den Armen eine gute Nachricht bringen, den Gefangenen ihre Frei-
lassung verkünden, die Blinden wieder sehend machen und „ein Gnadenjahr des Herrn“ ausrufen.
Man kann all dies zu-
sammen-
fassen, indem man sagt, er wird wieder heil machen, was unheil ist, was nicht mehr ist, wie Gott es eigentlich gedacht hat. - Und wie sich Gott eine gute Welt nach seinem Bild eigentlich gedacht hat, das sieht man nicht nur an der Schöpfungsgeschichte und am Paradies, sondern z.B. auch an dem von Jesus zitierten „Gnadenjahr des Herrn“, wörtlicher übersetzt „ein dem Herrn angenehmes Jahr“,
ein Jahr ganz nach seinem Geschmack.

Dazu muss man wissen, dass solch ein „Jubeljahr“ (eigentlich ein Jobeljahr nach dem Jobelhorn, mit dem es akustisch eröffnet wurde) als ein großangelegtes Erlassjahr gedacht war. Nur alle 50 Jahre war es im alten Israel vorgesehen, eben alle Jubeljahre nur einmal, wie eine Redewendung lautet. Dann sollte, so war es gemeint, jedem seine reale Schuld erlassen werden. - In der Praxis bedeutete dies, dass Menschen, die z.B. aus Not ihren Grund und Boden oder gar ihre Kinder verkaufen mussten, alles zurückbekamen, soweit dies möglich war. Das große Auseinanderklaffen zwischen arm und reich wurde unterbrochen, und ein großzügiger Neuanfang war für jeden möglich.
So jedenfalls war es gedacht, wie man im Buch Levitikus (25,8-31) mit genauen organisatorischen Durchführungsbestimmungen nachlesen kann. Dort findet man auch die theologische Begründung dafür: Alles gehört sowieso Gott, dem Schöpfer. Kein Mensch kann das Land aus Gottes Sicht wirklich besitzen, er kann es nur aus-
leihen. Mit dem Jubeljahr wird noch deutlicher als beim Sabbatjahr, bei dem sich die Felder alle sieben Jahre erholen konnten, dass Gott allein der Herr und Eigentümer von allem ist.
Das ist ein Beispiel für eine soziale Ordnung im Sinne Gottes. Bekannt ist aber auch, wie die Menschen darauf reagiert haben:
die Idee mit den Jubeljahren ging den Besitzenden doch entschieden zu weit, und so ließ man dieses Thema lieber in der Versenkung verschwinden: es wurde einfach nicht mehr praktiziert.

Wenn nun Jesus in der Synagoge von Nazareth verkündet, jetzt sei es so weit, ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, ist das natürlich so ein richtiger Stich ins Wespennest. Wer weiß, was den Zuhörern da so alles durch den Kopf gegangen ist…!
Und ausgerechnet an dieser Stelle bricht das heutige Evangelium ab, wie im wirklichen Leben, wie im Fernsehen. Das ist nämlich ein Zweiteiler, und der zweite Teil wird uns am nächsten Sonntag präsentiert.
Da heißt es, sich etwas zu gedulden – und für die Neugierigen gilt: die Bibel ist auch zum Selberlesen zugelassen, z.B. das vierte Kapitel im Lukas-Evangelium!

Zum guten Schluss noch ein Hinweis zum Gnadenjahr des Herrn. Jesus nimmt sicher nicht an, die erwähnte Regelung des 50. Jahres landesweit wieder einführen zu können, so wie sie eine Zeitlang galt. Das wäre unter den gegebenen Umständen einfach nur naiv.
Das Gnadenjahr meint er anders. So wie damals die reale finanzielle Schuld erlassen wurde, so erlässt Gott durch das Gnadenjahr Jesu alle reale Sündenschuld. Gott will das Heil der Menschen, und mit Jesus gibt es dafür einen Neuanfang. Jesus schenkt jedem die Chance, noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Alle Verstrickungen in Schuld zählen nicht mehr. Wer zu Jesus kommt, der beginnt ganz neu. Fast wie beim Computer. Also bitte jetzt neu starten!

Predigt Pater Gottfried Eigner, OSA
>> BITTE KLICKEN !
Drei Predigtvorschläge der Karl-Leisner-Jugend
>>>>> BITTE KLICKEN !
Predigt Pater Hermann Schalück OFM (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
>>>>> BITTE KLICKEN !
Sonja Angelika Strube: „Die gute Nachricht des Lukas“
>> BITTE KLICKEN !
Prof. Dr. Ernst Leuninger: Kurs zur Einführung in die
Kath. Soziallehre
>>>>> BITTE KLICKEN !
Schüler-Infomaterial: Ein Synagogengottesdienst (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Wie komme ich selbst an diese Predigt als pdf?
>>>>> BITTE KLICKEN !
„Die Erde bebt – und Gott auch?“ - Meine Rückfrage an Medienschaffende, veröffentlicht im „PREDIGTGARTEN“
>> BITTE KLICKEN !

Fritzchen erkundet erstmals den Dachboden des Elternhauses.
Dort steht der Laufstall, in dem er seine Babyzeit zugebracht hat.
Als er ihn sieht, rennt er schnell runter und ruft aufgeregt nach seiner Mama: „Mami, Mami, wir kriegen bald ein neues Baby!“ – Die Mutter ist doch sehr erstaunt deswegen und fragt zurück: „Wie kommst du denn jetzt darauf?“ – Fritzchen berichtet über seine Entdeckung:
„Ich war auf dem Dachboden. Da ist schon die Falle dafür aufgestellt!“

Wussten Sie schon, dass man eine Tageszeitung auch bei Nacht lesen kann?
Auch andere machen Fehler – aber wir haben darin die meiste Erfahrung.
Es gibt Dinge, über die spreche ich nicht einmal mit mir selbst.

Zurück zur Hauptseite?
>> BITTE KLICKEN !


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Zur Zeit keine Kommentare möglich.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.