28.08.2012

Predigt 22. Sonntag im Jahreskreis B -- 02.09.2012

(Fortsetzung) 

Die religiöse Elite des Landes hat sich offensichtlich entschieden, bei diesem so beliebten Wanderprediger etwas genauer hinzusehen. Ab und zu findet sich eine Ordnungswidrigkeit, die von diesem Religions-TÜV mit öffentlichen kritischen Worten abgemahnt wird.
Als einige Jünger Jesu z.B. am Sabbat im Vorbeigehen einige Getreideähren vernaschen (Mk 2, 23-28), wird ihnen das gleich ganz pingelig als verbotenes Arbeiten am Feiertag ausgelegt.
Die misstrauischen Religionshüter suchen in den Krümeln, um Jesus etwas anhängen zu können, um
ihn als nicht ganz gesetzestreuen Rabbi hinstellen zu können. Damals beim Ährenraufen seiner Jünger hatte Jesus sie bereits ganz energisch und souverän abge-
schmettert:
„Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!“
Wir wir im heuti-
gen Evangelium erfahren haben, geht es bei der jetzigen Kritik der Religionshüter
um das Thema Sauberkeit, um die Hygiene. Sie haben nämlich gerade beobachtet, dass einige der Jünger Jesu „ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewasche-
nen Händen aßen“.

Formal waren die Beobachter aus Jerusalem sicher im Recht: im Judentum gab es z.B. eine ganze Reihe von Reinheitsvorschriften, die man als frommer Mensch einzuhalten hatte. Das Waschen der Hände vor dem Essen war generell sinnvoll, um im heißen Israel der Übertragung von Bakterien Grenzen zu setzen.
Das Waschen hatte aber immer auch einen rituellen Aspekt: Durch die gründliche Säuberung wollte man mit reinen, würdigen Händen Gott beim Gebet zum Essen ehren. Bei reinen Händen ging es also um mehr als nur um Hygiene; es ging um eine klare persönliche Abgren-
zung zu den Heiden, die als unrein galten. Durch die Einhaltung solcher festen rituellen Vorschriften wie der des Waschens vor dem Essen erinnert
sich jeder from-
me Jude auch immer wieder neu daran, dass er zum heiligen Volk Gottes gehört und dementsprechend leben soll.

Die Herren Kontrolleure aus Jerusalem müssen bei Jesus einschreiten. Das wollen sie ihm nicht durch-
gehen lassen. So heißt es im Text:
„Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?“
So, nun ist es raus. Sie haben einen kräftigen Hebel zur Kritik angesetzt. Sicher ist es für sie auch ein Stück Erleichte-
rung, etwas Handfestes zur Beanstandung gefunden zu haben. Sie sind sich auch sicher, dass Jesus beim besten Willen keinerlei Entschuldigung für diesen groben Verstoß seiner Jünger finden kann. Es ist
nun einfach mal so, dass eine unreine Hand beim Weiterreichen des Brotes eventuelle Krankheitskeime gleich mit auf die Wander-
schaft um den Tisch schickt. Eine ansteckende Magen-Darm-Infektion könnte so in kurzer Zeit halbe Dörfer lahmlegen. Die Schriftgelehrten dürfen so ein nach-
lässiges Verhalten der Jünger einfach nicht dulden.
Es interessiert sie aber gar nicht, warum einige sich nicht gewaschen haben. Das wäre ja mal interessant
zu wissen!

Vielleicht war das auffällige Nicht-Waschen ein Hinweis für neue Jünger, die aus dem Heidentum kamen: Schaut, ihr könnt auch ohne diese rituelle Reinigung mit uns und mit Gott Gemeinschaft haben. Ihr müsst nicht erst Juden werden, um Christen werden zu können. Immerhin fällt auf, dass die Inspektoren Jesus nicht persönlich angreifen, woraus wir schließen können, dass Jesus selbst sich sehr wohl die Hände rituell gewaschen hat. Andernfalls wäre das wirklich ein gefundenes Fressen für die Ordnungshüter!
Im Text ist immer nur die Rede von einigen Jüngern. Diese sind damit gewissermaßen aus der jüdischen Reihe getanzt.
Bevor wir heute jedoch damalige jüdische Gruppenzwänge milde belächeln, sollten wir uns be-
wusst machen, wie das heute
bei uns aussieht. Die religiösen Gründe spielen in unserer Bevölkerung zwar meist keine Rolle mehr, aber natürlich muss es ganz rein bei uns sein, poren-
tief rein, reiner geht’s nicht. Der heutige Standard-Bürger hat beispielsweise peinlich darauf zu achten, dass er seinen Mitbürgern möglichst nicht in einem Hemd mit Achselnässe gegenübertritt. Gleich tonnen-
weise werden heute Duschgel, Waschmittel, Weich-
spüler und was weiß ich noch alles über uns und unsere Wäsche geschüttet.
So muss es nämlich heute sein: strahlend weiß, fit, gesund und ohne schnell erkennbare Schwächen oder Fehler. Wir haben den Schmutz angeblich im Griff. Den äußerlichen Schmutz, versteht sich.
Zurück zur biblischen Szene. Jesus steckt heftige Kritik ein wegen des Verhaltens einiger Jünger. Ihn macht man sofort dafür verantwortlich. Die Frage steht im Raum: Hast du das denn nicht gesehen?
Warum hast du das denn bloß zugelassen? Warum bist du nicht sofort dagegen eingeschritten? Du bist doch der Meister, und diese da sind deine Schüler, die du ausbildest, die dir auf deinem Weg folgen!
Nun ist es aber wirklich an der Zeit, dass Jesus dazu Stellung bezieht! Lauernd warten die Gelehrten aus Jerusalem auf einen wahrscheinlich kläglichen Versuch, sich herauszureden. Jesus jedoch enttäuscht ihre Erwartungshaltung. Die erhoffte Debatte über die Gefahren ungewaschener Hände fällt aus. Jesus behält das Heft in der Hand und nutzt die Gelegenheit zu einer kurzen Lektion, die sich allerdings gewaschen hat. 


Nicht Diplomatie ist jetzt angesagt, sondern Klarheit. Zuerst verweist er seine Zuhörer auf den alttestament-
lichen Propheten Jesaja. Dieser hatte dem Volk immer wieder vorgehalten, wie sehr es Gott nur mit den Lippen ehrt, nicht aber mit dem Herzen. Mit ihren vielen Ver-
ordnungen und Satzungen tun die Gesetzeslehrer jetzt so, als sei Gott der ganz große Oberbürokrat mit einem deutlichen Hang zur Kleinkariertheit. Jesaja hat deshalb bereits klargestellt, dass solche Verordnungen häufig genug nur Menschengedanken sind, nicht aber Gottesgedanken.
 
Doch damit nicht genug. Jesus fordert alle Zuhörer auf, genau hinzuhören: „Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“
Jesus geht es also nicht um Bakterien und Schmutz unter den Fingernägeln. Er ist nicht der himmlische Hygiene-Beauftragte. Ihm geht es um Grundsätzliches, um die innerliche Reinheit des Menschen vor Gott.
Und die ist nicht von gesäuberten Händen abhängig, sondern vom gesäuberten Herzen.
Die Kernfrage Jesu ist die nach der Erfüllung des Willens Gottes. Eine auffallend lange Liste von bösen Gedanken zählt Jesus auf, von der Unzucht über den Neid bis hin zum Hochmut. Damit macht er seinen Zuhörern noch einmal drastisch bewusst, wie vielseitig und umfangreich die Palette menschlichen Versagens ist. Alle diese Verstöße gegen den Willen Gottes kommen nicht von außen, sondern von innen, aus dem widerspenstigen und unreinen Herzen des Menschen. Die Hände machen wir zwar schon immer gründ-
lich sauber, oft genug aber nicht unsere innere Hal-
tung, unser Denken. Unsere Sauberkeit ist also oft nur ein Etiketten-
schwindel, nur äußerer Schein.

Ich kann eben auch kein Flugzeug steuern, bloß weil ich mir eine Piloten-Uniform ausgeliehen habe. Da gehört schon weit mehr dazu! – Nicht schmutzige Hände, sondern schmutzige Gedanken und Taten sind es, worüber Jesus mit uns allen sprechen will. Genau hier sollen wir mit unserer eigenen Putzaktion ansetzen, wenn wir Gottes Willen
in unserem Leben beachten wollen. 



Predigtvorschläge Karl-Leisner-Jugend
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Predigt Pfr. Karl Sendker
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Predigt Pfr. Dr. Waldemar Styra (pdf)
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Gottesdienstentwurf / Predigt Pfr. Bruno Layr
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Vatikanische Instruktion zur Feier der Eucharistie
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Vatikan: Handkommunion ist nur eine Ausnahme
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„Tischzuchten“ – die Vorläufer des „Knigge“
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Die katholische Haltung zur Sünde

Ein Mann hat im Zorn seine Frau ermordet. Er bleibt unentdeckt, und doch schlägt ihn furchtbar das Ge-
wissen und die Gewissensbisse treiben ihn unbarm-
herzig vor sich her. So sucht er Trost und Hilfe und wendet sich dabei an einen Rabbi.
"Rabbi, helfen Sie mir, ich habe gemordet!"
Der Rabbi weicht erschrocken zurück und fährt den Mann scharf an: "Schwer ist Deine Sünde, und sie fordert Rache und Vergeltung. Ich kann Dir nicht helfen, denn es heißt ‚Aug um Aug, Zahn um Zahn!'"
Ungetröstet stürzt der Mann davon. Der nächste, an
den er sich wendet ist ein Guru, einer der eingeweiht ist in die esoterischen Lehren: "Großer Meister, helfen Sie mir, ich habe gemordet!"
Der große Guru unterbricht nur widerwillig seine Meditation und spricht dann salbungsvoll die weisen Worte: "Mein Sohn, alles Leben ist Schein. Es gibt weder gut noch böse. Durchschaue den Schein und lass dich von Deinen Taten nicht beunruhigen, auch sie sind nur Schein! Meditiere und erkenne dich selbst."
Nun, jedenfalls geht der Mann ungetröstet weg. Schließlich landet er vor einem Beichtstuhl. Es brennt Licht, und so geht der Mann hinein und kniet nieder. Angstvoll stammelt er: "Bitte helfen Sie mir. Ich habe gemordet!"
Einen Augenblick ist es ganz still hinter dem Gitter des Beichtstuhls, und man hört, wie der Priester schluckt. - Dann tönt seine sanfte, gütige Stimme aus der Finster-
nis des Beichtstuhls: "Wie oft, mein Sohn?" 

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Weihbischof Laun aus Salzburg hat dies veröffentlicht und schreibt dazu: Diese Geschichte verdanke ich P. Karl Wallner vom Stift Heiligenkreuz. Sie veranschau-
licht treffend die Haltung der Kirche. – Pater Wallner: "Wo die Sünde nicht eingestanden wird, da muss die Kirche mahnen und warnen. Wo die Sünde erkannt und bekannt wird, da ändert sich das Verhalten der Kirche völlig: da wird sie zur barmherzigen Mutter, die tröstet, verzeiht und aufrichtet."
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Die heutigen Predigtgedanken können Sie per E-Mail bei mir anfordern oder selbst herunterladen (Link funktioniert bis mindestens 1.10.2012):
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