08.02.2012

Predigt 6. Sonntag im Jahreskreis B - 12.02.2012

(Fortsetzung)

Denken wir dabei nicht nur an die ersten wahrscheinlich etwas unangenehmen Gefühle, sondern auch über den eigenen Tellerrand hinaus? Denken wir beispielsweise daran, wie sich
ein Dauer-Arbeitsloser fühlt, der nicht mehr alle Aktivitäten so finanzieren kann wie seine Bekannten? Wenn man mit jemand spricht, der sich so in unserer Gesellschaft an den Rand ge-
drängt fühlt, hört man oft ganz bittere Sätze wie diesen:
„Ich fühle mich wie aussätzig, für manche bin ich regelrecht ge-
storben, die meiden jetzt auf einmal den Kontakt mit mir!“

Dabei wird gerne verdrängt, wie schnell einem das selber passieren kann. Nie werde ich die Begegnung mit einem sogenannten Penner vergessen; es war ein sommerliches Gespräch auf einer Parkbank. Oberstudienrat war er. Mit ein wenig Stolz zeigte er mir im Laufe des Gespräches einige Dokumente, die das bewiesen. Doch dann kam der Absturz. Das große Haus war gerade gebaut und hoch verschuldet, da verließ ihn die Frau mit den Kindern wegen eines anderen. Das Haus fiel an die Bank, weil das Geld nicht für die Zinsen reichte, die Schulden aber blieben trotzdem zum größten Teil. Und es blieb ein unendlich tiefer Schmerz, der ihn immer öfter zur Flasche greifen ließ.
Fast zwangsläufig folgte die Entlassung aus dem Schuldienst und das vorläufige Ende mit einem Leben auf der Straße.
Ja, das kann mitunter ganz schnell gehen, dass es einen selber trifft. Davon erzählt auch das heutige Evangelium. Da begegnet uns ein Mann, der Aussatz hat. Weder der Ort des Geschehens noch der Name des Mannes werden genannt. Es kann demnach also überall und mit jedem so geschehen.
Aussatz ist dabei nicht automatisch identisch mit der auch heute noch weit verbreiteten Lepra-Erkrankung. „Aussätzig“ war damals eine Art Oberbegriff für alle möglichen Hautkrankheiten. Da die meisten nicht behandelbar waren und Ansteckungsgefahr be-
stand, waren die Aussätzigen total isoliert. Sie mussten nach einer Begutachtung durch die Jerusalemer Tempelpriester die Gemeinschaft verlassen, irgendwo draußen z.B. in Höhlen hausen und zusätzlich zum Zeichen ihrer Erkrankung zerrissene Kleidung tragen und die Haare ungepflegt lassen. So sah man nämlich schon von weitem, mit wem man es da zu tun hatte.
Kam es trotzdem
zu einem näheren Sichtkontakt, dann musste der Kranke laut schreien: „Unrein, unrein!“ – Falls ein Aussätziger es damals wagte, näher als etwa zehn Schritte auf einen Gesunden zuzukommen, dann durfte man mit Steinen nach ihm werfen.
So war das Schicksal der Kranken ein für allemal besiegelt. Sie vegetierten irgendwo vor sich hin und konnten froh sein, wenn man in der Nähe Essensreste für sie deponierte. Sie waren lebendig und im Grunde doch schon tot. Man hatte sie einfach abgeschrieben.
Am schlimmsten traf die Betroffenen dabei, dass sie auch ausdrücklich als unrein vor Gott galten. Klar, dass sie keinen Gottesdienst mehr besuchen durften. Noch schlimmer war aber die Schuldzuweisung durch die anderen: Die Erkrankung galt damals als Strafe Gottes. Wer Aussatz hatte, war also von den anderen exkommuniziert und vermeintlich auch in den Augen Gottes. So jemand lebte Monat für Monat, Jahr für Jahr dahin ohne jede Hoffnung, von Eitergeschwüren stinkend und voller Schmerzen in Leib und Seele.
Der Aussätzige im heutigen Evangelium hat irgendwie mit-
bekommen, dass Jesus schon bald auf seinem Weg an ihm vorbeiziehen wird. Der Mann hat vielleicht Nerven! - Er ergreift die Chance seines Lebens, ohne sich um die ganz klaren Spielregeln zu scheren. Unerhört: Der Aussätzige missachtet
den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand und geht schnur-
stracks auf Jesus zu. Er gibt dabei auch nicht den verpflichtenden Warnruf „Unrein, unrein!“ ab.
Also wirklich – so eine Unverfrorenheit, so eine Frechheit!
Wie wird Jesus reagieren?
Wenn er seinerseits das Gesetz zum Schutze der Gemeinschaft beachtet, dann muss er nun nach einem warnenden Zuruf
auf jeden Fall mit Steinen nach diesem dreisten Subjekt werfen! Und der ist eindeutig selber schuld, wenn er dabei ordentlich was abkriegt!
Jesus aber bleibt ruhig. Er macht ganz offensichtlich keinerlei Anstalten, diesen Mann zu vertreiben. Knisternde Hochspannung liegt in der Luft: Wie wird das wohl ausgehen?
Der Aussätzige wird nun noch mutiger und fällt direkt vor Jesus auf die Knie: „Wenn du willst, kannst du machen, daß ich rein werde.“ - Man beachte: der Mann bittet nicht darum, gesund
zu werden. Nein, er will ausdrücklich rein werden! Es geht ihm nicht nur um körperliche Gesundung. Vor allem will er rein werden, damit er von der Gemeinschaft und von Gott endlich wieder angenommen wird.
Seine Krise, sein enormer Leidensdruck hat diesen Mann dazu getrieben, alles zu riskieren, alles auf eine Karte zu setzen. Vermutlich hätte er sich nicht sonderlich für Jesus interessiert, wenn er nicht von dieser Krankheit geplagt würde. Doch jetzt setzt er alle Hebel in Bewegung. Das Knien war damals eine nur im Gottesdienst und vor dem König übliche Demutsgeste. Indem er sich vor Jesus hinkniet, signalisiert der Aussätzige schon ohne Worte: Du bist der Herr, du bist der König – vor dir werfe ich mich in den Straßenstaub!
Und dann wartet er nicht erst auf eine Reaktion Jesu, sondern der Kranke beginnt mutig das Gespräch mit dem Eingeständnis: „Wenn du willst…“ - das heißt: ich vertraue dir und ich weiß,
du
bist so mächtig, dass du das kannst. Aber nur Dein Wille soll geschehen – ich beuge mich dem!
Jesus ist einfach nur erschüttert. Vielleicht haben ihm sogar die Tränen in den Augen gestanden, als er das Leiden, aber auch den Mut dieses völlig verzweifelten Mannes sah.
Im griechischen Urtext steht nicht nur „Jesus hatte Mitleid mit ihm“ wie in der offiziellen deutschen Über-
setzung. Da steht
das seltsame Wort „splanchnisteis“. – Und das heißt so viel wie: bis tief in die Eingeweide hinein erschüttert und ergriffen sein. Heute sagen wir so ähnlich:
das ging mir durch Mark und Bein.
Der Schmerz des Mannes wird in diesem Moment also auch zu Jesu Schmerz. Das ist Mitleid pur. Jesus weiß: Da darf, da kann ich mich nicht wie die anderen angeekelt umdrehen. Da darf ich mich nicht auf die bekannten Vorschriften zurückziehen. Da muss ich einfach handeln, um der Liebe Gottes willen.
So heißt es im Bibeltext weiter: „Jesus hatte Mitleid mit ihm;
er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein!“

Auch hier müssen wir genau auf jedes Wort achten – das ist nicht einfach so dahergesagt! - Jesus streckte die Hand aus, heißt es. Das hätte er doch gar nicht nötig gehabt – ein einziges Macht-
wort von ihm hätte genügt, um den armen Kerl gesund zu machen. Warum also tut Jesus das nur?
Die Hand ausstrecken – das erinnert Bibelkundige sofort daran, dass im Alten Testament oft die ausgestreckte Hand Gottes im Spiel ist, wenn es um sein machtvolles Eingreifen geht. Jesus streckt die Hand aus – das ist also ein göttliches Machtzeichen!
Doch damit nicht genug: er berührt ihn auch noch!
Bei den jüdischen Zuhörern damals wird helles Entsetzen geherrscht haben: Mit dieser Berührung hat Jesus sich quasi infiziert – er selbst ist nun automatisch auch unrein geworden.
Er darf damit z.B. nicht mehr an einem Gottesdienst teilnehmen, wenn man das Gesetz korrekt auslegt. Er hat die damaligen Spielregeln bewusst ignoriert. Jesus hat mit der Berührung jede Grenze der medizinischen Vernunft überschritten. Wie konnte er nur so etwas Furchtbares tun?
Wir heute ver-
stehen, dass es Jesus genau darauf ankam: Er wollte diesen Mann berühren. Dabei ging es ihm nicht um einen Tabu-
bruch, um eine Provokation der Priester, sondern es ging ihm jetzt um diesen konkreten Menschen, der da vor ihm im Staub kniete. Natürlich hätte er es mit einem Machtwort bewenden lassen können. Jesus jedoch wollte bewusst das stärkstmögliche Zeichen setzen: Schaut, was ich hier mache! - Gott ekelt sich vor keinem Menschen!
Man mag in den Augen der Menschen noch so schmutzig, noch so unrein sein – bei Gott zählt das überhaupt nicht, denn er sieht tief in das Herz jedes Einzelnen. Dieser Mann ist vor Gott eben nicht exkommuniziert!
Gott hat Gemeinschaft mit diesem und allen anderen Leidenden. Gott erklärt sich damit solidarisch mit allen auf der Welt, die ungerecht ausgeschlossen, abgelehnt und totgesagt werden.
Für Gott gibt es nämlich keine hoffnungslosen Fälle, sondern nur geliebte Kinder. Vorausgesetzt, diese lehnen das nicht selber ab.
Dieses starke Bild wird durch die deutsche Übersetzung „er be-
rührte ihn“
eigentlich nur sehr unvollkommen wiedergegeben.
Der griechische Ausdruck „hapte-in“ heißt mehr als nur berühren. Er wird verwendet für anfassen und für umarmen! Jesus hat diesen Mann, der sich wahrscheinlich mittlerweile vor sich selber ekelte, also regelrecht umarmt!
Er hat ihn fest an sich gedrückt, wie man ein Familienmitglied oder einen anderen lieben Menschen drückt. Mehr Solidarität geht nun wirklich nicht! Jesus ist ihm ganz nahe gekommen, so nahe wie es nur geht, wirklich ganz hautnah!
Jesus hat keine Furcht. Er ist ja der Reine, der alle Unreinheit überwindet, indem er das Unreine, unsere Sünden, am Kreuz
auf sich laden wird. Er ist so unbeschreiblich rein, dass diese Krankheit des Aussätzigen ihm nichts anhaben kann.
Jesus erhört das Flehen dieses Mannes und heilt ihn auf der Stelle. Uns fällt aber auf, dass Jesus dem Mann noch Haus-
aufgaben aufgibt: „Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis sein.“
Zum einen soll der Geheilte also über das Geschehene schwei-
gen. Jesus will wohl nicht, dass er von den Leuten nur als Wunderdoktor gesehen und überrannt wird. Die Gefahr besteht, dass dabei seine Hauptbotschaft vom Reich Gottes bei den Leuten auf der Strecke bleibt. Zum anderen nötigt er den Mann, sich unverzüglich bei den offiziellen Stellen zu melden und sich dort untersuchen zu lassen. Außerdem soll der Geheilte das vorgeschriebene Opfer darbringen.
Jesus will also, dass der Mann die bekannten Gebote beachtet, die in diesem Falle gelten. Er will, dass der Mann seine Ge-
sundung nicht nur selbst erlebt, sondern sie auch ausdrücklich von zuständigen Priestern bestätigt bekommt. Erst dann ist er auch offiziell geheilt. Erst dann wird er faktisch wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, auch in die Gottesdienst-Gemeinschaft. - Dies ist sicher ein kluger Rat Jesu. Wieder ge-
sund ist eben behördlicherseits nicht derjenige, der sich gesund fühlt, sondern wer es auch schriftlich hat.
Ob der Mann sich daran hält – wir wissen es nicht. Das Schwei-
gegebot jedenfalls bricht er. Überall erzählt er herum, was ihm passiert ist. Vielleicht will er endlich einmal im Mittelpunkt stehen, sich wie ein Star fühlen. Für Jesus heißt das leider, wie be-
fürchtet, dass er dem gewaltigen Ansturm ausweichen muss, indem er die Städte in der Umgebung eine Zeitlang meidet.
Haben wir Christen heute eigentlich aus dem Geschehenen gelernt?
Haben wir selbst aufmerksam registriert, wie Jesus hier mit diesem armen Menschen umgegangen ist?
Machen wir doch einfach den Allergie-Test Jesu:
Wo und wem gegenüber reagieren wir als bekennende Christen immer noch zu ablehnend?
Auch wenn es schwerfällt: Wir sind weder die Richter noch die Saubermänner der Welt. Überlassen wir dies getrost Gott.
Bevor wir unseren vorhandenen Berührungsängsten freien Lauf lassen, ist es gut, wenn wir innehalten:
Habe ich nicht auch irgendwo einem wunden Punkt?
Wo halte ich Abstand, weil mir eine Meinung oder eine Nase nicht passt?
Wo trage ich noch Verletzungen aus der Vergangenheit mit mir herum, die mich belasten und meinen Blick trüben?

Wir beten so gerne im Vaterunser „Dein Wille geschehe“, und wir beten vor der Kommunion alle laut: „Herr, ich bin nicht würdig…!“ - Die Frage ist nur, ob wir das nur als feierliche Worte verwenden oder ob dies uns auch wenigstens ein Stück weit in unserem Alltag trägt.
Wenn wir uns dessen bewusst sind, wie unrein auch wir vor Gott trotz sämtlicher moderner Waschmittel sein können, dann fällt es uns auch leichter, den Schmutz anderer auszuhalten.
Porentief rein, fasertief rein, piccobello sauber – nein, das sind wir wirklich nicht! Aber dennoch streckt der Herr der Welt die Hand aus, und wir alle dürfen heil werden, Gott sei Dank!

Predigt Pfr. Dr. J. Sieger: Gott hat Mitleid. Er hat es erfunden
>>> BITTE KLICKEN !
Uni Heidelberg, Predigt Walter Boes (pdf)
>>> BITTE KLICKEN !
Predigt Pfr. Jürgen Grote (ev.): Eine Ungeheuerlichkeit
>>> BITTE KLICKEN !
Pfr. Dr. Johannes Holdt: Mit Gottes heilender Macht rechnen
>>> BITTE KLICKEN !
Predigt Pfr. Johannes Beyerhaus: „Wenn du willst“ (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Predigt Pfr. Gunter Bareis (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Lesehilfe des Katholischen Bibelwerkes (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
>> BITTE KLICKEN !
Pater Damian de Veuster, Helfer der Lepra-Kranken
>>> BITTE KLICKEN !
Video: Pater Gerhard’s Kampf gegen AIDS ( lauter stellen!)
>> BITTE KLICKEN !
Mein Artikel über seine Arbeit
>> BITTE KLICKEN !

Dem da,
dem anderen,
dem x-beliebigen,
dem wildfremden,
der mir wurscht ist,
der mich nichts angeht,
dem man nicht vertrauen kann,
dem man besser aus dem Weg geht,
dem man's schon von weitem ansieht,
dem da, dem Spinner, der nicht so tun soll,
dem es noch leid tun wird,
der mir's noch büßen soll,
der noch was erleben kann,
dem ich's noch zeigen werde,
der mir die Stolpersteine in den Weg gelegt hat,
dem da - dem wünsche ich Frieden !


(Quelle leider unbekannt)

Bei einer Privat-Audienz im Vatikan gratuliert ein Teilnehmer der kleinen Gruppe dem Papst zum Namenstag. Papst Benedikt schaut etwas verdutzt drein: „Wieso, heute ist doch nicht Benno oder Benedikt?!“ Doch schon folgt seitens des Gratulanten der entscheidende Hinweis: „Das nicht, aber heute ist doch der Sechzehnte…!“
Der Papst besucht die Philippinen. Ein vorwitziger Reporter drängelt sich durch die Menge vor einer Kirche und fragt den Papst: „Werden Sie in Manila auch Nachtclubs besuchen?“ –
Der Papst versucht den Ball zurückzuschießen, indem er fragt: „Gibt es hier denn überhaupt Nachtclubs?“
Entsetzen am nächsten Tag: Der Privatsekretär des Papstes hat die örtlichen Zeitungen gekauft. Titelschlagzeile auf Seite 1: „Papstbesuch: Seine erste Frage: Gibt es hier Nachtclubs?“


Sie können diese Predigt auch selbst herunterladen
(Link funktioniert bis mindestens 15.3.2012):
- als pdf-Datei >> BITTE KLICKEN !
- als WORD-Datei >> BITTE KLICKEN !
- Kurzfassung (pdf) >> BITTE KLICKEN!

zurück zur PREDIGTGARTEN-Hauptseite
>> BITTE KLICKEN !

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Zur Zeit keine Kommentare möglich.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.