22.03.2011

3. Fastensonntag A - 27.3.2011

(Fortsetzung)

Kein Wunder aber auch, dass die Samaritaner nach dieser beleidigenden Ablehnung etwa um 450 v.Chr. ihr eigenes Heiligtum auf dem Berg Garizim bei Sichem (heute: Nablus, im Palästi-
nensergebiet) errichteten.
Das wiederum reizte die fromme Jerusalemer Chefetage so sehr, dass man im Jahr 128 v.Chr. alle Frömmigkeit beiseite ließ und das Heiligtum der Glaubensbrüder in Samarien zerstörte und dem Erdboden gleich machte. Ein schwieriger und geschichtsträchtiger Landstrich ist das also.
(Jacob-van-Oost: Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen)
Zwei Kilometer vor der Ortschaft Sychar macht Jesus in der glühenden Mittagshitze am Jakobsbrunnen Rast. Dieser uralte Brunnen steht auf einem Grundstück, das ein berühmter Vorfahre und „Urvater“ des jüdischen Glaubens gekauft hatte: Jakob, der Sohn Isaaks.
Nun will Jesus sich erschöpft von der anstrengenden Wanderung erst einmal eine Pause gönnen. Damit er dabei auch wirklich mal zur Ruhe kommen kann, schickt er seine Jünger alle zum Proviantkauf in den Ort.
(Jakobsbrunnen, Foto von 1869)
Doch aus seinem „Hitzefrei“ wird offensichtlich nichts, denn eine Frau nähert sich, um gerade jetzt aus diesem Brunnen Wasser zu schöpfen. Das ist verdächtig, denn üblicherweise gingen die Frauen gemeinsam und in der Kühle des Morgens oder Abends den Weg zum Brunnen. Hier traf man sich natürlich auch zum Austausch der aktuellsten Neuigkeiten und Klatschgeschichten. Heute würde man sagen: der Brunnen war ein echtes Kommunikationszentrum.
Diese Frau jedoch geht in der Gluthitze mit dem schweren Krug die zwei Kilometer hin und wieder zurück, und das Tag für Tag, Jahr für Jahr. Sie braucht Wasser zum Trinken, zum Waschen, zum Kochen, für das Vieh. Ganz klar: Sie geht erkennbar zu einer Zeit,
bei der sie sicher sein kann, niemanden am Brunnen anzutreffen. Sie meidet also den Kontakt mit den Bewohnern des Ortes.
Dafür hat sie einen guten Grund: sie leidet nämlich entsetzlich darunter, dass sie zum Gespött der anderen Dorfwohner geworden ist. Oft genug musste sie sich dumme Bemerkungen über ihren Lebenswandel anhören und verächtliche Blicke ertragen.
Es ist, als wenn das Leben einen dicken Grauschleier um ihr Herz gelegt hätte.
Sie kann jetzt einfach nicht mehr. Ihre Kräfte reichen nicht mehr, um dem Geschwätz immer wieder standzuhalten. Lieber nimmt sie diese tägliche Qual der Hitze auf sich. Natürlich weiß sie selbst auch, dass sie nicht rein zufällig das „Schwarze Schaf“ des Ortes ist. Fünfmal war sie verheiratet, und nun lebt sie mit dem sechsten Mann unverheiratet zusammen. Unerhört ist das!
Aber offenbar fragt sich niemand im Ort, warum das eigentlich
so ist.
Wurde sie von ihren Männern verstoßen, vielleicht wegen Krankheit oder weil sie keine Kinder bekommen konnte?
War sie vielleicht Witwe?
Auch wir erfahren es nicht. Noch nicht einmal ihren Namen erfahren wir. Sie bleibt für uns namenlos, und namenlos ist auch ihr Leid.
Ohne Mann wäre sie damals unversorgt und hilflos. Also lebt sie wieder mit einem zusammen. Heiraten darf sie ihn ohnehin nicht, denn fünf Heiraten sind die gesetzliche Obergrenze zu damaliger Zeit. Aber für die, die sich die Mäuler über sie zerreißen, ist sie natürlich abgestempelt. Das ist eine, die sich mit immer neuen Männern abgibt.
Nun trifft diese Frau am Brunnen auf Jesus. Der ist nicht nur müde, sondern vor allem durstig, sehr durstig. Jesus spricht die Frau an und bittet sie: „Gib mir zu trinken!“ Jesus war dazu schon auf ihre Hilfe angewiesen, denn ohne einen Eimer oder Krug konnte man kein Wasser aus der Tiefe des Brunnens nach oben holen.
Wir halten die Szene wahrscheinlich für ebenso belanglos wie selbstverständlich, aber das war sie keineswegs. Wie man aus der erstaunten Reaktion der Frau ablesen kann, hat Jesus hier einen echten Tabu-Bruch begangen. Sie macht ihn deshalb sofort höflich auf sein aus der Sicht jüdischer Gesetzesfrömmigkeit ungehöriges Verhalten aufmerksam, um ihn zu warnen und zu schützen: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“
An der Kleidung war er eindeutig als Jude und Rabbi aus dem jüdischen Kernland erkennbar. Und für die waren die Samariter
doch bekanntlich „Luft“; man ignorierte sie (vgl. z.B. Joh 8,48) und behauptete oft sogar , diese seien vom Teufel besessen.
Doch Jesus hat sich sogar noch weiter gefährlich aus dem Fenster hinausgelehnt: wer als Jude aus einem Gefäß eines Samariters trank, machte sich zusätzlich auch noch kultisch unrein. Außerdem war es für einen Rabbi völlig undenkbar, von sich aus eine Frau anzusprechen, zumal beide alleine auf weiter Flur waren. Dies wird auch im späteren Verlauf an der geschockten Reaktion der zurückgekehrten Jünger ablesbar: „Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?“ - Die Jünger Jesu trauen sich wohl nicht, ihrem Meister deswegen Vorwürfe zu machen.

Irgendwo spürt man, dass diese einfache Frau es gut meint mit dem Fremden, um ihm zu erwartenden Ärger zu ersparen. Jesus be-
kommt so allerdings erst einmal noch nichts zu trinken…
Der Durst hingegen bleibt weiterhin Thema der beiden. Allerdings gibt es nun ein kleines Verwirrspiel um Begriffe fast wie beim „Teekesselchen“-Ratespiel, bei dem ein einziger Begriff für verschiedene Bedeutungen steht (z.B. Brücke kann sein Brücke über den Fluss, Brücke auf dem Schiff, Zahnersatz, kleiner Teppich…).
Beim Zusammentreffen von Jesus mit der namenlosen Frau am Brunnen geht es um Durst und um „lebendiges Wasser“. Die Frau einerseits denkt da ganz praktisch und hofft offenbar darauf, sich durch die Hilfe Jesu zukünftig das mühsame tägliche Wasser-
schleppen ersparen zu können.
Jesus meint dagegen das „Wasser des Lebens“ , das er allen schenkt, die an ihn glauben. Für diese Menschen wird er zum wirklichen Durststiller, der die Durststrecken im Leben endgültig beendet und die „sprudelnde Quelle“ für sie selbst und für andere wird.
Denken wir dabei auch an die Taufe und auch an das Weihwasser, mit dem wir uns beim Besuch der Kirche bekreuzigen!
Das Gespräch zwischen der Frau und Jesu wird nun heikel, denn Jesus spricht jetzt ganz gezielt den wunden Punkt im Leben dieser Frau an: „Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her!“
Die Frau lässt das unangenehme Gesprächsthema zu, sie blockt nicht ab, sondern geht darauf ein und ist völlig überrascht, als Jesus ihr auf den Kopf zusagt, wie viele Männer sie schon hatte und wie sie jetzt lebt. Im Angesicht Jesu kann diese Frau etwas tun, was sie bisher noch nicht konnte: ihre traurige Lebenswahrheit selbst sehen und sie aussprechen. Zu Jesus hat sie erstaunlicherweise sofort Vertrauen gefasst. Für sie ist blitzartig klar, dass dieser Mann, der die Geheimnisse anderer sehen kann, ein Prophet sein muss.
Jesus hat ihr keinerlei Vorwürfe gemacht, sondern nur Klartext über ihre Lage ge-
sprochen.
Die verzweifelte Frau saugt seine Worte dennoch auf wie ein trockener Schwamm: Dieser Mann kennt ihre dunkle Seite, aber er spricht trotzdem mit ihr ganz auf Augen-
höhe, ohne den üblichen verächtlichen Blick, ohne bissigen Kommentar.
Dieser Mann sieht das Scheitern in ihrem Leben, aber er sieht auch ihre tiefe Sehnsucht nach Glück, nach wirklicher Liebe, nach einem gelungenen Leben. Es tut ihr einfach gut, sich endlich einmal nicht verstecken zu müssen!

Diese Frau kann als Beispiel dienen für alle Menschen, die innerlich unerfüllt, leer und unzufrieden sind – und wer ist das nicht bisweilen?
Diese Frau springt bei Jesus gewissermaßen über ihren eigenen Schatten und vertraut sich ihm an. Er sieht ihren Durst und er sieht auch unseren Durst, und dabei geht es um mehr als um Brunnen-
wasser!
Wer sich aber wie diese Frau fälschlich ausrechnet, dass man mit Jesu Hilfe nie mehr den mühsamen Weg des Alltags gehen muss, der hat Jesus nicht verstanden. Gott ist nicht dazu da, uns das Leben möglichst faul und bequem zu machen. Er nimmt uns das Leben nicht aus der Hand, aber er zeigt uns die Richtung, wo unser Leben unter seiner Regie hinführen wird.
Die Frau am Brunnen hat Jesus auf-
merksam zugehört. Und offenbar hat sie doch eine gute Portion religiöses Wissen und ist gläubig, denn es entwickelt sich ein Gespräch über die rechte Anbetung auf den heiligen Bergen der zerstrittenen jüdischen Glaubensbrüder und über den Messias.
Im Bibeltext heißt es: „Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte - Christus. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.“
Hier sind wir am Kernpunkt des vertrauensvollen Gespräches angelangt: Jesus bestätigt, was die Frau in ihrer Sehnsucht eigentlich schon erahnt hat. Ja, er ist es, der Messias, der lange erwartete!
Jesus offenbart sich ausgerechnet einer Frau, deren Vorgeschichte alles andere als rühmlich ist. Irgendwo ist das sehr tröstlich, dass sich Jesus gerade der Kranken, der Leidenden, der seelisch Verwundeten annimmt, wie wir immer wieder in der Bibel erfahren dürfen. Er ist der Hirte, der dem verlorenen Schaf nachgeht.
Und Jesus nimmt den Menschen erst einmal so an, wie er ist.
So war es z.B. auch bei seiner Begegnung mit dem habgierigen Zöllner Zachäus, der sich daraufhin bekehrte und angerichteten Schaden wieder gutmachte.
Jesus ist eben der Messias für alle, auch für die mit den schwarzen Flecken auf der weißen Weste. Das bedeutet aber auch für uns heute, dass niemand seine Fehler vor Jesus verstecken muss. Jesus liebt uns nicht, weil wir immer so brav sind. Jesus liebt uns, weil wir Gottes Kinder sind, die nicht verloren gehen dürfen. Das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben!
Die Frau im heutigen Evangelium ist jetzt außer sich vor Freude!
Sie traut sich deshalb was, worüber wir nur staunen können.
Sie rennt ins Dorf und verkündet lautstark, was sie erlebt hat. Es gibt kein Verstecken mehr – keine Angst mehr vor den anderen! Sie lebt wieder!
Und das Tollste: ihren gefüllten Wasserkrug hat sie einfach am Brunnen stehen lassen, um schneller laufen zu können!
Dieses Wasser ist ihr im Moment gar nicht wichtig, denn sie hat für sich „lebendiges Wasser“ gefunden!
So wird ausgerechnet dieses „Schwarze Schaf“ zum mutigen Zeugen und Bekenner für Jesus. Ist das nicht wunderschön?
Die Samariter im Dorf sind neugierig geworden, und dabei haben sie es jetzt so eilig, zu Jesus zu kommen, dass sie aus dem Ort hinaus rennen. Und das will schon etwas heißen in der Mittagshitze!
Was Jesus ihnen nun sagt, ist leider nicht bekannt, aber es ist offenbar so über-
zeugend, dass sie ihn bitten, eine Zeitlang bei ihnen im Ort zu bleiben. Wie es im Bibeltext heißt, kommen viele dabei zum Glauben.
Hier wird aber auch wieder deutlich: Nicht alle kommen zum Glauben. Jeder muss sich selbst entscheiden, ob er auf Jesus
hört und seine Botschaft für sich selbst annimmt. Über alle von Menschen gesetzten Grenzen hinweg finden sich Glaubende,
die den „Retter der Welt“ erkennen.
So muss sich bis heute jeder selbst in seinem Innersten fragen, wo er oder sie Vorurteile pflegt und Grenzen zieht. Vor allem aber wird hier wieder deutlich, dass nicht diese oder jene Konfession oder Kirchenmitgliedschaft vor Gott letztlich entscheidend ist,*) sondern mehr als nur das, nämlich das ganz persönliche „Ja-Wort“ eines Menschen zu Jesus. In diesem Sinne: Lassen Sie doch auch Ihren Durst stillen!

*) Vor Gottes Richterstuhl wird mancher, der nicht katholisch ist, vielleicht viel katholischer dastehen als jemand, der nur auf dem Papier katholisch ist und sich um seinen Glauben im Alltag wenig schert.

Predigt Eberhard Gottsmann: „Eine gelehrige Schülerin“
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Predigt Pfr. Dr. Robert Nandkisore (pdf)
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Predigt Pfr. Karl Sendker
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Predigt Pfr. Josef Mohr
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Predigt Pater Jürgen Heite
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Lesehilfe des Katholischen Bibelwerks (pdf)
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Material von „Alles um die Kinderkirche“ (pdf)
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Predigt Pfr. Phil Schmidt: „Grenzüberschreitende Versöhnung“
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zum Anhören: die Marburger Theologin Dr. Judith Hartenstein im Kölner Domradio über die Frau am Jakobsbrunnen ( ca. 5 min.)
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Bibelarbeit Kloster Drübeck: „Ich habe Durst“ (pdf)
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Exerzitienwoche „Wasser“ (pdf)
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Hinweis für die Männer
Ein Pfarrer hatte folgendes Plakat an seine Kirchentür gehängt, um laue Männer als Kirchgänger zu ermuntern: „Beim ersten Mal hat Ihre Mutter Sie hierher gebracht, später Ihre zukünftige Frau. Eines Tages werden Ihre Freunde Sie trauernd hierher geleiten. Versuchen Sie doch auch mal, von alleine zu kommen!“

Männerfeindlicher Witz
Warum wanderte das Volk Israel unter der Führung des Mose
40 Jahre lang durch die Wüste? - Ist doch klar: Weil Männer sich genieren, unterwegs nach dem richtigen Weg zu fragen!


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