29.03.2011

4. Sonntag der Fastenzeit A - 3.4.2011

(Fortsetzung) - z. Z. in Arbeit. Fertig Mittwoch 10 Uhr -

Interessant ist auch,
woher Jesus gerade kommt, was im heutigen Text nicht erwähnt wird: Soeben hat Jesus fluchtartig das Tempelgelände verlassen, weil man ihn dort wegen seiner angeblich gottes-
lästerlichen Reden steinigen wollte!
Gewissermaßen auf der Flucht vor den Schriftgelehrten, die
ihn hartnäckig ablehnen, trifft Jesus diesen armen Menschen, dessen Namen wir nicht einmal erfahren. Er hat für uns keinen Namen, denn er steht als Beispiel für viele Geschöpfe Gottes mit ähnlich traurigem Schicksal.
Offenbar hat dieser Mann sich an sein bescheidenes Leben am Rande des Existenzminimums gewöhnt und akzeptiert still die vermeintliche Strafe Gottes, obwohl er ja von Geburt an blind war und somit selbst gar keine Schuld auf sich geladen haben kann. Er hat offensichtlich längst resigniert und macht erst gar keinen Versuch, Jesus anzusprechen. Er ist eben mit Blindheit ge-
schlagen, und fertig!

Jesus sieht das offenbar anders. Er unterbricht seinen eiligen Rückzug aus dem Tempel und nimmt sich sogar in dieser Situation dieses Mitmenschen an, dem er über den Weg läuft.
Er signalisiert damit: Gottes Strafe ist es ganz bestimmt nicht, wenn ein geliebtes Geschöpf seiner Würde beraubt wird. Erst die Menschen mit ihrer eigenmächtigen Interpretation von Krankheit und Schuld verursachen das wirkliche Unglück eines Menschen, der nicht angenommen wird.
Dabei kommt es interessanterweise gar nicht zu einem Gespräch. Jesus fragt den Blinden überhaupt nicht, ob der geheilt werden will. Und dieser erfährt offenbar gar nicht so richtig, mit wem er es da zu tun hat. Im Text heißt es nur knapp: „Jesus spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach!“
Der Teich Shiloach (oder Shiloah), erst vor wenigen Jahren von Archäologen ausgegraben, war ein Teich in der Nähe des Tempels von Jerusalem, der der Wasserversorgung diente und von der Gihonquelle gespeist wurde. Diese Quelle war berühmt; so wurde z.B. Salomo dort zum König über ganz Israel gesalbt. - Durch ein aufwändiges Tunnelsystem wurde das Wasser zum Teich geleitet.
Beim jährlichen Laubhüttenfest (Sukkot) schöpften die Priester Wasser aus dem Shiloah-Teich und trugen es in einem goldenen Krug in den Tempel. Dort wurde es in einer festgelegten Zere-
monie über den Altar gegossen, verbunden mit der Bitte an Gott, die Äcker der trockenen Region mit ausreichend Regen zu versorgen.
Auffallend ist: Die alleinige Initiative in unserem heutigen Text liegt bei Jesus; der Blinde folgt erst einmal nur dessen An-
weisungen. Wenn Jesus dann einen Teig aus Erde und Spucke formt, war dies damals nicht neu: Speichel wurde in der antiken Medizin häufig bei Augenleiden verwendet. Das Lecken von Wunden ist auch heute noch bekannt, nicht nur im Tierreich.
Der Lehmteig erinnert sehr an die Schöpfungsgeschichte, bei der Gott den Menschen aus Erde formt. In der heutigen Stelle formt Jesus einen Menschen neu, weil er Mitleid mit ihm hat. Dass die Szene unmittelbar nach der drastischen Ablehnung Jesu im Tempel geschieht, lässt auch die Vermutung zu, dass Jesus hier zugleich seinen Gegnern aus dem Tempel demonstriert hat, wer er ist und wie wahr seine Worte sind.
Der Blinde lässt sich jedenfalls die Behandlung gerne gefallen und geht auch sofort - wie von Jesus befohlen - zum Teich Shiloah, einem etwa 15 mal 5 Meter großen Wasserbecken mit Stufen. „Shiloah“ heißt übersetzt ins Deutsche „Gesandter“, das verwandte Wort „Schiloh“ bedeutet „der Herr-
schende“. -- Uns heute ist sofort klar, dass Jesus dies auf sich bezieht. Er hätte ja ohnehin diesen Menschen einfach nur durch ein Wort heilen können, ohne den Speichelteig und ohne das zusätzliche Waschen im Teich Shiloah. Wenn er das Wunder (Johannes spricht von „Zeichen“) aber so wie hier beschrieben getan hat, dann hat dies seinen tiefen Grund. Es wird konkret etwas getan, gewissermaßen etwas „gearbeitet“: Jesus macht ein bisschen Teig, und der Blinde muss sich die Mühe machen, ein Stück weit allein zu gehen.
Erst im weiteren Verlauf des Textes erfahren wir den Sinn dessen im heutigen Bibeltext: „Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.“ Jesus wirkte dieses Zeichen also an einem Sabbat, an dem Tag also, der ganz Gott geweiht sein soll, an dem jede Arbeit ruhen musste. Mit dieser Feiertagsarbeit demonstriert Jesus, wie dringend und unaufschiebbar es für den liebenden Gott ist, dass diesem Mann aus seiner Not herausgeholfen wird. - Die Nachbarn und Bekannten allerdings, die den Bettler nun sehend erlebten, hatten so ihre Probleme mit seiner Heilung:
Wie konnte das nur geschehen? Ist er es überhaupt?
Da die Pharisäer und Priester ohnehin dafür zuständig waren, jemanden gewissermaßen amtlich für geheilt zu erklären, brachten die Nachbarn den Geheilten zum Tempel. Erst nach
der Bestätigung durch die religiöse Obrigkeit war ein Geheilter auch wirklich wieder kultisch rein und gehörte nicht mehr zu den „exkommunizierten“ Unreinen, denen man aus dem Wege gehen musste.

Der Blinde kann endlich sehen! Was für ein Glück! -
Doch sein Glück dauert offenbar nicht gerade lange, denn
die geistlichen Autoritäten lassen sich zwar den Tathergang schildern, interessieren sich aber überhaupt nicht für den jetzt sehenden Mann. Sie haben nämlich das Einfühlungsvermögen eines Eiszapfens und zeigen sich hier wieder einmal als Ideologen und geistliche Blindgänger.
Ihnen geht es einfach nur um den „Sabbatschänder“, der ihrer Meinung nach unmöglich von Gott sein kann, alles andere interessiert sie nicht.
Aus der Befragung wird schnell ein Verhör. Sie lassen nicht locker und werden geradezu ausfallend, als der Geheilte auf ihr dauerndes Drängen hin seine nicht erwartete Meinung zu dem Vorfall preisgibt: „Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet.
Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.“
Sie bestreiten also das Wunder gar nicht, sondern bestätigen
es sogar ausdrücklich, wenn sie sagen: „Er hat doch deine Augen geöffnet.“
Die Pharisäer sehen, und sie sehen doch nicht! -- Sie denken einfach nur in Paragraphen und Schubladen. Was da einsortiert ist, das bleibt auch drin. Klappe zu!
Jesus hat „Teig gemacht“, das war Arbeit am Sabbat. Der Blinde ist zum Teich gegangen, das war Arbeit am Sabbat. Und die war nun mal strikt untersagt. Strenggläubige Juden zogen am Sabbat noch nicht einmal Sandalen mit schweren Nägeln am Befesti-
gungsriemen an, denn das Tragen von Gewichten war Arbeit! -- So machten die engstirnigen Frommen das Sabbot-Gebot eines liebenden Gottes, der dem Menschen einen Tag zum Ruhen, Beten und zur Besinnung schenken wollte, zu einer Tyrannei von Verboten. Mit seinem ganz bewussten öffentlichen Übertreten der übertriebenen Sabbat-Richtlinien bringt Jesus dieses Problem auf den Punkt: Der Sabbat ist doch für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat!

Für die Paragraphen-Reiter kommt das nicht in Frage!
Sie sind in der Praxis blind für die Liebe Gottes. Der Geheilte weist völlig vergeblich auf seine Gesundung hin. Es interessiert sie nicht. Im Gegenteil: weil er auf der Wahrheit beharrt und ihren Einschüchterungsversuchen so hartnäckig widersteht, wird er kurzerhand aus dem Tempel hinausgeworfen! „Du willst uns belehren?“ – so lautet ihr empörter Aufschrei.
Sie sind so von sich und ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit eingenommen, dass sie hier regelrecht ausrasten. Sie wollen es auf keinen Fall zulassen, dass ihr simples Denkgebäude angekratzt wird. Blind sind sie, und blind bleiben sie.
Die Szene ist aber noch nicht zu Ende. Der jetzt Sehende, der genau wie Jesus auch aus dem Tempel geworfen wurde, trifft noch einmal auf Jesus, der offenbar in weiser Voraussicht schon nach ihm Ausschau gehalten hatte, wohl ahnend, was passieren würde: „Jesus hörte, daß sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,) damit ich an ihn glaube. Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“
Im Gegensatz zum Handeln beim Heilungswunder von vorhin kommt es jetzt doch zu einem kurzen Gespräch zwischen den beiden. Jesus fragt ihn ausdrücklich nach seinem Glauben an ihn: „Glaubst du…?“
Der Bettler ist durch das Wunder und durch das Verhör im Tempel offenbar zu einem neuen Denken gekommen. Das Leben in ihm pulsiert wieder – er ist ein wirklich Sehender geworden, ein Mensch mit echtem Durchblick!
„Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“ - Das geht beides wie in einem Atemzug: er erkennt in Jesus den Herrn, den Gottessohn, und auf der Stelle wirft er sich demütig und dankbar vor ihm nieder. Aus ihm ist ein Bekenner geworden. Den Preis dafür hat er schon leidvoll bezahlt: seinen Rauswurf aus der jüdischen Tempelgemeinschaft!

Diese Szene lesen wir nicht zufällig mitten in der Fastenzeit. Sie will uns auf dem Wege nach Ostern noch einmal kräftig aufrütteln. Wir werden eindrucksvoll daran erinnert: Glaube ist Entscheidung!
Du kannst nicht nur ein bisschen glauben, du kannst ja auch nicht nur ein bisschen verheiratet oder ein bisschen schwanger sein.
Lassen wir uns warnen durch die chronische Bockigkeit der Schriftgelehrten: Wer da meint, ein Sehender zu sein und es deshalb nicht nötig hat, seine blinden Flecken von Jesus heilen zu lassen, der macht sich selbst blind für die Wahrheit und für das heilsame Wirken Gottes. Nur der Glaubende ist der wirklich Sehende!
Die Augen werden dir und mir aber nur geöffnet, wenn wir das auch bewusst zulassen. So fragt Jesus den Geheilten und fragt auch jeden von uns: „Glaubst du?
Das heutige Evangelium ist also eine dringende Einladung Jesu: Lebe im Glauben nicht nur von Konserven, nicht nur vom Gebot, von Paragraphen her denkend. Glaube ist doch kein Besitz, den du ein für allemal in die Schublade stecken kannst, um ihn dann im Notfall wieder hervorzuholen!
In der Fastenzeit sind wir aufgerufen, aus den Gefahren der Gewohnheit auszubrechen. Glauben ist ein Tätigkeitswort;
wer nichts dafür tut und nicht immer wieder für sich selbst auf geistliche Nahrungssuche geht, der kann farbenblind werden. Diese Sorte Farbenblinde kann kein Licht sehen, sondern immer nur schwarz. Schwarzseher sehen schwarz für die Zukunft der Kirche, sehen schwarz für den Glauben, sehen schwarz für sich selbst. Sie sehen den Glanz des Glaubens nicht mehr.
So warnt uns die Fastenzeit: Sei auf der Hut, damit du nicht deine christliche Sehkraft verlierst!
Sie wissen ja, angelehnt an die Werbung eines Fernsehsenders: „Nur mit dem Glauben sieht man besser!“
So wünsche ich allen Getauften gute Sichtverhältnisse! Amen.

Predigt Diakon Josef Lengauer
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Predigt „Blindheit ist heilbar“ (pdf)
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Predigt Pfr. Josef Mohr
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Lektorenhilfe des Kathol. Bibelwerkes (pdf)
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Gottesdienst-Texte Priesteraushilfe Pfr. Bruno Layr
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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SONNTAGSBLATT BAYERN: Wo Jesus einen Blinden heilte
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Christoffel-Blindenmission
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Hirtenwort Kardinal Lehmann: „Was bedeutet Kirchenaustritt?“ (pdf) >> BITTE KLICKEN !

Widerruf: Abraham a Sancta Clara, der berühmte Prediger im Wien des 18. Jahrhunderts, erklärte eines Sonntags auf der Kanzel: „Es gibt in den feinen Kreisen am Hofe einige Damen, die sind es nicht wert, dass man sie anspuckt!“
Aufgrund einiger Proteste von prominenter Stelle musste der Pater am nächsten Sonntag öffentlich widerrufen. Er tat das mit folgenden Worten: „Letzten Sonntag sagte ich: Es gibt in den feinen Kreisen am Hofe einige Damen, die sind es nicht wert, dass man sie anspuckt. - Das widerrufe ich hiermit und behaupte das Gegenteil: Sie sind es doch wert!“


Berechtigte Frage: Zu dem berühmten Don Bosco kam ein Mann zur Beichte und erklärte einleitend: „Meine letzte Beichte war vor 10 Jahren.“
Don Bosco dazu: „Das macht 2.000 Lire.“ Der Mann reagierte darauf empört: „Wie?- Ich dachte, das Beichten ist gebührenfrei!“ „Wenn Sie das gewusst haben, warum sind Sie dann trotzdem so lange nicht gekommen?“


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