26.04.2011

2. Sonntag der Osterzeit A - 01.05.2011

(Fortsetzung)

Die Jünger, die sogar mutig ihre bürger-
liche Existenz aufgegeben hatten, um seinem Ruf zu folgen, waren vor wenigen Tagen angesichts des schrecklichen Leidens Jesu lieber untergetaucht. Zu tief saß ihnen die Angst im Nacken. Der Text des Evangeliums zeigt: Noch ist bei ihnen keine Begeisterung, kein Pfingsten zu spüren. Stattdessen werden sie von ihrer gemeinsamen Angst in Geiselhaft genommen.
Wir hier und heute, die wir unsere eigene Schwachheit kennen und wahrscheinlich oft genug bedauern, haben sicher viel Mitgefühl übrig für dieses Versagen. Manch einer von uns hat sich sicher auch schon in einer stillen Stunde gefragt, was er oder sie denn getan hätte, wenn der Glaube plötzlich lebens-
gefährlich wird.
Die Frage ist nur, wie Jesus auf die Feigheit seiner Freunde reagiert. Er müsste doch bitter enttäuscht sein über ihr Verhalten. Doch stattdessen stellt er sich vor sie hin und sagt: „Friede sei mit euch!“
Damit meint er natürlich nicht einen Frieden als Schweigen der Waffen. Friede – „schalom“, das ist der Friede, den allein Gott geben kann, ein umfassender Friede, wirkliches Glück, Heilsangebot und Befreiung von Schuld. Schalom kann man nicht machen – das gibt’s nur als Geschenk durch Gott!
Jesus zeigt dann den Jüngern seine Hände und seine Seite, also seine Wundmale. Da erst reagieren die Jünger und freuen sich über ihn – es ist, als erwachten sie mit einem Schlag aus einem bösen Traum! Jetzt sind sie nicht mehr wie gelähmt, sondern putzmunter und einfach nur glücklich, ihren Herrn bei sich zu haben. Erstaunlicherweise wiederholt Jesus nun seinen Gruß: „Friede sei mit euch!“ – Offenbar ist ihm das ganz besonders wichtig, und deshalb sagt er es lieber doppelt. Wir sagen dazu gerne: doppelt genäht hält besser!
Für Jesus ist es ein Herzensanliegen, dass die Jünger nicht von ihren Schuld-
gefühlen gefesselt werden. Ihr Versagen will er gar nicht wegdiskutieren, aber er reitet auch nicht darauf herum.
Er ist nicht als Ankläger auf die Erde gekommen, sondern als Retter. Sein wiederholter Friedenswunsch soll signalisieren: Nun kapiert es doch endlich – Gott hat nur euer Heil im Sinn! Ihr seid nach dem Kreuz keine Geiseln des Todes mehr – für euch alle ist das Lösegeld bezahlt. Freut euch also – denn ihr seid in Gottes Hand!
Einer der Jünger Jesu fehlt jedoch. Es ist Thomas, der oft etwas voreilig „der ungläubige Thomas“ genannt wird. Warum er fehlt, wird im Bibeltext nicht verraten. Es heißt dort einfach nur: „Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.“
Wir können also nur Vermutungen anstellen. Es gibt außer-
biblische Quellen, die als Grund angeben, ein Sohn des Thomas sei gestorben; wegen der Beerdigung sei Thomas daheim gewesen. Andere spekulieren, Thomas habe es einfach nicht mehr ausgehalten, hoffnungslos einfach nur im Kreise der Jünger dazusitzen.
Der Bibel jedenfalls ist der Grund seines Fehlens nicht wichtig, und das darf uns dann auch genügen. Thomas bleibt der Ge-
meinschaft der Jünger jedenfalls nicht dauerhaft fern. Er taucht bald wieder bei ihnen auf. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie irritiert er jetzt ist. Seine Kollegen sind nicht wiederzuerkennen, voller Freude.
Strahlend berichten sie ihm, was sie mit Jesus erlebt haben. Jeder will erzählen, alle reden auf ihn ein. Ihr Herz ist randvoll vom Erlebten, das muss man einfach sofort erzählen, sonst platzt man vor Anspannung. - Thomas hört sich das alles an. Was mag jetzt in seinem Kopf vorgehen? Er kennt schließlich die anderen Jünger gut. Das sind keine Träumer und keine Spinner. Das sind ganz bodenständige Leute, so wie er. Angelogen hat ihn von denen noch keiner. Und außerdem sind sie alle so sehr aus dem Häuschen – das kann man nicht einfach so abtun.
Thomas könnte nun klein beigeben und sagen: Ja, ja, ihr habt sicher Recht. Natürlich nehme ich euch das ab, was ihr mir hier erzählt!
So einer ist Thomas aber nicht. Da können hundert Freunde sagen, dass die Erde eine Kugel ist – glauben muss ich das trotzdem nicht! Thomas will nicht einfach so tun als ob. Er kann es nicht glauben, was sie da so aufgeregt erzählen,und das sagt er ihnen auch. Egal, wenn die anderen deswegen jetzt über ihn herfallen – es ist einfach so: das kann er nicht fassen, das kommt ihm doch sehr unwahrscheinlich vor.
Klar, er würde es gerne glauben. Schön, wenn es so wäre!
Aber Thomas bringt einfach kein Halleluja heraus; es bleibt ihm im Halse stecken.
Vielleicht ergeht es Ihnen, liebe Mitchristen, manchmal auch so, dass Sie denken: Dieser Thomas ist mir sympathisch. Der jubelt nicht einfach mal so los, bloß weil die anderen jubeln. Ihm ist nicht zum Jubeln, und er steht dazu. Der Thomas lässt sich nichts aufschwatzen, selbst dann nicht, wenn er sich damit unbeliebt macht. Thomas ist also im Grunde ein Mann mit Charakter.
Und Thomas passt ganz gut zu uns modernen Menschen.
Was wird uns heutzutage nicht alles an Geschichten und Bildern aufgetischt! Oft genug hat sich hinterher schon rausgestellt, dass Nachrichten und Behauptungen absichtlich manipuliert worden sind. Da wird etwas weggelassen, dort wird etwas hinzu erfunden, hier wird ein Bild geschickt retuschiert oder eine andere Meinung einfach unterschlagen.
Wir modernen Menschen haben unsere Lektion gelernt:
Sei vorsichtig, trau keinem so schnell über den Weg! - Nein, wir sind gebrannte Kinder. Wir lassen uns so leicht kein X mehr für ein U vormachen. Mit uns nicht!
Und dann kommt Vieles auch noch auf den Blick-
winkel an. Auch unser Gehirn lässt sich aus-
tricksen. Wir kennen das von vielen optischen Täuschungen und Spielereien. Der eine sieht es so, der andere eben anders.
Da ist dieser Apostel Thomas jemand, den wir nur allzu gut verstehen. Er kann einfach nicht aus zweiter Hand glauben. Das Bemer-
kenswerte an dieser Situation ist aber: Thomas darf seinen Zweifel bei seinen Jüngerkollegen frei heraus äußern, wie das Evangelium es uns verrät: „Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“
Nein, sie fallen eben nicht über ihn her. Thomas wird nicht aus-
gebuht oder als Nörgler hingestellt, der die schöne Stimmung kaputt macht oder mit seiner Außenseiter-Meinung die Gemein-
schaft gefährdet.
Die anderen Jünger kritisieren ihn überhaupt nicht wegen seiner Glaubenszweifel. Vielmehr hören sie ihm zu und spielen nicht die beleidigte Leberwurst. Eigentlich hätten sie Grund genug dazu, denn sein ausdrücklicher Zweifel an ihren Schilderungen unterstellt schließlich indirekt, dass ihre Worte keinen Glauben verdienen. Alle damals Anwesenden spüren, wie ernst es ihm ist, welche Not hinter seinem Zweifel steckt. Thomas wird erst einmal so akzeptiert, wie er ist.
Die Gemeinschaft der Jünger ist da ein gutes Beispiel für christliche Gemeinden heute. Nicht jeder hat Jesus so nah erfahren, dass er oder sie ganz selbstverständlich begeistert ist. Es gibt auch die Krise, es gibt auch den Zweifel, und in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu darf man das auch zugeben. Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Im Glauben bleibt man sein Leben lang ein Anfänger!
Für unsere Pfarrgemeinden kann das heißen: Hier bei uns ist Platz und Verständnis auch für diejenigen, die sich sichtlich schwertun und mit manchem in der Kirche nicht oder noch nicht einverstanden sind.
Das Signal des Thomas und anderer Zweifler heißt ja nicht:
Ich will nicht glauben. Es heißt bei Lichte betrachtet vielmehr:
Ich möchte glauben, aber ich brauche dazu noch Jesu Hilfe und euer Verständnis.
Thomas will sagen: Ich möchte den Herrn im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Ich muss einfach handgreiflich werden, damit ich glauben kann. Tut mir leid, aber anders geht’s nicht!
Um das, was dann passiert, werden viele diesen Thomas sicher beneiden. Er be-
kommt tatsächlich eine besondere Hilfe von Jesus. Diese Extrawurst besteht darin, dass Jesus nach acht Tagen noch einmal bei den Jüngern erscheint, die gerade wieder versammelt sind. Diesmal ist keine Rede mehr von Furcht der Jünger vor den Juden; sie haben also durch die vorige Erscheinung neuen Mut gefasst.
Wir sehen auch bei diesem Erscheinen Jesu den gleichen Anfang mit dem herzlichen Friedensgruß wie vorher. Doch dann wendet er sich speziell dem Apostel Thomas zu. Jesus nimmt den Zweifler so an, wie er ist. Er holt ihn dort ab, wo er gerade in seinem Glauben steht und zeigt sich ganz verständnisvoll und geduldig: „Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus
- hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!“

Auf vielen alten Gemälden ist zu sehen, wie Thomas mit sei-
nen Fingern regelrecht in der Seitenwunde Jesu herumbohrt.
So drastisch hat man sich diese Inspektion Jesu durch den „ungläubigen“ Thomas vorgestellt, nach dem Motto: Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser!
Und? Hat er denn nun seine Finger in die Wunde gelegt oder nicht? Ist Thomas wirklich bei Jesus handgreiflich geworden?
Wer den Bibeltext genau betrachtet, der stellt fest, dass der Clou an dieser Stelle gerade der ist, dass Thomas plötzlich eben nicht auf der handfesten Prüfung besteht. Von dem, was er vorher ausdrücklich als Bedingung für seinen Glauben an die Auf-
erstehung genannt hatte, ist nicht viel übrig geblieben. Thomas will auf einmal gar nicht mehr seine Finger in die Wunden legen. Er reagiert auf die ausdrückliche Aufforderung Jesu, dies jetzt zu tun, nicht mit handgreiflichenTaten, sondern nur mit Worten. Aber diese Worte des Thomas haben es in sich!
Thomas antwortet Jesus nämlich mit einem großartigen Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“
Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet Thomas, der vorher
einen so heftigen Auftritt hatte, ist auf einmal wie vom Blitz getroffen. Er ist einfach überwältigt von der Erscheinung Jesu!
Ausgerechnet Thomas, der Zweifler, wird hier auf einmal zum Vorbild. Nicht nur, dass er den auferstandenen Jesus als seinen Herrn erkennt und anspricht. Nein, ausdrücklich sagt er: „Mein Herr und mein Gott!“
Thomas sind bei der persönlichen Begegnung mit Jesus die Augen aufgegangen. Der Auferstandene ist wirklich Gottes Sohn, ist wirklich Gott! Thomas ist jetzt mit seinem Glaubensbekenntnis ebenso schnell und ebenso eindeutig wie ehedem mit seinem Zweifel. Er stellt nun keine Bedingungen mehr, sondern er glaubt, und zwar völlig bedingungslos.
Was für eine tiefe, herrliche Verwandlung! Wenn wir an herz-
ergreifende Filme im Kino oder im Fernsehen denken, wäre genau dies doch eigentlich die geeignete Stelle für das happy-end!
Sicher sind in diesem Augenblick damals auch ein paar Freudentränen geflossen, und das käme für die Zuschauer auch gut rüber.
Der Evangelist Johannes will jedoch keine gefühlvolle Story bieten, nach dem Motto „Jesus – hautnah“. Im Bibeltext kommt das eigentliche aha-Erlebnis für uns als Leser und Hörer nämlich erst im Anschluss daran: Jesus antwortet Thomas schließlich noch, denn dort steht: „Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Jesus sorgt sich also um den Glauben des Thomas, aber eben nicht nur um dessen Glauben. Er hat auch uns alle im Blick. Thomas hat nur geglaubt, weil er Jesus unmittelbar mit eigenen Augen sehen durfte. Diese Gelegenheit, dieses Glück hat nicht jeder.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. - Diese Aussage ist dem Auferstandenen sehr wichtig. Wir haben also nicht einfach Pech gehabt, wenn wir nicht damals schon gelebt haben und mit dabei waren. Der Gedanke geistert schon seit den ersten christlichen Gemeinden in den Köpfen herum: „Ach, hätte auch ich Jesus leibhaftig gesehen, dann könnte ich viel leichter glauben!“
Das sieht Jesus offenbar anders. Handfeste Beweise – das ist schön und gut. Der Glaube ist jedoch etwas anderes als die Aktenberge mit Beweismaterial für eine Gerichtsverhandlung. Wenn du für deinen Glauben nach handfesten Beweisen fragst, benimmst du dich wie einer, der von seinem Ehepartner verlangt, er solle gefälligst seine Liebe zu dir beweisen.
Ist das eine gute Basis für eine glückliche Ehe? Wird dir das wirklich weiterhelfen? Was kommt danach als Nächstes?
Die Kernfrage beim Glauben ist daher die Frage nach dem Vertrauen.
Vertraue ich Jesus?
Vertraue ich mich ihm grundsätzlich an?
Oder lasse ich den Zweifel übermächtig werden, so wie das Unkraut in kurzer Zeit einen ganzen Garten ruinieren kann?
Jesus hat Recht. Diejenigen, die sich vertrauensvoll auf ihn einlassen, die sind im Grunde viel besser dran als diejenigen,
die nach Beweisen verlangen. Wer Beweise will, der braucht morgen oder in der nächsten Krise wieder neue Beweise, und bald danach wieder neue Beweise und so weiter. So jemand wird abhängig von seiner jeweiligen religiösen Wetterlage.
Wirklich froh, ja selig sind die, welche „JA“ gesagt haben und bei ihrem „JA“-Wort des Glaubens bleiben. In der Krise wissen diese Christen genau: Es ist wie mit der Sonne – sie scheint auch dann, wenn ich selbst sie gerade nicht sehen kann!
Jesus ist bei uns, auch wenn ich ihn nicht mit meinen Händen begreifen kann. Solche Menschen sind die wahren Glückspilze, sagt Jesus.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ganz viel Glück!

Predigt E. Gottsmann: „Der Auferstandene hat seine Wunden behalten“ >> BITTE KLICKEN !
Papst Benedikt über den „ungläubigen“ Thomas
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Predigt Sr. Karin Müller: „Vertrauen“
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Dekan Ludwig Gschwind: Predigt zum Weißen Sonntag: „Komm!“
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Leseprobe Wort-Gottes-Feiern: Sonntag der göttl. Barmherzigkeit
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Predigt Pastor Bernd Niemeier: "Mein Herr und mein Gott!"
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Seligsprechung Johannes Paul II. am 1. Mai im ZDF

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Statistisch korrekt: Wenn ein Jäger bei der Jagd einmal am Hasen links vorbeischießt und einmal rechts vorbeischießt, dann ist der Hase durchschnittlich gesehen tot.

Unser täglich Brot: Der Religionslehrer fragt: „Warum bitten wir Gott im Vaterunser um das tägliche Brot? Wir könnten ja auch nur einmal die Woche oder einmal im Monat darum bitten.“ Marco weiß Rat: „Weil wir natürlich immer frisches Brot haben wollen!“


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