Im Mittelpunkt der Rede Jesu an seine Jünger steht die Erfüllung des religiösen Gesetzes, also des Willens Gottes. Sofort stellt Jesus die Weichen, damit es bei seinen Zuhörern in die richtige Richtung geht: Wer glaubt, Jesus wolle die vielen jüdischen Vorschriften aufheben, der irrt gewaltig. Auch nicht den kleinsten Buchstaben will er außer Kraft setzen. Das klingt erschreckend. Schließlich wissen wir, wie umfangreich die Regelungen waren, die damals beachtet werden mussten. Als Stichwort möge es genügen, an die strengen Verhaltensregeln für den Sabbat zu erinnern. Dieser Tag als Gedenktag des Bundes mit Gott musste absolut arbeitsfrei gehalten werden, was auch heute noch bei den Juden strikt beachtet wird. So muss man z.B. für die Zubereitung warmen Essens vorkochen und für die Speisen ein raffiniertes Warmhaltesystem anwenden.
Nein, Jesus will das Gesetz nicht über den Haufen werfen.
Im Gegenteil: Er will das Gesetz mit neuem Leben erfüllen, seinen ursprünglichen Glanz wiederherstellen, der durch die Menschen stumpf geworden ist.
Jesus kennt die Menschen nur zu gut. Wir neigen schnell dazu, recht oberflächlich zu denken, nach „Schema F“, wie man so gerne sagt. Ein kleiner Witz kann dies demonstrieren: Da kommt ein Schüler zum Lehrer und fragt: „Kann man eigentlich auch für etwas bestraft werden, was man überhaupt nicht gemacht hat?“ – Der Lehrer sorgt sofort für moralische Eindeutigkeit, in dem er antwortet: „Nein, das darf natürlich auf keinen Fall sein!“ - Darauf der Schüler: „Was für ein Glück – ich habe nämlich meine Hausaufgaben nicht gemacht…!“
Beim Thema „Schuld“ heißt das dann z.B.: Ach, ich bin doch eigentlich ein ganz guter Jude oder ein ganz guter Christ. Schließlich komme ich meinen religiösen Ver-pflichtungen nach. Ich habe auch noch niemanden umgebracht und keine Bank überfallen. Eigentlich kann ich doch ein recht gutes Gewissen haben.
Doch schon das Schuldbekenntnis in der Heiligen Messe rüttelt uns diesbezüglich wach. Oft sprechen wir es gemeinsam in dieser Form: „Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe – ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken – durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld…“
Diese Formulierung ist ganz nah dran am heutigen Evangelium. Schuld und Sünde kann auch dadurch entstehen, dass man etwas nicht tut, dass man etwas unterlässt. Juristisch begegnet uns das manchmal beim Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung.
Die heutige Rede Jesu soll allen Zuhörern die Augen öffnen.
Macht es euch nicht zu einfach! - Im Evangelium klingt das so: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein…“
Mit „Bruder“ meint Jesus hier den Bruder oder die Schwester im Glauben, also den konkreten Nächsten vor Ort. Seine Mahnung ist hart, aber sie trifft zu. Man kann einen Mitmenschen nicht nur mit dem Messer oder mit der Pistole töten. Oft genug wird jemand totgeschwiegen oder mundtot gemacht. Manchmal heißt es dann: „Der ist für mich gestorben“, also: diesem Schuft spreche ich eigentlich das Menschsein ab.Jesus warnt: Wer das Gesetz nur so anwendet wie die Schrift-
gelehrten und Pharisäer, der hat es zwar äußerlich Punkt für Punkt erfüllt, aber nicht so, wie Gott es eigentlich gemeint hat. Der Sinn der göttlichen Gebote wird sträflich missachtet, wenn man ihren Urgrund, ihre Ausgangsbasis missachtet, die unerhört große Liebe Gottes zu den Menschen. Gott will, dass wir ihn lieben und unsere Mitmenschen ebenso. Und zwar ausdrücklich auch dann, wenn uns deren Nase nicht passt oder deren Ansichten, was auch in der Kirche vorkommen kann.
Wenn die Zuhörer Jesu von ihm einen Spiegel vorgehalten be-
kommen, dann sehen sie leider oft darin ein zorniges Gesicht, weil man auf einen Mitmenschen „sauer“ ist, wie man heute sagt. Und natürlich gibt’s dann auch den Anderen, der wiederum auf den
sauer ist.
Es ist gar nicht so selten, zur Zeit Jesu wie auch heute, dass man mit solchen bösen Gedanken vielleicht sogar in bester Absicht zum Gottesdienst geht, um Gott im Opfer, in Gesang und Gebet die Ehre zu erweisen. Die Meinung Jesu dazu ist eindeutig und knallhart: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“
Was diese Aussage Jesu bedeutet, ist uns schnell klar:Gott will unsere ehrliche Liebe und ein reines Herz. Da kann man nicht Gottesdienst feiern und gleichzeitig Krieg führen. Bring erst mal dein Verhältnis zum ungeliebten Bruder in Ordnung, und dann kannst du gerne wiederkommen. Reiche deinem Mitbruder die Hand zur Versöhnung, und dann kannst du richtig Gottesdienst feiern, denn dann wird Gott sich über dich freuen.
Damit es auch wirklich kapiert wurde, damit das auch wirklich in unseren Köpfen hängenbleibt, wie Gottes Gebote gemeint sind, verdeutlicht Jesus das wie ein guter Lehrer an weiteren Beispielen. Ein wichtiges davon ist die Auffassung über die Ehe.
Hören wir Jesu Worte: „Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.
Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“
Scheidungengab es also schon damals. Der Mann konnte seine Frau aus der Ehe ent-
lassen, indem er ihr ein ent-
sprechendes Schreiben aushändigte, die Scheidungsurkunde.
Jesus schreitet hier energisch ein: Ein solches Verhalten des Ehemannes mag nach menschlichem Recht legal sein, vor Gottes Recht aber nicht. Das angeblich gute Recht des Mannes ist kein gutes Recht, sondern schlechtes Recht. Gottes Wille ist es, dass die eheliche Gemeinschaft ein geschützter Raum ist, in dem man bis zum Tod in Treue zusammenhält. Und deshalb ist Ehescheidung Ehebruch.
Die Menschen in der Zeit des frühen Christentums waren über diese drastische Ausdrucksweise Jesu sicher nicht nur erfreut, und heute noch viel weniger. Hinter diesem Scheidungsverbot Jesu steht ein Verständnis der Ehe, das die katholische Kirche mit dem Ehe-
sakrament ausdrückt. Priester versprechen Gott in der Priesterweihe lebenslange Treue, und die Eheleute tun dies im heiligen Bund der Ehe auf ihre Art.
Ein solcher vor Gottes Angesicht geschlossener Bund darf nicht einfach gebrochen werden. Wenn es in der Ehe eine Krise gibt, dann gilt hier erst recht der Appell Jesu,alles zu versuchen, um sich miteinander zu versöhnen.
Gerade heute darf bezweifelt werden, ob die Eheleute diese Mühen immer auf sich nehmen. Es liegt heute im Trend, den großen Anstrengungen aus dem Wege zu gehen, wie dies sicherlich auch bei manchem Schwangerschaftsabbruch der Fall ist, wo die Ausbildung, das Geld oder die Wohnung wichtiger ist als das Leben des heranwachsenden Kindes. Mit viel Mühe wäre hier und auch in so mancher Ehe sicher doch noch Rettung möglich, wenn nur alle dies wirklich wollten. Die Treue leben – wie aktuell ist doch dieser Aufruf Jesu, für Eheleute wie für Priester!
Und wie zutreffend ist doch auch diese Warnung Jesu: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“
Eine alte Redewendung sagt es so: Du kannst vielleicht nicht verhindern, dass sich ein Vogel auf deinen Kopf setzt. Aber du kannst auf jeden Fall verhindern, dass er dort auch noch sein Nest baut. - Modern ausgedrückt könnte man das, was Jesus meint, auch so sagen: Seid klug und wehret den Anfängen!
Wir wissen es aus der Kinder-Erziehung und aus eigener leidvoller Erfahrung: Ist ein schlechtes Verhalten erst einmal zur Gewohnheit geworden, dann bekommt man es kaum wieder los. Bei Kindern sieht man sehr anschaulich, wieviel Mühe es ihnen macht, wenn sie sich z.B. die Schreibweise eines Wortes falsch eingeprägt haben, dann wieder umzulernen. Und von unseren schlechten Erwachsenen-Gewohnheiten wollen wir da lieber erst gar nicht reden.
Jesus weiß das, und wir wissen das eigentlich auch: Gibst du dem Teufel nur den kleinen Finger, dann nimmt er mindestens die ganze Hand.Der Schriftsteller Oscar Wilde formulierte es so: „Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht…“
Also sagt Jesus es gewissermaßen in Großbuchstaben:
LASS DIE FINGER DAVON!
Das, was vielleicht als harmloses Spielchen beginnt, kann in deinem und im Leben anderer zum Drama werden, und im Falle der Ehe-
scheidung sind oft genug die Kinder dann die, welche am meisten darunter zu leiden haben.
Wenn Jesus uns also so ausdrücklich auffordert, Gottes Gesetze auch dem Sinn nach einzuhalten, dann geschieht das nur zu unserem Besten. Haltet euch von den Versuchungen fern – der Rat gilt nicht nur für unsere Ehe. Eure Gelüste und Begehrlichkeiten machen euch zu Sklaven, zu Sklaven des Geldes, zu Sklaven des Neides, des Zornes usw.
Am besten schützt ihr euch, indem ihr ganz konsequent und energisch widersteht, wie ihr das übrigens bei eurer Taufe schon versprochen habt. Nicht die großen Schwüre und die vielen Worte zählen. Es werden viel zu viele große Worte gemacht, hinter denen doch nur eine Lüge steckt. Als Christen habt ihr ein ganz neues Leben begonnen. Ihr seid gewissermaßen Überläufer. Ihr habt die Seiten gewechselt. Gotteskinder seid ihr geworden; vergesst das nicht!
Was nötig ist, das könnte man unsere ganz persönliche Kirchenreform nennen. Kardinal Henry Newman wird das kurze Gebet zugeschrieben: „Herr, erneuere deine Kirche, und fange bei mir an!“ Wir sollten also weniger in Gesetzen, in Strukturen und in Forderungen an andere denken, und dafür mehr im Vertrauen auf Gottes Liebe und Fürsorge für uns.
Wenn mehr oder weniger bald unser letztes Stündlein auf Erden schlägt, dann ist es uns vermutlich egal, ob wir unseren Bischof mitwählen durften oder nicht. Dann stehen wir vor Gott und haben
zu verantworten, was wir getan und was wir nicht getan haben.
Danke, Jesus, dass du uns so deutlich daran erinnert hast!
Predigt Pfr. Dr. Jörg Sieger>> BITTE KLICKEN !
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„Was die Bergpredigt uns heute wirklich zu sagen hat“ (55 S. pdf)
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Prof. Dr. Gerhard Lohfink: „Wem gilt die Bergpredigt?“ (pdf)
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Berechtigte Prüfungsangst: Der Religionslehrer vor der Abfrage zu einem Schüler: „Oliver, du siehst ja heute richtig blass aus. Hast du Angst vor meinen Fragen?“ - „Nein, aber vor meinen Antworten!“Alternative: Im Flur der Schule wurde ein neuer Garderobenhaken angebracht, darüber ein großes Schild: „Für Lehrer“. Am nächsten Tag stand darunter auf einem Zettel: „Man kann aber auch Mäntel aufhängen.“
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