Wenn ich mir jenen öffentlichen Appell an die Bischöfe näher ansehe, verwundert mich die merkwürdige Logik. Da wird argu-
mentiert, dass die Lage in der deutschen Kirche deshalb so dramatisch sei, weil die Zahl der „Geistlichen in der Pfarrseelsorge“ um 45 % zurückgegangen ist. Daran sehe man, wie ernst die Lage sei. Hoppla, denke ich, wurde da in dieser Rechnung nicht etwas unterschlagen?
Um wieviel Prozent ging denn die Zahl der Kirchen-besucher zu-
rück? - Ach: das sind mal locker 70 %!
Daraus ergibt sich: So merk-
würdig dies klingen mag, wir haben pro Kirchenbesucher heute mehr Priester als früher! -
Außerdem frage ich mich: Warum machen sich diese Leute solche lautstarken großen Sorgen um die Zahl der Priester, und das aus-
gerechnet vor dem Papstbesuch, aber mit keiner einzigen Silbe um die dramatisch abstürzende Zahl der Gottesdienstbesucher?
Ist ihnen das völlig egal?
Ich vermute mal, das passt den Kritikern einfach nicht ins Konzept. Da müssten sie ja gegen den allgemeinen Trend einer Wellness-Kirche argumentieren und die Kirchenschwänzer daran erinnern, dass es ein Sonntagsgebot gibt.
Au, das wäre aber unangenehm! Da hätte man auf einmal statt der sicheren öffentlichen Zustimmung die Leute gegen sich!
Wer sich Sorgen um den Zustand der deutschen Kirche macht,
der sollte doch mal mit den Gläubigen anfangen. Aber denen will man nicht zu nahe treten, im Gegenteil. Denen werde durch den Priestermangel die Teilnahme am Gottesdienst „unverhältnismäßig erschwert“ , heißt es in jenem Appell.
Da muss ich schon wieder stutzen: Wer legt denn eigentlich fest, was da unverhältnismäßig ist? So wie ich das sehe, bluten unsere Innenstädte immer weiter aus, weil man zum Einkaufen wie selbst-
verständlich größere Strecken zurücklegt. Auf der Schnäppchenjagd sind da locker 30 Kilometer zu einem schwedischen Möbelhaus oder einem nicht blöden Elektromarkt drin, von Ausflugsfahrten ganz zu schweigen. Aber die Kirche muss natürlich gerade um die Ecke sein, klar. Und von Fahrgemeinschaften und anderen Ideen hat man auch noch nie gehört.
Für mich kommt da bei jenem Appell der Verdacht auf, dass es um bequeme, vorschnelle Antworten geht.Klar doch, machen wir in Deutschland einen Sonderweg, was ist denn schon dabei? – Aber haben das die Kritiker auch zu Ende gedacht?
Um mehr Priester zu haben, ist man erstaunlich schnell bereit, den Zölibat auf’s Spiel zu setzen. Verheiratete Männer als Priester, das wäre doch die Lösung! –
Wirklich? Natürlich wäre es einfacher, wenn man im Trockendock auf einem Segelboot sitzt, statt gegen das Meer ankämpfen zu müssen. Natürlich bekämen wir mehr qualifizierte Pflegekräfte in unsere Seniorenheime und Krankenhäuser, wenn wir statt fester Arbeitszeiten im Schichtdienst den Arbeitsbeginn jeweils nach eigenen Bedürfnissen festlegen könnten. Aber ist das wirklich die sinnvollste Praxis zum Nutzen der Patienten?
Die provozierte Diskussion ist also meines Erachtens ein Kampf auf dem falschen Kriegsschauplatz. Priestermangel herrscht weltweit ganz und gar nicht, im Gegenteil: die Zahl der Priester hat sich in den letzten 30 Jahren fast verdoppelt!
Und was die Versorgung und die weiten Wege betrifft, da hat ein Priester z.B. in weiten Teilen Afrikas ganz andere Strecken zurück-
zulegen, und zwar auf ganz anderen Straßen…
Aber haben wir speziell in Deutschland wirklich zu wenige Priester, und wenn ja, wie ändern wir das? – Zuerst einmal fällt mir auf, dass wir durchaus eine stattliche Priesterreserve haben. Wer den einen oder anderen Festgottesdienst im Dom erlebt, der sieht da locker mal ein halbes Dutzend Priester, während in der Pfarrei nebenan eine Vertretung gesucht wird. Da gibt es einige heilige Kühe, die nicht geschlachtet werden dürfen, und Denkverbote einschließlich der Frage, ob man vielleicht mit der Zusammenlegung von Bistümern eine Menge Personal und Kosten sparen könnte. Bei der Zu-
sammenlegung von Pfarreien zeigte man sich da weniger zimperlich…
Bereits Prof. Dr. Georg May hat in seinem bemerkenswerten Aufsatz über den Priestermangel (siehe Linktipps) auf die Zustände und auf Verbesserungsmöglichkeiten hingewiesen.
heirateten Priestern steckt aber auch ein Priesterbild, das bedenklich ist. Dass der Zölibat Ganzhingabe an Gott bedeutet, ein Leben ohne Wenn und Aber in der Nachfolge Jesu (es gibt genügend leicht beschaffbare Bücher zur theologischen und praktischen Begründung des Zölibats), das ist natürlich ein gewaltiger und kaum zu ertragender Störfaktor in einer Welt, die sich selbst genügt und es unverständlich findet, wenn jemand wirklich für Gott auf’s Ganze geht.
Die Spitzenposition der evangelischen Pfarrer bei den Scheidungs-
raten lässt vielleicht auch etwas von der Belastung im Pfarreramt ahnen. Wer also glaubt, mit verheiraten katholischen Pfarrern eine Lösung gefunden zu haben, der denkt zu kurz. Erst wird es heißen: Ach, warum sollen die katholischen Priester nicht heiraten?
Und später wird es heißen: Nun, wenn es mit deren Ehe nicht geklappt hat, dann sollten sie sich doch besser scheiden lassen!
Eine deutsche Extrawurst beim Zölibat wäre also beileibe keine Lösung, sondern nur ein vorschneller und falscher Versuch, der
das eigentliche Problem des rasanten Glaubensschwundes nur verschleiert. Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat es so auf den Punkt gebracht: „Der Kirche fehlt nicht Geld und Personal, sondern der Glaube, dass es sich lohnt, Menschen für Christus
zu gewinnen.“
Von den deutschen Bischöfen hätte ich eigentlich erwartet, dass sie auf die jüngsten öffentlichen Forderungen anders reagieren als mit ihrem lapidaren Hinweis, der Zölibat sei beim Papstbesuch „nicht als Thema vorgesehen.“ –
Wo bleibt das klare, richtungweisende Wort unserer Hirten, gerade vor dem 5. Sonntag im Jahreskreis A ( am 6.Februar). Dort heißt es im Evangelium: „Ihr seid das Salz der Erde…“ -
Aber Jesus verschweigt dort auch nicht, was mit dem Salz passiert, wenn es schal wird, wenn es durch menschliches Versagen unbrauchbar geworden ist…
Linktipp: Der Aufsatz von Georg May über Priestermangel
(14 S. pdf) >> BITTE KLICKEN !
Diesen Artikel selbst als pdf-Datei herunterladen:
>>> BITTE HIER KLICKEN !
zurück zur Predigtgarten-Hauptseite
>> BITTE KLICKEN !
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Zur Zeit keine Kommentare möglich.
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.