Im Prinzip kennen die erfahrenen Fischer das natürlich: es sind stoßartige, kraftvolle Fallwinde („Ruach mizrachit“) von den umgebenden Bergen, die den eben noch so friedlichen See in ein tobendes Chaos mit hohem Wellengang verwandeln.
Das Boot „wurde von den Wellen hin und her geworfen“, heißt
es etwas farblos formuliert in der Einheitsübersetzung, wie wir gehört haben. Wörtlicher übersetzt muss es statt „hin und her geworfen“ aber genauer heißen: „gequält, bedrängt“ – Dies klingt doch eher eindringlich und lebensbedrohlich!
Wohl dem, der jetzt nicht auf dem See ist! - Ob die Jünger sich wohl wünschen, Jesus wäre jetzt bei ihnen? Sie haben jedenfalls alle Hände voll damit zu tun, das Boot vor dem Kentern zu be-
wahren, wenn der mächtige Gegenwind ein Steuern fast unmöglich macht. Stunde um Stunde tobt schon der Sturm.
Müde und völlig abgekämpft sind sie, als sich in der Zeit der vierten Nachtwache, also zwischen 3 und 6 Uhr in der Frühe, draußen auf dem dunklen See etwas tut. Es kommt näher, aber sie können nur schemenhafte Umrisse erkennen. Obwohl die Jünger die harte Nachtarbeit bei Fackellicht gewöhnt sind und mit ihren kräftigen Armen zuzupacken verstehen, können sie mit dieser neuen Situation nichts anfangen. So etwas Gewaltiges haben sie noch nicht erlebt!
Da glauben wir gerne, dass diese Profis vor Furcht völlig ratlos waren. Wir kennen dafür den Ausdruck „den Kopf verlieren“.
So geht es den Jüngern jetzt mit dieser Erscheinung. Sie sind wie gelähmt vor Schreck. Im Evangelium haben wir gehört:
„…sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.“
Also, wenn ich mir so einen Trupp gestandener Mannsbilder vorstelle, die da vor Angst schreien, dann weiß ich: Sie emp-fanden die Lage als so entsetzlich und ge-
spenstisch, dass sie glaubten, dies könnte ihr Lebensende sein…
Wenn man keinen Ausweg mehr sieht und kein Rettungsring mehr helfen kann, dann schreit man so jämmerlich, wie die Jünger damals schrien. - Schon oft wurde diese grässliche Situation der Jünger beschrieben und von Künstlern gemalt.
Der Vergleich liegt ja auch auf der Hand: so wie damals die Jünger Jesu Sturm und Wellen fast hilflos ausgesetzt waren,
so erleben es Menschen überall auf der Welt und immer wieder. Wie oft hat sich dieser Schrei wohl inzwischen wiederholt?
Wie schrecklich lange dauert die Sturmnacht vieler Menschen
in Not! Verzweifelt fühlen sich auch heute Menschen, wenn sie von einer entsetzlichen Katastrophe heimgesucht werden.
Ein Beispiel dafür soll genügen: In tiefster Hoffnungslosigkeit sprangen etliche vom Feuer Eingeschlossene am 11.September 2001 aus dem World-Trade-Center in den Tod, und die ganze Welt musste entsetzt und hilflos zusehen.
Die Jünger sind nicht irgendwo. Sie hocken in ihrem eigenen Boot und halten sich daran krampfhaft fest. Wahrscheinlich gehört dieses Boot Petrus; wir wissen heute, dass er zusammen mit seinem Bruder Andreas mehrere Fischerboote besaß. Dieses Boot im Seesturm wird heute oft auch das „Schifflein Petri“ genannt. Gemeint ist damit natürlich die Kirche. Auch unsere Mutter Kirche ist unfreiwillig sturmerprobt und hat im Laufe der Jahrhunderte oft genug schmerzlich erfahren müssen, wie ihr der Wind hart ins Gesicht bläst und ihr das Wasser fast bis zum Hals steht. Einen spiegelglatten, immer ruhigen See hat Jesus ihr und uns allerdings auch niemals versprochen!
Immer wieder gabes im Laufe der Geschichte auch den verlockenden Wunsch, das kirchliche Fischerboot zum Vergnügungsdampfer umzurüsten. Teile der Mannschaft tun dann so, als gehöre derjenige Teil des Schiffes, auf dem sie gerade mit klarem Auftrag des Herrn eingesetzt sind, ihnen selbst und ihren eigenen Ideen. Zum Fischen von nähr-
stoffreicher, die Menschen wirklich sättigender Nahrung ist so ein Unterhaltungsdampfer aber nur bedingt geeignet. Aber voll ist er für einige Zeit schon, das stimmt. Doch das ist ein anderes Thema!
Bis jetzt ist es immerhin allen Mannschaften des Kirchenschiffs trotz aller nachtschwarzen Turbulenzen in der Kirchengeschichte immer wieder gelungen, den vorgegebenen Zielhafen neu anzupeilen und dem Ruf seines Reeders, seines Besitzers zu folgen.
Das hat unsere Kirche vielleicht gerade aus dem heutigen Evangelium gelernt. Wir haben da nämlich nicht nur einen Fall von Seenot (Seenot mit Doppel-e), sondern es ist auch ein Fall von Seh-Not (Seh-Not mit h). Denn um das richtige Sehen geht es hier auch. Und um die Konsequenzen daraus. - Als die Jünger im Sturm so jämmerlich schreien, weil sie annehmen, da komme ein Gespenst auf sie zu, nähert sich Jesus auf dem See gehend. Doch ganz offensichtlich sehen sie ihn nicht richtig vor lauter Schreckensbildern in ihren Köpfen. Jesus ergreift schnell die Initiative und redet ihnen ruhig zu: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“
Richtig sehen ist nicht selbstverständlich. Jeder Autounfall zeigt uns das. Nachher heißt es oft, dass der eine Fahrer den anderen übersehen hat. Das andere Auto war da, aber offenbar war es für den unkonzentrierten Fahrer im Moment wie unsichtbar.
Wie reagieren die Jünger, die im Boot hocken und Todesangst haben, konkret auf die Worte Jesu? Atmen sie einmal ganz tief durch und brechen dann in Jubel aus? Staunen sie, dass alle furchtbare Macht von Wind und Wetter Jesus nichts anhaben kann?
Nein, so ist es nicht. Sie sehen, und sie sehen doch nicht. Sie kriegen ihren Kopf nicht frei. Die düsteren Gedanken lassen keinen klaren Blick zu. Auch das kommt uns heute in der Kirche manchmal sehr bekannt vor. Der Ruf Jesu, Vertrauen in ihn zu haben, prallt an Verängstigten einfach ab.Ja, die Jünger damals und wir heute, wir fürchten uns in den schlimmen Stürmen, die so plötzlich über uns hereinbrechen!
Einer jedoch tanzt aus der Reihe. Petrus hört und sieht den Herrn genau wie alle anderen. Er hat auch Angst wie alle anderen. Aber als einziger überwindet er seine Angst. Das zeichnet Petrus besonders aus. Im richtigen Moment erfasst er allein die Lage.
Er nimmt allen Mut zusammen und antwortet: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“ - Leider ist die Einheitsübersetzung auch hier bedauerlich ungenau. Es heißt im Original nicht „wenn du es bist“, sondern „da du es bist“. Petrus hat ihn also erkannt. Als einziger. Gleich wird er jedoch auch wieder etwas übermütig, wie wir das von ihm schon kennen. Er ruft Jesus zu: „…so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“
Alle Achtung! Der Petrus traut sich was. Er dürfte als Fischerja am besten wissen, dass Wasser wirklich keine Balken hat.
Er wird auch schon öfter in seinem Leben bei ungeschickten Manövern im kalten Wasser gelandet sein. - Petrus traut sich was. Er setzt ein Signal: Ja, ich habe verstanden, Herr, dass ich dir absolut vertrauen kann. Wenn du das willst, kann ich sogar wie du über das Wasser gehen. Ich tue es aber nur, wenn du es mir befiehlst! Sprich nur ein Wort! - So wird Petrus ganz konkret zum Aussteiger. Jesus hat darauf nur ein einziges Wort ge-
antwortet, und das heißt: „Komm!“
Was für ein schönes Zeugnis gläubigen Vertrauens! - Bei dieser spontanen Übung im Sturm riskiert Petrus immerhin sein Leben. Die anderen dagegen sitzen stumm und starr im Boot. Wir wissen nicht, was gerade genau in ihren Köpfen vorgeht, aber solch ein Vertrauen haben sie jedenfalls nicht. Ja, sie sehen und sehen doch nicht!Petrus dagegen verlässt sich mit seiner ganzen Existenz darauf, dass das Wort Jesu ihn tragen kann. Bei ihm jedenfalls hat das Brotwunder an den 5000 seinen Glauben gestärkt. Petrus richtet seinen Blick fest auf Jesus. An ihm orientiert er sich. Jesus ist sein Ziel. So klettert Petrus über den Bootsrand und geht los. Ganz schön verrückt, oder?
Jesus hat schon gewusst, warum er Petrus zum Felsen machte, auf den er seine Kirche bauen wollte. Petrus sieht jetzt nicht den peitschenden Sturm und die Probleme, sondern er sieht den Herrn. Das gibt ihm Kraft.
Mich erinnert das auch an einen Reporter, der Mutter Teresa und ihre Helferinnen in Indien besuchte und dabei voller Ekel sah, wie Mutter Teresa persönlich etliche eiternde und stinkende Wunden von sterbenskranken Menschen verband. Der Reporter sagte angewidert: „Das würde ich nicht für eine Million Dollar machen!“ – Mutter Teresa schaute ihn lächelnd an und erwiderte nur: „Für eine Million Dollar würde ich das auch nicht machen!“
Diese Kraft des tiefen Glaubens ist es, die manchmal auch Wellenberge besiegen helfen kann! Petrus ist schon ganz in der Nähe Jesu und hat es fast geschafft, da bekommt er aber doch Angst vor der eigenen Courage.
Plötzlich wendet er seinen Blick für einen Moment von Jesus ab und sieht die auf-gewühlten Wellen. Mit einem Schlag wird ihm bewusst, wie ris-
kant, ja wie lebensgefährlich sein mutiges Manöver ist. Es kommt dann, wie es kommen musste: Petrus stockt einen Moment und beginnt unterzugehen.
Die Bibel beschönigt das nicht. Menschliches Versagen ist nicht nur ein Thema in den Nachrichtensendungen, sondern auch in der Bibel. Petrus soll hier nicht lächerlich gemacht werden, und die Sitzenbleiber im Boot auch nicht. Die Bibel sagt: Ja, genau
so sind wir Menschen!
Irgendwie tut Petrus uns sogar leid. Fast hätte er es geschafft. Und nun diese Blamage vor seinen Leuten! So lange er nur Augen für Jesus hatte, war alles gut. Petrus hat sein Ziel kurz aus den Augen verloren und die Folgen zu spüren bekommen. Doch er hat schnell dazugelernt. In seiner Not ruft er nicht etwa seine Fischerkollegen um Hilfe. Petrus, der für eine Sekunde schwach geworden ist, erinnert sich wieder an sein Ziel und ruft so laut er kann: “Herr, rette mich!“
Jesus seinerseits packt sofort beherzt zu. Er „ergriff ihn“, heißt es. In Sekundenbruchteilen ist Petrus gerettet. Jesus hält Petrus aber keine Strafpredigt. Erst greift er ihm im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme, und dann bestätigt er Petrus nur, dass es sein mangelnder Glaube war, der ihn beinahe versinken ließ.
„Du Kleingläubiger“ - so nennt ihn Jesus in diesem Moment. Wenn der Glaube das Leben tragen soll, dann darf er eben nicht klein sein. Kleingläubigkeit, also Glaube auf kleiner Flamme, das ist weder Fisch noch Fleisch, weder hü noch hott. Petrus erfährt hier ganz handfest: den echten Glauben gibt es nur in der großen Portion, nicht als Appetithäppchen für zwischendurch.
Der Volksmund weiß das im Grunde auch und sagt deshalb so treffend: Wer A sagt, der muss auch B sagen. Also: Wer etwas beginnt, der muss es auch zu Ende bringen, wenn er Erfolg haben will. Sonst kann er es gleich bleiben lassen. Für den Glaubensweg des Petrus und für unseren eigenen gilt das allerdings auch. Also bitte nicht kurz vor dem Ziel aufgeben, wenn der Sturm tobt!
Ja, der vollmundige Petrus hat für einen Moment versagt. Es ist, wie wenn er bei einem großen Sprung gestürzt wäre. Aber dieses Hinfallen, dieses Versinken hindert Petrus nicht, sich schnell wieder zu besinnen.Daran erinnert auch eine bekannte Redewendung: Hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben!
Petrus bleibt aber nicht liegen. Er rappelt sich sofort wieder auf. Sein Hinfallen war letztlich eine Folge seines mutigen Einsatzes; daher belächelt oder verspottet ihn auch niemand wegen seines Reinfalls.
Er ist der einzige, der mutig genug war, alles auf eine Karte
zu setzen. Jetzt ist er auch mutig genug, seine Hilflosigkeit zuzugeben, indem er schreiend bittet: „Herr, rette mich!“
Jesus bringt Petrus sofort ins sichere Boot, und dann lässt auch schon das Unwetter nach. Die Gefahr ist vorüber. Jesus ist da, wenn es darauf ankommt, und die bedrohlichen Mächte sind verstummt. Petrus ist um eine handfeste Erfahrung reicher, welche die anderen nur als Zuschauer miterleben konnten. Versagt haben sie auch, sogar mehr als Petrus.
Sie haben schon aufgegeben, bevor sie überhaupt angefangen haben, auf Jesus zuzugehen. Aber ihr Versagen springt nicht so direkt in unser Auge. Zu schnell gilt das Interesse bei vielen nur der Person des Petrus.
Zum Schluss werden auch die Sitzenbleiber im Boot munter. Sie sehen Jesus von Angesicht zu Angesicht, und sie sind beschämt. Es heißt im Evangelium: „Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“
Kein Wort der Kritik ist jetzt von Jesus zu hören. Er kennt seine Leute, und sein liebendes Herz ist riesengroß. Lange hat es gedauert, bis bei ihnen endlich der Groschen gefallen ist.
Was beim so beeindruckenden und beglückenden Erlebnis des Brotwunders nicht gelang, das gelingt am Ende einer grauen-
vollen Sturmnacht. Ihnen gehen die Augen auf aus Ihrer Seh-Not: Sie erkennen jeder für sich, wer Jesus wirklich ist. Und sie tun das einzig Richtige, was dann zu tun ist: sie werfen sich demütig vor ihm nieder. „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“ - Vergessen wir das bitte nicht, wenn unser persönlicher Seesturm kommt.
Wertvolle Anregungen fand ich in dem Buch von Carsten Peter Thiede: „Der Petrus-Report: der Felsen der Kirche in neuem Licht“, Sankt Ulrich Verlag, ISBN 3-929246-85-6, 184 S., 16,90 Euro – siehe Linktipps!
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Predigt Cornelia Trick: „Ja zum Abenteuer“
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Predigt Pfr. Alfred Enz: „Jesus rettet den sinkenden Petrus“ (pdf)
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Predigt GreifBar: „Bootshocker und Wasserläufer“ (pdf)
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Predigt: „Der sinkende Petrus“ (pdf)
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Predigt: „Wo Jesus ist, ist auch ein Weg“ (pdf)
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Zwei Predigtvorschläge der Karl-Leisner-Jugend
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Lesehilfe des Katholischen Bibelwerkes (pdf)
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Dietmar Rebmann: „Der Sprung ins kalte Wasser“
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Tapfer: Der Küster an der Universitätskirche zu Cambridge beging sein 50-jähriges Amtsjubiläum. In seinen Dankesworten für die Glückwünsche bemerkte er: „Ich muss für viele Dinge dankbar sein. Vor allem für dies: in diesen 50 Jahren habe ich jede Predigt in dieser Kirche gehört und bin doch immer noch Christ!“ Zumutung: Polizist zu einem Mann, der gerade vor einer Gaststätte mit auffällig wankendem Gang auf sein Auto zugeht: „Mein Herr, in Ihrem Zustand heisst es doch wohl: Hände weg vom Steuer!" Der Autofahrer erwidert: „Was? Wenn ich getrunken habe, soll ich auch noch freihändig fahren?"
Sie können diese Predigt auch selbst als pdf-Datei herunterladen
(der Link funktioniert bis etwa 10.9.2011, danach per E-Mail bei mir anfordern) >> BITTE KLICKEN !
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