Dass Jesus am dritten Tag auferweckt werden würde, ist bei ihm im Kopf offenbar nicht wirklich angekommen. Petrus hat nur gehört: „…vieles er-
leiden…“ und „getötet“.
Wir können uns gut vorstellen,
wie fieberhaft Petrus jetzt überlegt:
Um Gottes Willen! Das muss doch irgendwie zu verhindern sein! - Sicher gibt es dafür noch eine andere Lösung, wenn du nicht so stur bleibst, Jesus! - So bitte nicht, Jesus!
Bis zu diesem Moment geht Petrus nach damaligem Brauch Schritt für Schritt hinter Jesus her, wie dies alle Schüler eines Rabbis machten. Viele Gespräche fanden so beim gemeinsamen Gehen statt. Vorneweg stets der Meister, dahinter die Lernenden.
Nach dieser Erklärung Jesu eilt Petrus jedoch nach vorne und stoppt Jesus. Er spricht ihn von der Seite an. In der Einheits-
übersetzung heißt es: „Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe…“
Das ist noch harmlos ausgedrückt. Genauer müsste es wort-
wörtlich heißen: Petrus nahm Jesus am Arm und fuhr ihn an.
Petrus ist also richtig aufgebracht und empört. Er packt Jesus am Arm. Er hält seinen Meister gewaltsam fest und hindert ihn am Weitergehen. Sofort platzt er mit seiner Meinung heraus: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“
Ja, Petrus meint es wirklich nur gut. Es ist, als wollte er seinen Herrn wachrütteln: Noch ist es früh genug, um das Leiden zu vermeiden! Geh diesen bitteren Weg nicht weiter! - Erspare dir und uns diese Schmach! - Das darf der liebende Gott doch nicht zulassen!
Jesus reagiert prompt und mit aller Härte.
Es heißt: „Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Damit hatte Petrus ganz bestimmt nicht gerechnet. Warum ist Jesus auf einmal so grob, so knallhart?
Jesus reagiert so heftig, wenn es um die Erfüllung des Willens Gottes geht. Da kann es keine faulen Kompromisse geben.
An anderer Stelle (Joh 4,34) hat er das so formuliert: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat…“
Jesus hat den Satan, den Versucher, schon reichlich kennen-
gelernt. Beim Fasten in der Wüste hat Jesus erfahren, wie fast unerträglich stark die Versuchung werden kann. Er weiß, dass der Satan niemals aufgibt. Immer wieder versucht er, Jesus zu Fall zu bringen. Immer wieder will er einen Keil treiben zwi-
schen ihn und seinen Vater im Himmel.
Der Teufel sabotiert auf Erden Gottes Willen, wo er nur kann. Natürlich macht er das nicht ganz plump und ungeschickt. Er ist nämlich nicht das doofe rote Teufelchen, das vom Kasper am Ende immer eins auf die Mütze bekommt. Vielmehr verpackt er seine Hinterlist gegen Gott möglichst recht nett, damit es nicht so offensichtlich ist.
Diesmal ist Petrus dran, der doch nur einen guten Rat geben will. Die Einflüsterung des Satans klingt für uns Menschen erst einmal ganz plausibel: Du brauchst nicht den schmerzhaften Weg zu gehen, vielleicht gibt es dafür eine elegantere Lösung. - Erst einmal in Ruhe nachdenken. Auf die lange Bank schieben.
Klar, aus den Augen, aus dem Sinn. Jesus durchschaut die teuflischen Pläne. Man darf dem Burschen nicht einmal den kleinen Finger reichen, sonst ist gleich die ganze Hand weg.
Der hat ja schließlich nichts mehr zu verlieren. In Petrus könnte der Satan heute allerdings einen Schwachpunkt gefunden haben,
um Jesus auszuhebeln.
Er ist wie ein Einbrecher, der sich immer die schwächste Stelle in der Sicherheit des Hauses aussucht, um alles Wertvolle stehlen zu können. Gelingt es ihm, Petrus mit den teuflischen Krank-
heitskeimen anzustecken?
Wie es scheint, hat es Petrus erwischt. Da kann nur noch eine radikale Therapie durch Jesus helfen. Mit harten Bandagen schafft Jesus es, seinen Schüler Petrus wieder zu Verstand zu bringen.
Der wird im wahrsten Sinne des Wortes zurückgewiesen, wenn Jesus ihm befiehlt: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“
Das heißt: Hinter mich! Steh mir nicht im Weg!
Petrus, der noch neben Jesus steht, muss sofort zurück, muss wieder hinter Jesus, muss wieder in die Reihe der Jünger, um ihm nachfolgen zu können.
„Disciplus“ heißt Schüler auf Latein. Daher kommt unser Wort „Disziplin“. Jesus ruft Petrus energisch zur Diziplin auf, zur Ordnung: So bitte nicht, Petrus! - Aus dem Felsen darf kein Stein des Anstoßes werden, wenn es um die Erfüllung des Willens Gottes geht.
Im zweiten Teil des heutigen Evangeliums nutzt Jesus als Meister das gerade Geschehene sofort zur Belehrung für alle seine Schüler: „Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“
Jesus richtet dieses deutliche Wort also nicht an das ganze Volk. Es geht erst einmal ausdrücklich an die Adresse derer, die sich für ihn entschieden haben. „Wer mein Jünger sein will…“, sagt Jesus. Gott zwingt niemanden dazu. Er lässt uns den Willen, die Freiheit. Entscheiden muss jeder selbst. Die Versuchung aber trifft nicht nur Jesus und Petrus, sondern sie trifft uns alle.
Eine der größten Versuchungen ist es, dass wir heute wie die Jünger damals zwar unbedingt bei der Auferstehung dabei sein wollen, beim Kreuz aber bitte nicht. Wir alle wissen nur zu gut: Das Kreuz ist schmerzhaft. Seine Last drückt sich oft tief in unser Fleisch und unsere Seele ein. Da schreit natürlich niemand von uns: „Hurra!“
Viele Kreuze gibt es, die auf der Erde getragen werden.
Das Kreuz körperlicher oder seelischer Leiden ist allgegenwärtig. Wie viele Menschen sind schwer erkrankt, oft auch noch mit großen Schmerzen! Das Kreuz, von den eigenen Kindern nicht verstanden zu werden oder gar vom Ehepartner: viele kennen dies. Das Kreuz, in ein Altenheim entsorgt zu werden: bei uns in Europa ist es schon Normalität, während man z.B. in Afrika nur fassungslos den Kopf darüber schüttelt.
Das Kreuz, das Nötigste zum Leben nicht zu haben und am Abend nicht zu wissen, wie man die Kinder am nächsten Tag satt bekommt: Hunderttausende tragen es und müssen dabei immer neu gegen die Verzweiflung ankämpfen.
Viele, viele Kreuze gibt es.
Die Leute früher sagten dazu: „Unter jedem Dach ein Ach!“ - Nicht jedes getragene Kreuz macht sich dabei laut bemerk-
bar. Viele werden ganz still
ge- und ertragen. Manche werden auch schamhaft versteckt, auch bei den oberen Zehntausend. Wie viele Kreuze gibt es auch beim ewigen Einerlei vieler Menschen, bei der täglichen erschöpfenden Routine, dem nie endenden Berg an Arbeit, wie in einem Hamsterrad.
Das Kreuz der Benachteiligung und der Verfolgung haben viele Christen zu tragen, bis hin zu Folter und Tod in einigen Ländern dieser Erde. Wer bei uns heute als Jugendlicher seinen Klas-
senkameraden „gesteht“, dass er Messdiener ist, kann des Spottes seiner Mitschüler sicher sein.
Alles Leiden kostet uns viel Kraft.
Es geht an die Substanz.
Die schöne heile Glitzerwelt hat einen tiefen Riss. Viele moderne Menschen empfinden darum jede Art von Leid als bösartige Sabotage an ihrem vermeintlichen Recht auf ein schönes, sorgenfreies Leben. Not und Sorge, bitte seid so nett und stört mich nicht!
Jesus jedoch ist da auch ganz präzise in seiner Aussage für alle, die ihm nachfolgen wollen: So geht das nicht! - „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Er packt hier gleich drei wichtige Aussagen in einen einzigen Satz: Die erste: „der verleugne sich selbst“.
Leugnen heißt abstreiten, zurückweisen, widerrufen. Wer sich
in diesem Sinne selbst verleugnet, der weist seinen eigenen schönen Lebenstraum, seine eigenen Wünsche an das große Glück in die nötigen Schranken. Er lässt seinen Egoismus nicht wild wuchern wie unkontrolliertes Unkraut.
Auch er wird natürlich ständig von allem Möglichen in Ver-
suchung geführt, heutzutage sogar mehr als in früheren Zeiten. Auch ein Christ kann kaum verhindern, dass sich der Vogel der Versuchung auf seinen Kopf setzt. Aber er kann und muss sehr wohl verhindern, dass dieser sich dort ein Nest baut!
Wer Christus ernsthaft nachfolgen will, der kann eben nicht gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung laufen. Der Christ lehnt das Schöne und Angenehme im Leben dabei nicht ab, ganz im Gegenteil:
er ist Gott von Herzen dankbar dafür. Er lässt aber militärisch gesprochen nichts davon zum Kommandanten über sein Leben werden.
In der Taufe und bei jedem Kreuzzeichen bekennt der Christ sich dazu, dass es für ihn nur einen einzigen wirklichen Herren geben kann, und der heißt Jesus Christus. - Sich selbst verleugnen heißt also nicht, dass man nur noch im Büßergewand herum-
rennen muss, am besten mit einer doppelten Portion Asche auf dem Haupt. Sich selbst verleugnen heißt vielmehr: Gott die Ehre erweisen, die ihm gebührt. Und wirklich ernst nehmen, was da im Vaterunser immer so klar aus unserem Mund kommt: „Dein Wille geschehe…“
Die zweite wichtige Aussage Jesu in diesem Satz: „der…nehme sein Kreuz auf sich“ :
Also bitte kein Ausweichmanöver, wie Petrus es in guter Absicht vorschlägt. Nicht nur Jesus Christus geht seinen Weg durch das Leid, selbst auch im zeitweiligen Gefühl der Gottverlassenheit. Wer ihm nachfolgt, darf vor dem Leid keine listigen Tricks und Eiertänze probieren. Jesus liest uns hier das im Geschäftsleben gerne Kleingedruckte ganz laut vor: Auf jeden Christen kommt sein spezielles Kreuz zu, früher oder später, größer oder kleiner. Das ist noch sicherer als das Amen in der Kirche.
Jesus sagt nun: Stehe als Christ tapfer dazu! Nimm dein persönliches Kreuz auf dich, so wie ich auch mein Kreuz auf mich genommen habe!
Du hast Anteil an meinem Kreuz, und du hast Anteil an meiner Auferstehung! - Sage nicht wie Petrus: Das darf nicht geschehen! Hilf mir lieber beim Kreuztragen!
Beim Evangelisten Lukas (9,23) heißt es noch deutlicher, dass jeder „täglich“ sein Kreuz auf sich nehmen muss, also Tag für Tag. Das bedeutet: Jeder Tag hat seinen Schmerz. Jeden Tag gibt es auf dieser Erde viel zu viele Kreuze.
Hilf du beim Tragen, damit die Last der Leid-Tragenden geringer wird. Wenn du mich, deinen Herrn, wirklich liebst, wie du sagst, wird dir das ein Stück leichter fallen. Verkünde auch du wie eine Glocke, die laut vernehmbar läutet, durch dein tätiges Beispiel deinen Glauben. Mach es nicht wie die wortgewandten Schrift-
gelehrten, die sich aus allem mit klugen Worten herausreden, sondern lass Taten sprechen!
Die letzte wichtige Aussage Jesu aus seinem Satz zum Schluss:
Jesus sagt nicht nur: „der nehme sein Kreuz auf sich“, sondern es geht weiter mit: „und folge mir nach.“
Vielleicht werden Sie denken: Was soll daran Besonderes sein? Jeder soll eben sein Kreuz tragen. - Nein, das „und folge mir nach“ ist ganz, ganz entscheidend!
Erinnern Sie sich daran, dass die Jünger Jesu hinter ihrem Meister hergingen, wie es üblich war? So soll auch jeder von uns ihm nachfolgen.
Das aber heißt nichts anderes als: Ich gehe als Christ nicht allein, auch nicht in meinem Schmerz, mit meinem Leid. Um mich herum sind immer auch die anderen, die ebenfalls mit und hinter ihm gehen. Aber das Allerbeste ist doch: Man kann nur jemand nach-
folgen, wenn da einer vor einem geht, der einen führt, der einem den Weg zeigt, der einen nicht im Stich lässt, der einen ans Ziel dieser Wanderung bringt.
Und genau das dürfen wir nie vergessen, Sie und ich: Wenn wir nämlich über den dunklen Schatten unseres Kreuzes hinaus schauen, dann können wir ihn deutlich sehen, unseren Meister. Er geht direkt vor uns beiden und all den anderen, die ihm als Schüler folgen!
Achten wir nur ja darauf, dass wir bei unserem Gehen immer mit ihm in Verbindung bleiben! Bleiben wir ihm im wahrsten Sinne des Wortes immer schön dicht auf den Fersen. Das wird uns zum großen Segen werden, denn er bringt uns alle sicher heim an unser großes Ziel. Amen.
Predigt Prof.Dr.Dr. Klaus Müller: „Vom Kreuztragen hinter Jesus“
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Exegetisch-theologischer Kommentar (pdf)
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Predigt Roland Hofmann (nach unten scrollen bis zu Mt 16,21-27 – Von Gott verführt) >> BITTE KLICKEN !
Predigt Pfr. Rolf Steinhäuser: „Verstörende Botschaft“ (pdf)
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Lesehilfe des Katholischen Bibelwerkes (pdf)
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Predigt Pastor Reinhard Reitenspieß: „Gelassenheit lernen“
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Meine Predigt Parallelstelle Mk 8,27-35 (24.Sonntag B - 13.9.2009) >> BITTE KLICKEN !
Prof.Dr. Nikolaus Wandinger: “Petrus – Fels und Satan in einem”
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Arbeitshilfe Bistum Münster: „Berufung im Kreuz” (30 S. pdf)
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Video der Predigt des Kölner Generalvikars Dr. Schwaderlapp:
Erzieherischer Fehlschlag: In der Selbstbedienungs-Cafeteria einer katholischen Internatsschule nehmen die Kinder gerade ihr gemeinsames Mittagessen ein. In der Nachtisch-Ecke sieht man zuerst eine riesengroße Schüssel mit wunderschönen, saftigen Pfirsichen. Vorsichtshalber hat eine übereifrige Nonne davor ein Schild angebracht: „Pro Person nur maximal zwei Pfirsiche. Denke daran: Gott schaut zu!"
Einige Meter weiter steht ein großer Teller mit herrlichen Schokoladenkeksen. Auch davor steht eine Ermahnung der Nonne, wonach maximal drei Kekse erlaubt sind. Ein Schüler hat jedoch den Text durchgestrichen und darunter vermerkt: „Nehmt ruhig, so viel ihr wollt. Gott beobachtet gerade die Äpfel…"
Unverschämte Kundschaft: Der Elektriker steht minutenlang an der Haustür und ist reichlich genervt: „Das ist doch wirklich un-
verschämt! Da bestellen die einen dringend her, um die Klingel zu reparieren, und dann macht einfach keiner auf!"
Sie können diese aktuelle Predigt auch selbst als pdf-Datei herunterladen (der Link funktioniert bis etwa 26.9.2011; danach bei mir per E-Mail erhältlich!) >> BITTE KLICKEN !
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